Im Krisenfall nicht vorbereitet: Brauchen wir eine Gasspeicher-Reserve?
Der ungewöhnlich niedrige Füllstand der deutschen Speicher beschäftigt Gaswirtschaft und Bundesnetzagentur. Vorbild könnte der Umgang mit Erdöl sein.
Der Füllstand der deutschen Erdgasspeicher ist kurz davor, die Marke von 30 Prozent zu unterschreiten – das sind 23 Prozentpunkte weniger als zur gleichen Zeit im Vorjahr. Bis zum Ende der Heizsaison könnten die Speicher je nach Wetterentwicklung weitgehend leer sein, was die Debatte über eine strategische nationale Erdgasreserve befeuert. Zwar hat Deutschland die größten Erdgasspeicher unter allen europäischen Ländern, doch diese Kapazitäten werden von den Unternehmen derzeit nach ökonomischen Kriterien bewirtschaftet, nicht unter dem Aspekt einer strategischen Krisenvorsorge.
Der derzeit sehr geringe Füllstand der vier Dutzend deutschen Gasspeicher hat hauptsächlich zwei Ursachen. Zum einen startete Deutschland am 1. November in die kalte Jahreszeit mit nur 75 Prozent Speicherfüllstand – im Gegensatz zu 98 Prozent im Jahr zuvor. Zum anderen war der Verbrauch witterungsbedingt hoch, auch für die Stromerzeugung: Die Gaskraftwerke der öffentlichen Versorgung in Deutschland erzeugten im Januar – bedingt durch Kälte und oft geringe Beiträge der erneuerbaren Energien – Strom in einer Menge wie in keinem anderen Monat in den letzten zehn Jahren.
Diese Entwicklung schreckt nun Politik und Energiewirtschaft auf: Plötzlich wird unter den Akteuren die Idee einer staatlich regulierten Gasreserve populär. Für Erdöl gibt es die nämlich längst, getragen durch den 1978 gegründeten Erdölbevorratungsverband (EBV), der unter der Aufsicht des Wirtschaftsministeriums steht. Der EBV muss jederzeit genug Erdöl und Erdölerzeugnisse vorhalten, um für drei Monate einen vollständigen Ausfall aller Importe ausgleichen zu können – also etwa 15 Millionen Tonnen Rohöl und 9,5 Millionen Tonnen fertige Mineralölerzeugnisse.
Jetzt also das Gleiche auch für Erdgas? Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, begrüßte eine Diskussion über eine strategische Gasreserve, „weil wir auch disruptive Ereignisse absichern sollten“. Aus der Energiebranche kommen ebenfalls bereits entsprechende Vorschläge: „Zur Absicherung eines akuten Krisenfalls und unerwarteter externer Schocks ist die Schaffung einer Speicherreserve ein sinnvolles Instrument“, sagte Kerstin Andreae, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).
Zweifel am aktuellen Regime
Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender des Gasversorgers EWE in Oldenburg, äußerte sich sogar ausführlich auf Social Media: „Bis zum Sommer 2026 muss eine Entscheidung getroffen werden, wie Deutschland seine Gasversorgung künftig absichert.“ Das aktuelle Regime funktioniere nicht mehr.
In der Vergangenheit konnten die Gasversorger im Sommer billiges Erdgas beziehen und einspeichern, weil vor allem Russland kontinuierlich lieferte. Dieser sogenannte Sommer-Winter-Spread machte das Vorgehen attraktiv, und so waren die Speicher im Herbst stets gut gefüllt. Das hat sich inzwischen geändert. „Im vergangenen Sommer gab es im Markt kaum Preissignale, die Speicher zu befüllen“, schrieb Dohler. Das sei „kein theoretisches Problem – das ist ein reales Risiko für den nächsten Winter.“
Eine ausreichend dimensionierte strategische Gasreserve, die der Staat anlegt und nur im physischen Engpassfall freigibt, könnte hier ansetzen. Als eine Option gilt, einen staatlich kontrollierten Akteur zu beauftragen, eine definierte Erdgasmenge in den bestehenden Speichern einzulagern. Das wäre leicht möglich, weil die Speicherbetreiber reine Dienstleister für die Gaswirtschaft sind; sie agieren unabhängig im Auftrag der einspeichernden Unternehmen.
Ein solcher Akteur im Auftrag des Staates könnte Trading Hub Europe (THE) sein, ein bestehender Zusammenschluss deutscher Gasnetzgesellschaften. THE könnte Kapazitäten für eine Basisbefüllung buchen, auf die die Gaswirtschaft erst dann zurückgreifen darf, wenn die Politik dies in einer Krisensituation erlaubt. Idealerweise würde eine solche Reserve über Jahre hinaus nicht angetastet.
Vorbild Österreich
Als Musterbeispiel einer solchen Reserve in Europa gilt Österreich, das über einen gezielt angelegten und staatlich kontrollierten Erdgasvorrat verfügt. Seit November 2022 beträgt dieser 20 Terawattstunden (also 20 Milliarden Kilowattstunden). Bezogen auf die Einwohnerzahl müsste Deutschland im Vergleich dazu über rund 180 Terawattstunden an strategischer Reserve verfügen. Das wäre in dieser Höhe aber kaum denkbar, da die gesamte Speicherkapazität in Deutschland bei rund 250 Terawattstunden liegt.
Auch Italien und Ungarn verfügen über strategische Erdgasvorräte. Ebenso hat Frankreich eine Reserve; dort werden die Erdgasspeicher seit 2018 von der CRE reguliert, der Commission de régulation de l’énergie. Auf diese Weise kann die Regierung ein Mindestmaß an Kapazität festlegen, das die Gasunternehmen in den Speichern buchen müssen.
Wie eine strategische Gasreserve in Deutschland angelegt sein könnte, bleibt einstweilen offen. „Zu möglichen Ausgestaltungsoptionen“ will sich die Bundesnetzagentur auf Anfrage aktuell nicht positionieren. Ähnlich unbestimmt äußert sich der BDEW. Nur lassen alle Akteure durchblicken, dass sie die Debatte über das Thema begrüßen.
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