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Im Aufschwung

Das Magazin „Surplus“ macht Wirtschaftsjournalismus von links und wird dabei von namhaften For­sche­r*in­nen und Öko­no­m*in­nen unterstützt. Ein Redaktionsbesuch zeigt das Erfolgsrezept

Von Anastasia Zejneli

Vielleicht müssen wir uns in der Printausgabe noch einmal vorstellen, weil so viele neue Leser dazukommen?“, fragt Gründer und Chefredakteur Lukas Scholle seinen Kollegen Matthias Ubl. Gemeinsam besprechen sie in einem spärlich eingerichteten Büroraum in Berlin-Kreuzberg den aktuellen Stand der nächsten Printausgabe des Surplus Magazins, einem Wirtschaftsmagazin mit progressiven Stimmen. Das erste Magazin erschien im Februar 2025, und die Le­se­r*in­nen­schaft wächst. „Vielleicht können wir eine Doppelseite ins Magazin bringen?“, schlägt Scholle seinem Print-Chef vom Dienst vor, der am Macbook mitschreibt. „Als Mind Map mit allen Gesichtern und Joberklärungen?“, fragt Ubl.

Anlass für eine Vorstellungsrunde gibt es zur Genüge. Surplus („Sörplas“, englische Aussprache) hat nach anderthalb Jahren bereits eine Auflage von 12.000 Exemplaren, in den vergangenen 12 Monaten sind sie um rund 70 Prozent gewachsen. Das Magazin befindet sich, so würden es wohl Öko­no­m*in­nen sagen, gerade im Aufschwung. Doch was macht Surplus so erfolgreich?

Das noch junge Team hat eine Lücke in der Wirtschaftsberichterstattung gefunden und weiß diese für sich zu nutzen: Ihnen fehlte der progressive Blick auf die Wirtschaft. „Surplus“, also der Überschuss des Wirtschaftens, ist ein zentrales Element vieler Wirtschaftstheorien und großer Denker. Und damit auch ein zentraler Bestandteil der Berichterstattung für die Redaktion.

Ihre Themen machen sie nun online und alle zwei Monate als Printmagazin, fordern die Reichen- und Erbschaftsteuer, mehr Mitspracherecht von Ar­beit­neh­me­r*in­nen und erklären, warum es Vergesellschaftung braucht. Und das mit hochkarätigen Namen aus der „Econ-Bubble“, wie der erst 28-jährige Chefredakteur Lukas Scholle gern sein Umfeld nennt. Herausgegeben wird das Magazin von den Öko­no­m*in­nen Maurice Höfgen und Isabella Weber, der Ungleichheitsforscherin Martyna Linartas und mit Unterstützung von dem britischen Wirtschaftshistoriker Adam Tooze. Ko­lum­nis­t*in­nen wie Klimaaktivistin Luisa Neubauer oder Tech-Promi Aya Jaff sorgen für Reichweite.

In einem einstöckigen Anbau in einem Berliner Hinterhof sitzen die Re­dak­teu­r*in­nen gemeinsam mit den Kol­le­g*in­nen vom Jacobin Magazin zusammen im kleinen Großraumbüro. Beide Magazine gehören zum Brumaire Verlag. Der Eingangsbereich ist Besprechungsraum und Küche zugleich. Hier stapeln sich Mate und Afri-Cola-Kisten. An den Wänden reihen sich die aktuellen Ausgaben von Surplus und Jacobin auf, ein Karl-Marx Comic hängt neben dem Kühlschrank. Und trotzdem schreiben hier kaum Marxist*innen. Zwar sollen die Positionen von Marx bis zum Post- und Neu-Keynesianismus reichen, doch verbindet die meisten Autorinnen ein Wirtschaftsverständnis, das auf den Theorien des britischen Ökonomen John Maynard Keynes beruht. Dieser argumentierte für einen stärker in den Markt eingreifenden Staat.

Das Redaktionsteam von Surplus ist jung. Eva Kaiser ist eine von den Neuzugängen. Sie startete als Praktikantin in der Redaktion und ist nun Teil des Teams. „Wenn ich erzähle, dass ich bei einem Wirtschaftsmagazin arbeite, fragt sich die andere Seite oft, ob ich eine 180-Grad-Drehung gemacht habe“, erzählt sie. Mit Wirtschaftsjournalismus verbänden viele die FAZ oder das Handelsblatt, wo es um die großen wirtschaftlichen Entscheider*innen gehe. „Bei Surplus verstehen wir Wirtschaft pluraler. Nicht allein als Beschlüsse in Vorstandszimmern oder als Aktienkurse. Wir gucken auch dorthin, wo Tarife verhandelt und Wochenendeinkäufe bezahlt werden.“ Surplus will eigene Themen setzen, jünger und auch weiblicher sein. Das Team ist daher paritätisch besetzt.

Auch Print-Chef vom Dienst Matthias Ubl schätzt die Expertise, die viele Au­to­r*in­nen aus der Forschung mitbringen. Damit die Texte fachlich korrekt, aber auch verständlich zu lesen seien, ist das Team zusammengestellt aus Jour­na­lis­t*in­nen wie ihm und Leuten, die einen Wirtschaftshintergrund haben. „Ich habe erst durch die Arbeit hier gemerkt, wie einseitig deutsche Medien auf die Wirtschaft blicken, es gibt ein deutliches Übergewicht von neoliberalen und marktfundamentalistischen Positionen und das wird dann als neutrale Berichterstattung verkauft.“ Das Wichtigste an Surplus sei, ein Gegengewicht dazu herzustellen und „mitzumischen“.

