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„Ich bin stolz auf meinen Weg“

Gebäudereinigung ist eine der prekärsten Branchen auf dem Arbeitsmarkt. Trotzdem will sie ihren Job nicht missen, erzählt Reinigungskraft Sevilay Bedir

Von Jonas Wahmkow

Donnerstagmorgen, 10 Uhr. Die geräumige Gemeinschaftsküche eines mittelgroßen IT-Unternehmens in Moabit füllt sich langsam. Ein Mitarbeiter zieht sich gerade einen Kaffee am Vollautomaten, plauscht mit einer Kollegin, die gerade in einer Tupperdose ihr Müsli vorbereitet. Während für die meisten Beschäftigten der Arbeitstag gerade erst anfängt, geht er für Sevilay Bedir bereits zu Ende.

„Leider müssen wir früh anfangen, bis 8 Uhr muss die Reinigung fertig sein“, erklärt Bedir, während sie an einem der Tische in der Küche sitzt. Früh, das ist 4 Uhr morgens, manchmal schon 3.30 Uhr. Als Objektleiterin ist Bedir für die Reinigung aller vier Gebäude des IT-Unternehmens verantwortlich. Müdigkeit ist ihr nicht anzumerken, stattdessen wirkt sie vor dem taz-Interview aufgeregt „Das frühe Aufstehen ist das Schwierigste an dem Job. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.“

Rund 38.200 Menschen arbeiten laut der Gewerkschaft IG Bau in Berlin in der Gebäudereinigung. Während ihre Arbeit unersetzlich ist, geschieht sie größtenteils unsichtbar, bevor oder nachdem die Bü­ro­mit­ar­bei­te­r:in­nen an ihren Arbeitsplätzen sind. Die Branche gilt als Anlaufstelle für die,die auf dem Arbeitsmarkt eher schlechte Chancen haben: aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse oder in Deutschland nicht anerkannter Bildungsabschlüsse.

Auch Sevilay Bedir war in einer ähnlichen Situation, als sie vor elf Jahren bei ihrem Arbeitgeber, dem Berliner Reinigungsunternehmen Wodara, anfing. Vor 26 Jahren kam sie aus der Türkei nach Berlin. Lange war sie als Hausfrau tätig, doch durch die Trennung von ihrem Mann musste sie Arbeit finden, um ihre drei Kinder zu versorgen. Deutsch sprach Bedir damals nur schlecht, einen Berufsabschluss hatte sie nicht. Zunächst arbeitete sie in einer Restaurantküche, dann fand sie über eine Bekannte eine Stelle bei Wodara.

Allein in der IT-Firma, die Bedir reinigt, ist der Aufwand beachtlich. Zehn Küchen und 30 Toiletten müssen täglich gereinigt werden, Tassen und Teller gespült, dazu die Treppenhäuser gefegt. Die unzähligen Büros werden nur wöchentlich nach einem bestimmten Putzplan geputzt. Das alles vor 8 Uhr, abends steht dann nur noch die Reinigung der Kaffeemaschinen an.

Das frühe Aufstehen war damals ein größeres Problem als heute. Als Bedir bei Wodara anfing, war ihr jüngster Sohn gerade einmal elf Jahre alt, ihre älteste Tochter 15. Gemeinsam mit den Kindern aufstehen oder sie zur Schule bringen war nicht drin. Das Essen konnte sie abends noch vorbereiten, doch für den Schulweg musste sie sich auf ihre älteste Tochter verlassen. „Ich musste ihr eine ganze Menge Verantwortung geben. Es war eine sehr schwierige Zeit in meinem Leben.“ Zum Glück wohne sie direkt neben ihrer Arbeitsstelle und ihr Vorgesetzter war immer verständnisvoll, falls die Kinder während der Arbeitszeit Unterstützung brauchten.

Das mit dem Schlaf sei so eine Sache, auch heute noch geht Bedir selten vor 12 Uhr ins Bett. Bei drei Kindern und zwei Katern gäbe es viel Arbeit zu Hause, lacht sie. Aber nach der Arbeit versuche sie noch ein paar Stunden zu schlafen.

