: Im Witz verbunden
Foto: Jan Frommel
Aus München Andreas Rüttenauer
Schön ist es hier, mitten im Stadtteil Sendling. Und ruhig ist es auf dem Balkon im Hinterhof. Vor dem Haus läuft eine dieser typischen Münchner Verkehrsadern entlang, die nur in der Nacht für ein paar Stunden zur Ruhe kommen. Hinten im Schatten eines Ahornbaums auf dem Balkon lässt es sich an diesem sonnigen Tag Anfang Oktober bestens unterhalten. Davor wird Kaffee gemacht. „Der soll ganz gut sein“, sagt Ecco Meineke und zeigt auf die Tüte mit den Bohnen, die er in seine Maschine gibt. Bio natürlich. „For Cuba“, steht auf der Packung, wie es sich gehört für einen engagierten Künstler, möchte man meinen. Die Bohnen sind von Lavazza. „Gibt’s bei Edeka“, sagt Meineke. So sei das eben heute, der Kapitalismus verkaufe Linken im Supermarkt ein gutes Gewissen. War das jetzt eine Pointe? Kann schon sein. Ein Gespräch mit Ecco Meineke kann schnell mal zum Kabarett werden.
Um die taz soll es gehen bei dem Gespräch. Und wie er aus der taz Kabarett gemacht hat, immer noch macht. Seit 1978 steht Meineke auf der Bühne, baut Pointen aus dem, was passiert ist in der Welt. Aus dem, was Regierungen mit der Welt anstellen. Seit April 1979 bezieht er sein Wissen darüber vor allem aus der taz, „als einer der ersten Abonnenten“, wie er stolz sagt. Vorher gab es diese Stimme der Gegenöffentlichkeit, wie man damals sagte, ja noch nicht. Da besorgte er sich die autonomen Flugblätter und Flugschriften, die zur Vorgeschichte der taz gehören. Ein junger Kerl war er damals: 18 Jahre alt, als er seine Beziehung zur taz aufbaute.
Wer ihn in seiner Wohnung besucht, sieht sofort, wie eng diese Liaison ist. In allen Zimmern sind so viele Zeitungen aufgestapelt, dass für Möbel nur wenig Raum bleibt. In den Regalen steht eine Art Handarchiv für seine Kabarettshow. Dort sind die Artikel abgelegt, die Geschichten enthalten, die er für kabarettgeeignet hält. Im Flur stapeln sich Kisten mit gelesenen taz-Ausgaben bis unter die Decke. „Das müsste noch archiviert werden“, sagt er. Aber alleine sei das nicht zu schaffen. Eine studentische Hilfskraft, die ihm dabei hilft, all das abzuheften und einzusortieren, was er schon gelesen hat, das wär’s. „Die zahl ich dann auch gern.“
Leisten kann er sich das zurzeit nicht. Genauso wenig wie ein Abo der Süddeutschen Zeitung, deren Lokalteile er auswertet, bevor er ein Kabarettprogramm in seiner Heimatstadt München zur Aufführung bringt. Ein Nachbar versorgt ihn dann. Und so finden neben Artikeln aus der taz stets auch noch ein paar aus der SZ in sein Archiv. Ihnen allen ist anzusehen, dass sie gelesen wurden. Sie sind markiert: Wichtige Textstellen sind unterstrichen oder eingekreist. Bemerkungen stehen am Rand. Manchmal auch ein Gedicht, zu dem ihn die Lektüre inspiriert hat. Was ihm eben so einfällt beim Lesen.
Gerade ist unter dem Titel „Das wahre Türkis“ ein Gedichtband von Meineke im Salon Literatur Verlag erschienen. Da geht es feiner zu als in seinen Kabarettprogrammen, poetischer. Politisch ist seine Lyrik obendrein. Und der Kabarettist kommt auch da bisweilen durch. Beispiel gefällig? „Lyrik boomt/ Gedichte sind super!/ Zack Zack!/ Fertig. Aus.“ Der Titel des Gedichts: „Ohne Worte.“ Er habe immer schon auch Gedichte geschrieben. Auf Servietten, Bierdeckeln, Flugblättern und eben an den Rand von Zeitungsartikeln. Auch die Servietten sind archiviert.
PoLaBu und ABC
Beim Blick auf die zahllosen Ordner mit abgehefteten Zeitungsartikeln drängt sich die Frage auf, ob er denn finde, wenn er etwas Spezielles sucht. Ja, meint er. Dafür habe er ja sein Notationssystem entwickelt. Was archiviert werden soll, erhält ein Kürzel, „PoLaBu“ zum Beispiel. Das steht für „Politik auf Landes- und Bundesebene“. Besonders wichtig für ihn sind die Artikel, die er mit „ABC“ markiert. Da sammelt er kommunale Geschichten über Städte und Orte, in denen er war oder von denen er weiß, dass er sie besuchen wird.
