: „Ich bin’s nur: Dackel!“
Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte (Teil 3). Heute: Der Auftraggeber
Von Fritz Tietz
Was bisher geschah: Heinz-Hermann beschäftigt sich mit seltsamen Dingen und mit Kraken und Spinnen. Und er geht Anrufen seines Vaters aus dem Weg, der ein Meisterspion war. Doch dann erscheinen Herbert Hermann und die Stimme von Freddy Quinn, die Heinz-Hermann auf die Große Freiheit nach Hamburg locken …
Der satte Klang eines Schiffstyphons drang vom Hafen zur Reeperbahn herauf. Heinz-Hermann erkannte ihn sofort: Es war das Horn der Hadag-Fähre „Freddy Quinn“, die – benannt nach jenem legendären Hamburger Balladeur, dessen Singstimme der Telefonstimme seines Vaters so verstörend ähnelte – soeben von den St.-Pauli-Landungsbrücken abgelegt hatte. Um exakt eine halbe Stunde später drüben in Finkenwerder wieder anzulanden. Also um 17 Uhr 47 Minuten und 13 Sekunden, wie Heinz-Hermann mit einem schnellen Blick auf seine dreizehnzeigerige Armbandspinne realisierte.
Nein, dafür brauchte er keine App. Er hatte die Fährzeiten stets im Kopf. So wie es ihn sein Vater einst gelehrt hatte … ja, einst: Als die Chemie zwischen ihnen noch stimmte. „Junge, hab immer schön die Hadag-Zeiten im Kopf.“ So hatte sein Vater, der Superagent, ihm, dem Versagersohn, mit großem Nachdruck ans Herz gelegt. Denn: „Wenn sie dir erst auf den Fersen sind, bleibt keine Zeit, noch groß Fahrpläne zu studieren.“ Vieles würde er seinem Vater sein Lebtag nicht verzeihen können. Diesen heißen Tipp aber vergaß er ihm sicher nie.
Es dämmerte bereits, als Heinz-Hermann von der Reeperbahn in die Große Freiheit einbog. Der für diese Gegend so charakteristische Geruch von kaltem Sperma und altem Blut stach ihm in die vor Kälte triefende Nase. Da half auch die FFP2-Maske nichts, die er sich hastig überstreifte.
Nur ’ne schlimme Fresse
„Na Süßer, Corona oder was?“, rief ihm jemand zu. Doch statt freiheraus zu antworten: „Nee, hab nur ’ne schlimme Fresse, deren Anblick ich dir lieber erspare“, verkroch sich Heinz-Hermann kleinlaut in die Kapuze seine Hoodies mit dem witzigen „Heißt es eigentlich der oder die Krake?“-Spruch vorne drauf.
Sicher eine dieser Bordsteinschwalben, dachte Heinz-Hermann bitter, während er weiterhastete und mit aller Macht versuchte, die jetzt in seine Erinnerung drängenden Bilder von jener verhängnisvollen Begegnung von vor zehn Jahren zu verscheuchen. Sie nannte sich Giulia, hatte hier in der Nähe ihren Stammplatz und er hatte ihr „danach“ erzählt, dass seine Kraken allesamt keine Beine hätten. Ein blöder Witz, weil Kraken ja bloß Saugnäpfe haben. Aber sie war vor Entsetzen sofort in Tränen ausgebrochen und hatte fluchtartig ihr Studio verlassen.
Ein schrilles Klingeln riss ihn aus seinen schwitzenden Gedanken. Es kam aus der Telefonzelle, die er gerade passierte. Er ging rein, nahm den Hörer ab. „Heinz-Hermann …“ – „Mit Binde- oder Unterstrich?“, hörte er Freddy Quinn fragen. „Mit Bindestrich natürlich, sonst hätte ich mich ja wohl mit Heinz_Hermann gemeldet …“, er stutzte. „Moment mal … Vater?“ – „Keine Sorge. Ich bin’s nur: Dackel! Und warte hier auf dich. Große Freiheit Nummer 7. Dauert’s noch länger?“ – „Aah, Dackel, Deckname Rupert Schulte, mein geheimnisvoller Auftraggeber. Wie schaffen Sie es, am Telefon wie mein Vater zu klingen?“ – „Quatsch keine Operetten, verdammter Krakenentbeiner. Sieh zu, dass du hier bald aufschlägst.“
„Hallo!? Ich habe meinen Kraken niemals auch nur ein Tentakel gekrümmt …“, wollte Heinz-Hermann empört richtigstellen. Doch Dackel hatte längst aufgelegt. Schlimm, wie hartnäckig sich so Fakes manchmal halten, dachte er voller Gram – und bereute einmal mehr, Giulia damals diesen beinlosen Kraken aufgebunden zu haben.
Aber wo ist jetzt eigentlich die Hausnummer 7? Nach den Nummern 1, 3 und 5, die er sofort entdeckte, prangte am nächsten Hauseingang die Nummer 9. Er kehrte noch einmal um, schaute auf der anderen Straßenseite. Aber die Nummer 7 war nirgends zu finden.
Und dann klingelte schon wieder diese Telefonzelle. Er sah, wie einer der Koberer, die hier zu Dutzenden ihren dubiosen Dienst schoben, dranging, dann die Zellentür wieder halb öffnete und Heinz-Hermann zurief: „Hey, Heinz – Hermann, für dich!“ Doch Heinz-Hermann sagte nur: „Bedaure, aber mit Gedankenstrich – das bin ich nicht.“ Und betrat dann kurz entschlossen die Nummer 5.
Die schmale Treppe hinter der Haustür kam ihm bekannt vor. Auch die Tür oben sah aus wie eine, die er schon einmal geöffnet hatte. Aber als er das jetzt wieder tun wollte, ging das nicht. Die Tür war verschlossen …
Fortsetzung demnächst
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