Impfung gegen Corona: Israel macht den Praxistest

Ein Viertel von Israels Bevölkerung ist geimpft. Studien liefern erste Erkenntnisse über die Wirksamkeit des Biontech/Pfizer-Vakzins.

Eine Frau wird geimpft, neben ihr schaut ein Kind zu

Impfungen und Neuinfektionen sind gleichermaßen auf dem Vormarsch Foto: Oded Bality/dpa

TEL AVIV taz | Wer in Israel zum zweiten Mal seinen Ärmel hochkrempelt, um sich gegen Corona impfen zu lassen, erhält wenige Minuten später eine SMS von der Krankenkasse: „Wir haben eine Anfrage an das Gesundheitsministerium geschickt, Ihnen den grünen Pass zu senden.“ Dieser soll Israelis, die geimpft sind oder schon eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben, erlauben, zu ihrem alten Leben zurückzukehren.

Mittlerweile ist in Israel mit 2,7 Millionen Menschen bereits rund ein Viertel der Bevölkerung geimpft; davon haben eine Million Personen auch bereits die zweite Dosis erhalten. Dass sich das Land einen großen Vorrat an Biontech/Pfizer-Imfpdosen sichern konnte, liegt unter anderem an einer vergangene Woche bekannt gewordenen Vereinbarung zwischen der israelischen Regierung und Pfizer, der zufolge Israel die Daten zur Wirkung des Vakzins mit dem Unternehmen teilt.

Derzeit werden laufend neue Studienergebnisse veröffentlicht, die noch mit Vorsicht zu genießen sind, dennoch aber erste Schlüsse über die Wirksamkeit der Impfung jenseits der klinischen Prüfung erlauben. Die Krankenkassen Maccabi und Clalit untersuchen den Effekt, den das Biontech/Pfizer-Vakzin hat.

Flugsperre: Mit Beginn um 0 Uhr am Dienstag stellt Israel internationale Flüge ein. Die Maßnahme soll verhindern, dass Coronamutanten ins Land gelangen. Die Sperre gilt zunächst bis Sonntag. Ausnahmen gelten etwa für Medizin- und Warenlieferungen.

Unruhen: Bei Protesten gegen die Coronaregeln ist es in der Nacht auf Montag in der vor allem von Strengreligiösen bewohnten Stadt Bnei Brak bei Tel Aviv zu Ausschreitungen gekommen. Randalierer setzten unter anderem einen Bus in Brand. Auch in Aschdod und Jerusalem hatte es zuletzt Konfrontationen gegeben. (dpa)

Mut machen die neuesten Angaben von Maccabi: Die Krankenkasse teilte am Montag mit, dass bei lediglich 20 von 128.600 Empfän­ge­r*in­nen der zweiten Dosis nach mehr als einer Woche eine Corona-Infektion festgestellt wurde. Dies entspricht rund 0,015 Prozent. Von den Infizierten erkrankte niemand schwer, niemand musste ins Krankenhaus.

Allerdings betonte Maccabi, es handele sich um vorläufige Ergebnisse. Über die Geimpften ist bislang zudem nur wenig bekannt, so fehlen etwa Altersangaben. Auch beinhaltete die Studie keine Vergleichsgruppe. Vergleicht man die Daten von Maccabi aber mit den wöchentlichen Neuinfektionen in Israel insgesamt, so ergibt sich laut israelischen Medien ein etwas besserer Impfschutz als vom Hersteller angegeben.

Zuvor schon hatten vorläufige Studienergebnisse optimistisch gestimmt in Bezug auf besonders gefährdete Personen: So sank laut Maccabi die Zahl der Krankenhauseinweisungen bereits 18 Tage nach der ersten Spritze im Vergleich zu einer nicht geimpften Vergleichsgruppe. Am 23. Tag, zwei Tage nach der zweiten Dosis, sank sie bei geimpften Personen im Alter von 60 Jahren und älter um 60 Prozent.

