: Hysterisches Vergnügen
Von der Freizeitkultur durchtränkt und ein bisschen beknackt: die Soloschau der Berliner Künstlerin Lena Schramm im Museum im Kulturspeicher Würzburg
Von Katharina J. Cichosch
In Seattle gibt es eine Gasse, deren Backsteinwände über und über mit durchgekauten Kaugummis beklebt sind und weiterhin werden. In allen Farben hängt das Alltagsprodukt in der Gum Alley herab, ausgespuckt drapiert, das Abjekt ganz nah am Vergnügen. In Würzburg erinnert gerade ein Bild von Lena Schramm an den ekligen Zauber des Wundermaterials: Auch hier zieht es die Kaugummifäden nach allen Regeln der Kunst in Richtung Schwerkraft, Rosébeige ragt die zähe Masse über den Rand.
„Ohne Titel (HubbaBubba)“ heißt die Arbeit von 2023, die nur Titel und die Motivlage mit dem klebrigen Lebensmittel teilt. Auf dem pastosen Untergrund, tatsächlich reine Ölfarbe, hat die Künstlerin jene kugelrunden Kaugummiblasen platziert, mit denen der Hersteller einst geworben hat.
Hier, in der Stadt mit bester Weinlage, zeigt das Museum im Kulturspeicher unter dem beknackt daherkommenden Titel „Fröhliche Laune und gute Laune durch Freude am Selbermachen“ die erste institutionelle Einzelausstellung der Berliner Künstlerin. Freizeit will gestaltet werden, das weiß auch Lena Schramm, deren Werk von Slogans, Statements, Logos und anderen Variationen der Alltagskultur durchtränkt ist.
Zeitgenössisches Stillleben mit Weinlache
Zwei Jahre lang hat sich die Malerin und Bildhauerin für ihre Schau mit der fränkischen Weinkultur befasst. Anderswo würde das als „künstlerische Forschung“ durchgehen, aber so viel Jargon hat Schramm gar nicht nötig.
Auf Nachfrage gibt es eine Kostprobe der selbstgekelterten Auslese, die nach zwei Jahren Reifung recht sauer schmeckt. Drumherum formieren sich auf gemalten Weinlachen zeitgenössische Stillleben: Kippenstummel, Bierdeckel, Wurstenden, Minions. Aus einer Farbgeste tritt, dick aufgetragen, der Lippenstift von Chanel heraus, vis-à-vis eine Einkaufstüte des lokalen Eroscenters. Andere Sprenkel und Striche werden fast unbemerkt zu Fliegen oder Nacktschnecken. Fabelhafte Wimmelbilder, generiert aus den Überresten eines realen oder imaginären Weinfestes.
Im Nebenraum weitere Arbeiten der letzten Jahre, manche Leinwand formstreng vollendet und manche scheinbar halbfertig. Pastoser Farbauftrag spielt oft eine Schlüsselrolle bei Lena Schramm. Ihre Kunst vereint einen sehr BRD-spezifischen Künstlerwitz mit dem Bewusstsein für ebenjene malerischen Oberflächen einer Nicole Eisenman, ohne dass damit annähernd schon alles gesagt wäre.
Freizeitarmada der anderen Art
Die Künstlerin ist ganz offensichtlich etwas auf der Spur: Hier tropft vermeintlich noch die Farbe vom Sonnenschirmskelett, dort formieren sich XXL-Pillen zu einer Freizeitarmada der anderen Art. Geprägt mit allem, das gebrandet werden kann. Nur folgerichtig war in der 2021er-Serie „Ecstasy“ zwischen Fanta, Starbucks und „Gut & günstig“ auch schon Platz für das Konterfrei von Donald Trump eingeräumt. Schramm jongliert zwischen den Formaten; gemalte Dinge können gleich nebenan dreidimensional auftauchen und vice versa.
Man muss hier nicht gleich Adornos „Fun ist ein Stahlbad“ anrufen. Aber zu Lena Schramms hysterischen Freizeitvergnügen passt das Zitat, gerade weil die so formulierte Kritik an der Kulturindustrie so überstrapaziert, längst selbst veroberflächlicht ist. Und wenn ein kleines Männchen, der „Zensor“, neben einem Leinwandfleck erscheint, dann sind sich Kunst- und Weinkenner, rote Pfützen auf Leinwänden oder Tischtüchern plötzlich wirklich ganz nah.
Lena Schramm: „Fröhliche Freizeit und gute Laune – Freude am Selbermachen“. Museum im Kulturspeicher Würzburg, bis 25. Januar 2026 Katharina J. Cichosch
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