Ecco Meineke, digitalskeptischer Kleinkünstler
Als er noch Ensemblemitglied der Münchner Lach- und Schießgesellschaft war und mit der Kulttruppe auf Tour war, hat er Bühnen in ganz Deutschland abgeklappert. „Es gibt da eine riesengroße Kiste“, erzählt er. Informationen über mehr als 250 Städte hat er darin gesammelt. „Als ich mit der Lach und Schieß unterwegs war, hatte ich immer ein Konvolut dabei. Ich wusste genau, was ich ansprechen musste.“ Wenn der Gemeinderat sich bei der Anschaffung einer neuen Kläranlage für den Ort hat bescheißen lassen, Meineke wusste es und konnte es anspielen. Irgendwelche rechten Umtriebe irgendwo in Hessen? In der taz war ganz bestimmt etwas dazu zu finden.
Fünf Programme hat Meineke zwischen 2003 und 2009 mit der Lach- und Schießgesellschaft gespielt. Die verdankt ihren Ruhm den glorreichen Zeiten mit Kabarettikone Dieter Hildebrandt, der 2013 gestorben ist. Meineke hat den Meister besucht, als er an den Programmen für das Ensemble gearbeitet hat. Und was fand er da vor? „Sein Arbeitszimmer war voll mit Ordnern. Und er konnte nachschlagen und mir genau belegen, welcher Politiker wann was gesagt hat. Alles mit Schreibmaschinen abgetippt.“ Hildebrandt war also auch so ein Archivkabarettist. Nur eben nicht so tazzig wie Meineke.
Auch ein anderes Archiv hat es dem Multiartisten, der auch noch Musiker, Dramatiker und bildender Künstler ist, seinerzeit angetan. In einem Keller unter der alten Spielstätte der Lach- und Schießgesellschaft in Schwabing lagerten neben Kostümen und Requisiten auch die Texte aller Programme des Ensembles seit seiner Gründung. Mit leuchtenden Augen erzählt Meineke von seinen Erkundungen, die er für das Jubiläumsprogramm zum 50. Geburtstag der Lach- und Schießgesellschaft, angestellt hat. Die alten Texte, die ja nie gedruckt veröffentlicht wurden, in die Hand zu nehmen, muss ein tolles Gefühl gewesen sein.
Die taz in der Hand
Foto: Andreas Rüttenauer
Vom Gefühl, eine taz in der Hand zu halten, auch davon spricht Meineke. Seit einem Jahr hat er nur noch einmal in der Woche die Möglichkeit dazu. Die wochentaz wird wie gehabt ausgewertet und archiviert. Die Ordner mit der Aufschrift „Nahost“, „Osteuropa“, „Westeuropa“, „Wirtschaft“, „Umwelt“ oder eben „PoLaBu“ wachsen nun eben langsamer seit der Seitenwende vor einem Jahr, seit die taz den werktäglichen Druck eingestellt hat.
Und sonst? Er sitze jetzt noch mehr vor dem Bildschirm als vorher. Das Tablet, das er mit der Seitenwende über die taz bezogen hat, benutzt er kaum. Ihm fehlt eine Funktion zum Markieren und Notieren. Und sein Archiv? „Das wandert jetzt natürlich auf Festplatte. Und eigentlich weiß ich ganz genau, was man abspeichert, ist zugleich weg.“ Ihm fehlt die haptische Verbindung zur taz schon sehr. Aber er bleibt ihr treu.
Er hat schließlich noch viel zu sagen. Und was er sagt, muss stimmen. „Die Leute können sich bei meinen Programmen darauf verlassen, dass sie nichts Falsches hören“, sagt er. Und so verlässt er sich weiter auf die taz, auch wenn er mit dem Digitalen weiter fremdelt. Am Ende kommt es ihm auf die Geschichte an, die er hinter den Texten erspürt. „Wenn man eine Zeit lang intensiv liest, dann erkennst du diese Geschichten hinter irgendwelchen Zahlen. Du siehst Personen, die irgendetwas durchleiden. Und wenn du dir das zu eigen machst, dann kannst du daraus Kunst schaffen, ganz oft mit deinen eigenen Worten oder mit deiner eigenen Musik weitertragen auf eine andere, auf einer anderen Ebene.“ Wie nebenbei erklärt er die Kunst seines Schaffens.
Und wie genau geht das? So zum Beispiel: Im Januar hatte er in der taz einen Kommentar zu den Gefühlen von Hilfsbedürftigen gelesen, die sich an einer Tafel mit Lebensmitteln versorgen müssen. Dazu hat er sich notiert: „Meine Damen und Herren, ein Aufruf an die Bevölkerung! 13 Millionen unserer Mitbürger leben an der Armutsgrenze. 1,5 Millionen lassen sich von einer der fast 1.000 Tafeln versorgen. Sie wissen ja: Bei uns wird die Hälfte des Essens weggeworfen. Das ist zu wenig. Denken Sie auch an unsere Bedürftigen: Schmeißen Sie mehr weg!“ Vielleicht ist das schon bald auf der Bühne zu hören. Eine Pointe mit taz-Geschichte.