Ein Erfolg, an den Lukas Scholle vor einigen Jahren noch nicht wirklich glaubte. 2021 beschäftigte der Linken-Politiker Christian Görke sowohl Scholle als auch den späteren Herausgeber Maurice Höfgen als wissenschaftliche Mitarbeitende. Die beiden verstanden sich und waren aktiv auf Twitter, wo sie gelernt hatten, „Thesen auf 280 Zeichen zuzuspitzen“, erzählt Scholle.

Damals fehlte ihnen die progressive Wirtschaftsberichterstattung, daher half Scholle Höfgen seinen Youtube-Kanal aufzubauen. Ende 2022 wurde Scholle Geschäftsführer des Brumaire Verlags, der Wunsch einer eigenen Veröffentlichung wuchs. Anfang 2024 dann der Entschluss: „Maurice und ich saßen mit Patrick Kaczmarczyk, der jetzt auch bei Surplus ist, bei einem Bier zusammen und hatten alle das Gefühl, dass es Zeit wurde, mehr über progressive Ansätze zu berichten.“ Am nächsten Tag habe Scholle frühmorgens ein Konzeptpapier herumgeschickt. „Ich bin einfach so, ich schlafe dann etwas weniger, denke nach und schreibe so was schnell runter.“

Zu Beginn sollte Surplus nur ein gemeinsamer Newsletter sein, doch als Scholle weitere Un­ter­stüt­ze­r*in­nen wie Adam Tooze, Isabella Weber, Mariana Mazzucato und Thomas Piketty dazuholte, war klar, dass es etwas Größeres werden soll. „Adam Tooze kannte ich bereits über Twitter, aber wir haben uns zum ersten Mal in einem Fitnessstudio in Schöneberg getroffen, ganz zufällig.“ Daraus sei eine innige Zusammenarbeit geworden. Scholle hat Talent darin, sich sowohl online als auch offline gut zu vernetzen, was im Zuge des Launches enorm half. Auch Isabella Weber, kannte Scholle bereits, bevor er das Magazin gründete, half ihr sporadisch bei ihrer Pressearbeit.

Zu Beginn sollte Surplus nur ein Newsletter sein, doch als Scholle weitere Un­ter­stüt­ze­r*in­nen wie Adam Tooze und Isabella Weber, dazuholte, war klar, dass es etwas Größeres werden soll

Zu den Her­aus­ge­be­r*in­nen hat er einen direkten Draht. Auch am Nachmittag bei der Themenrunde für das kommende Jahr, schwebt ihre unsichtbare Hand über die Köpfe der Redakteur*innen. Scholle erinnert an die Schwerpunktwünsche der Herausgeber, Tooze wünsche sich sehr eine Migrationsausgabe, betont Scholle, während alle anderen das Planungsdokument auf ihren Macbooks öffnen. Doch auch die Re­dak­teu­r*in­nen haben Vorstellungen für das nächste Jahr, etwas Leichtes wie eine Influencer-Ausgabe, könnten sich die jungen Kol­le­g*in­nen gut vorstellen. Selbst die Le­se­r*in­nen sind im Durchschnitt mit 39 Jahren nur wenige Jahre älter. Ungewöhnlich für ein Printprodukt.

Für 60 Prozent der Abon­nen­t*in­nen ist es das erste Wirtschaftsmagazin, das sie abonnieren. Surplus zielt damit klar auch auf Leute ab, die vorher kaum Wirtschaftsnachrichten gelesen haben, gleichzeitig bedienen sie mit ihren Fach­ex­per­t*in­nen das Publikum der Wirtschaftsbubble. „Wir haben den Anspruch für verschiedene Wissensstände zu schreiben, mal eine lebensnahe Reportage, die wenig Vorwissen braucht, mal eine abstraktere Analyse, die eher etwas für die Wirtschaftsnerds ist“. Die Leserschaft bildet alters- und einkommensmäßig den Schnitt der Bevölkerung ab, sei aber etwas überdurchschnittlich gebildet, sagt Scholle. In der Zukunft kann er sich vorstellen, dass mit Hilfe von KI Fachbegriffe an der Seite des Artikels im Netz erklärt werden, „man könnte, dann vorher angeben, welchen Wissensstand man grob hat, und weitere Infos bekommen“. Eine Idee, die bisher noch in der Zukunft liegt. Stattdessen steht eine andere Expansion im Vordergrund.

In den kommenden Monaten will Surplus eine englischsprachige Website „soft launchen“ (also eine Vorabversion online stellen) und ein Crowdfunding starten, im Frühling soll es dann mit der internationalen Ausgabe so richtig losgehen, sagt Scholle. „Auch im Englischen gibt es eine Leerstelle jenseits von Financial Times, Economist und Bloomberg.“ Viele der freien Au­to­r*in­nen könnten ihre Beiträge auch auf Englisch schreiben, Surplus hätte noch ein größeres Netz an Expert*innen, auf das sie zugreifen könnten. Der Fokus soll dann erst mal auf Berichten über die USA und Großbritannien liegen. Und Scholle ist zuversichtlich, dass man bis zum Ende des Softlaunches 10.000 neue Le­se­r*in­nen dazubekommen würde. Klar ist, Surplus wächst weiter. Was noch fehlt? „Ein Gastbeitrag von Zohran Mamdani oder Bernie Sanders, das wäre ein Traum“, sagt Gründer und Chefredakteur Scholle.