Geimpfte weniger infektiös

In einer weiteren Untersuchung hat das Krankenhaus Sheba Medical Center in Ramat Gan 102 seiner medizinischen Mit­ar­bei­te­r*in­nen auf die Anzahl von Antikörpern untersucht, die diese nach der zweiten Dosis gebildet hatten. Einhundert hatten eine Woche nach der zweiten Spritze sechs- bis zehnmal so viele Antikörper wie eine Woche zuvor. Laut Nadav Davidovitch, Mitglied in Israels Covid-19-Beratungsstab, ist dies ein überragendes Ergebnis. Es bedeute, dass ein rund 98-prozentiger Schutz bestehe und sich diese Personen entweder nicht anstecken oder, falls doch, nur in milder Form erkranken.

Vor zwei Wochen hatten Untersuchungen von Maccabi und Clalit gezeigt, dass 14 Tage nach der ersten Dosis ein Rückgang der Infektionen zu verzeichnen ist. Clalit berichtet einen Rückgang um 33 Prozent, Maccabi um 60 Prozent. Warum die Zahlen so unterschiedlich sind, ist bislang nicht geklärt; ein Grund könnte die Tatsache sein, dass Maccabi geimpfte Menschen aller Altersgruppen in die Studie einbezog, Clalit dagegen nur Geimpfte über 60 Jahre.

Eine weitere Frage, die die Israelis bewegt, lautet: Können Geimpfte das Virus weiter übertragen und, wenn ja, wie infektiös sind sie? Auch diese Frage wird von Clalit untersucht. Erste, noch nicht veröffentlichte Einblicke legen laut Davidovitch nahe, dass die Infektiosität nach der Impfung reduziert ist. Zwar ist der Mediziner vorsichtig, da die endgültigen Ergebnisse noch nicht vorliegen, doch er geht von einer Reduktion der Infektiösität um mindestens 50 Prozent aus.

Britische Mutante breitet sich aus

Erschwert wird Israels Impfkampagne allerdings durch die Mutationen, die zuerst in Großbritannien, Südafrika und Brasilien aufgetaucht sind. Die britische Variante wird in Israel derzeit zur dominanten Form; bereits jetzt stammen 40 bis 50 Prozent der Neuinfektionen von der britischen Variante.

Davidovitch geht allerdings derzeit davon aus, dass der Pfizer/Biontech-Impfschutz auch gegen diese Mutante wirkt. Eine genetische Analyse, die sogenannte Sequenzierung, der Viren bei Neuinfektionen unter Geimpften lasse diesen Schluss zu. Über die Effektivität des Impfstoffs gegen andere Mutationen lasse sich dagegen noch nichts sagen.

Derweil gibt es Anzeichen, dass schwangere Frauen für die britische Mutation anfälliger sein könnten. Von zehn schwangeren Frauen, die im ernsten Zustand ins Krankenhaus eingeliefert wurden, wurden Proben zur Sequenzierung des Virus entnommen. Sechs von sieben bisher ausgewerteten Proben ergaben eine Infektion mit der britischen Mutante. Davidovitch warnt allerdings vor schnellen Schlüssen: „Es ist eine sehr kleine Zahl zur Untersuchung, wir müssen auf mehr Daten warten.“ Schwangere werden in Israel im Gegensatz zu vielen anderen Ländern nun ebenfalls geimpft.

Auch Kinder scheinen anfälliger zu sein für die britische Variante. Sharon Alroy-Preis, Leiterin der Abteilung für öffentliche Gesundheit im israelischen Gesundheitsministerium, sagte laut Medienberichten gegenüber dem Parlament in Jerusalem, dass „40 Prozent der Krankheiten bei Kindern auftreten, ein höherer Prozentsatz als ihr Anteil an der Bevölkerung“. Das Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem hat vergangene Woche eine Intensivstation für Kinder eingerichtet, die an Covid-19 erkrankt sind. (mit Agenturen)

Dieser Artikel wurde aktualisiert und stellenweise korrigiert um 16.22 Uhr. In einer früheren Version des Textes fanden sich falsche Prozentangaben.

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