Trotz der Strapazen gefiel Bedir der Job, aus einer Zwei-Stunden-Schicht wurde mehr. „Mein Chef hat mich immer motiviert, mehr Verantwortung zu übernehmen“, erzählt Bedir. Sie stieg zur Objektleiterin auf, arbeitet Vollzeit und koordiniert ein Team aus 21 Mitarbeiter:innen.

Als Vorarbeiterin kümmert sie sich heute vor allem um die organisatorischen Seiten der Gebäudereinigung, den Wischmopp hat sie nur noch selten in der Hand. „Ich begehe jedes Haus, mache Dienstpläne, Urlaubspläne, wasche Lappen, bestelle Material und verteile es“, zählt Bedir auf. „Ich hab eigentlich immer zu tun.“

Von ihrem Kunden, den Beschäftigten des IT-Unternehmens, fühlt sie sich wertgeschätzt. „Unsere Ansprechpersonen sind sehr zufrieden. Wenn ich im Urlaub bin, sind sie sehr besorgt“, scherzt Bedir. Das mit der Wertschätzung sei ihr sehr wichtig, sagt Bedir. „Wenn es nicht so wäre, würde ich woanders arbeiten.“ Nur manchmal käme es vor, dass sie Fotos von nicht ordentlich geputzten Toiletten oder Kaffeemaschinen erreiche, die die Beschäftigten dem Haustechniker schicken.

Mit einer Vollzeitstelle ist Bedir in der Branche eher die Ausnahme. 71 Prozent der Beschäftigten arbeiten nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit Teilzeit. Bei dem gesetzlich festgelegten Branchenmindestlohn von 15 Euro die Stunde, verdienen die wenigsten Reinigungskräfte genug, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. 603 Euro verdient eine Minijobberin bei zwei Stunden Arbeit täglich.

Für viele Kol­le­g:in­nen sei die Reinigung nur ein Nebenjob, sagt auch Bedir. „Manche kommen hierher, arbeiten zwei bis vier Stunden und gehen dann zur nächsten Arbeit.“ Eine Kollegin, erzählt Bedir, würde noch bei einem anderen Standort in der Abendschicht bis 3 Uhr arbeiten und dann um 4 Uhr wieder bei dem IT-Unternehmen anfangen. „Manche Leute arbeiten zu hart“, sagt Bedir mit einem Lachen und lässt dabei offen, ob sie sich dabei nicht auch sich selbst meint.

Mein Chef hat mich immer motiviert, mehr Verantwortung zu übernehmen

Sevilay Bedir

Die Randarbeitszeiten in Verbindung mit der hohen Teilzeitquote kritisieren Gewerkschaften seit Jahren. Das Land Berlin will daher auf das Modell der Tagesreinigung setzen. Hier werden Gebäude im laufenden Bürobetrieb gereinigt und nicht davor oder danach. Dadurch sollen die Arbeitszeiten familienfreundlicher gestaltet und die Teilzeitquote verringert werden. Auch werde somit die Arbeit der Reinigungskräfte sichtbarer. Doch selbst bei landeseigenen Unternehmen und Verwaltungen läuft die Umstellung nur schleppend. Bei dem IT-Unternehmen, dass Bedir betreut, ist Tagesreinigung keine Option.

Sevilay Bedir stört das nicht allzu sehr, ihren Job macht sie gerne. „Ich verdiene Geld, es macht mir Spaß und ich lerne jeden Tag etwas Neues.“ In ihrer Position als Vorarbeiterin verdiene sie einige Euro mehr pro Stunde als die einfachen Reinigungskräfte, mit ihrer Vollzeitstelle komme sie finanziell gut zurecht. Bedir wirkt zufrieden mit der Verantwortung in ihrer Position, auch wenn sie sich häufig außerhalb der Arbeitszeit um Notfälle kümmern muss. „Ich bin stolz auf meinen Weg, das muss ich ehrlich sagen.“

Stolz ist sie auch auf ihre Kinder. Ihre älteste Tochter ist jetzt 25, hat ihr Studium abgeschlossen und arbeitet beim Land Berlin, ihre mittlere Tochter studiert Bauingenieurwesen, der jüngste Sohn macht eine Ausbildung bei der Deutschen Bahn. Wenn sie darüber nachdenkt, welche beruflichen Möglichkeiten ihre Kinder haben, wird sie doch ein bisschen wehmütig. „Manchmal frage ich mich, warum habe ich das damals nicht auch gemacht?“

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