Vielleicht wird auch ein Songtext draus. Denn Musiker ist Meineke auch. Als Ecco di Lorenzo ist er das Gesicht und die Stimme der Band Innersoul. In der gleichen Rolle musiziert er im Ecco di Lorenzo Jazz Quartett. 2019 veröffentlichte er zusammen mit dem Pianisten Andy Lutter eine CD mit Chansons. Er macht Klezmermusik, hat schon mal eine Big Band zusammengestellt und schreibt immer wieder Folksongs, was er schon tut, seit er zum ersten Mal aufgetreten ist.
Dass er sich nun auch Dramatiker nennen kann, liegt an dem musikalischen Kammerspiel, das er als Hommage an Janusz Korzcak geschrieben hat. „Das Spil“ heißt das Stück über den polnischen Kinderarzt, Pädagogen und Kinderbuchautor, der die Schützlinge seines jüdischen Waisenhauses bei deren Deportation in das Vernichtungslager Treblinka bis in den Tod begleitet hat. Nach intensiven Recherchen auch in Warschau ist es vor zwei Jahren in Straubing zur Uraufführung gekommen. Jetzt will Meineke das Stück nach Polen bringen und ist auf der Suche nach Förderern.
Und da ist noch etwas ganz anderes. Alle, die den Film „Der Schuh des Manitu“ gesehen haben, sind Meinekes Stimme schon mal begegnet. Und wer hat, bitteschön, den Indianerunsinn nicht gesehen, den Meineke in seiner Kabarettautobiografie „Ich sehe bereits einen Tunnel am Ende des Lichts“ (Alibri Verlag 2024) selbst als „Machwerk“ bezeichnet. Auch der Text des Werbesongs für eine Waffe, die im Film vorkommt, ist von Meineke: „Ask your local weapon trader/ For the Superperforator.“
Das Publikum zum Engagement bewegen
Das kann er also auch: Quatsch. In seinem aktuellen Soloprogramm macht er ihn zum Thema. „Future – muss ja!“, heißt es. Er nennt „Get-up–Stand-up“, was er da macht, ein Experiment am lebenden Comedian. Schafft der es endlich, einmal etwas zu bewegen, statt sich darüber zu freuen, dass sein Publikum über irgendeine anzügliche Pointe wiehert? Gelingt es ihm, sein Publikum aus dem alltägliche „Informationsrinderwahnsinn“ zu befreien und zum politischen Engagement zu bewegen? Das wär’s doch.
Ecco Meineke schließt damit an seine vergangenen Soloprogramme an. „Und wir kamen aus dem Wasser“, heißt eines davon. Darin stellt er die fiesesten Wasserprivatisierer vor, Wasserverschmutzer oder einen Bergführer, dem während seiner Tour die Gletscher abhandenkommen, die er doch eigentlich vorführen wollte. So etwas kommt also raus, wenn ein Kabarettist die taz förmlich aufsaugt. Infokabarett ist das, wie es Fernsehzuschauer aus der von Meineke so sehr geschätzten „Anstalt“ im ZDF kennen. Ach ja, da ist er auch schon aufgetreten.
Foto: Live und in Aktion: Ecco Meineke auf der Bühne Foto: Matt Devereux
Für Meineke ist Kabarett auch eine Form des Aktivismus. Zu seinen Auftritten bringt er oft Flyer von Naturschutzorganisationen oder Werbematerialien für politische Infoveranstaltungen und Demos mit. „Auch etwas Haptisches“, sagt er und schwärmt vom guten, alten Flugblatt. Das könne man schön klein falten, in die Hose stecken und zu Hause dann irgendwann wiederentdecken. „Aber soll ich wirklich QR-Codes zum Abscannen zur Verfügung stellen?“ Da ist sie wieder, die Digitalskepsis des Kleinkünstlers mit dem ganz persönlichen taz-Gedächtnis. „Das ist doch sehr flüchtig auf dem Smartphone“, sagt er.
Doch Meineke ist alles andere als ein Kulturpessimist. Auch in Zeiten des aufziehenden Faschismus will er den Glauben an das Gute in der Zukunft nicht aufgeben. Das neue Nachtleben in München gibt ihm da Hoffnung. „Junge Leute treffen sich einfach draußen auf der Straße.“ Sie machten die Stadt zum Klub. Er sieht darin eine Art Gegenprogramm zur Vereinsamung vor den Bildschirmen der Smartphones. Wie heißt noch mal sein aktuelles Programm? „Future – muss ja“. Eben.
Und das Kabarett? Hat das Zukunft? Die Antwort steht in Meinekes Buch: „Na klar! Jede Kunstform ist tot, sobald es sie gibt!“ Man müsse sie nur weiterentwickeln. Das will er weiterhin versuchen. Auch mithilfe der taz. Und vielleicht schaut er ja doch mal in die Ordner auf seiner Festplatte, wo nun sein Archiv abgelegt ist. Dann hätte er seine ganz persönliche Seitenwende vollbracht. Muss ja! Andreas Rüttenauer
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