piwik no script img

Hype ums CurlingBis in vier Jahren wieder

Jede Winterspiele wird Curling Kult, diesmal sogar inklusive Schummel-Skandal. Als Live-Event gehört das Spiel aber weniger zu den Olympia-Highlights.

Der Kanadier Marc Kennedy in Aktion gegen das britische Team im Curling-Finale der Männer am vergangenen Samstag Foto: imago/Imagn Images
Andreas Rüttenauer

Aus Cortina D'Ampezzo

Andreas Rüttenauer

Ausgewischt. Kein Curling mehr. Es ist Entwöhnung angesagt. Denn eigentlich hat immer irgendjemand einen dieser eigentümlichen Granitsteine aufs Eis gelassen während dieser Olympischen Winterspiele. Schon bevor die Spiele vor gut zwei Wochen eröffnet worden sind, wurde gecurlt. Der Mixed-Wettbewerb brauchte seine Zeit, dann kamen die Frauen- und Männerteams. Morgens um neun ging es jeden Tag los in der Olympiahalle von Cortina d’Ampezzo. Bis in den Abend hinein.

Curling ist die olympische Daueruntermalung. Sportsfreundinnen, denen die Hektik zu viel wird, die mal runterkommen wollten von diesem emotionalen Vollrausch bei Olympia, konnten zur Beruhigung immer mal rüberschalten in den Stream zu den Steineschiebern. Und es kam, wie es immer kommt: alle vier Jahre verlieben sich die Deutschen in Curling.

In Cortina dagegen hat sich die Aufregung vor dem Finale der Männer zwischen Großbritannien und Kanada in Grenzen gehalten. Keine Tränen sind geflossen, nachdem feststand, dass Kanada Olympiasieger ist, kein Schluchzen, nichts dergleichen. Einem Kanadier wurde kurz sein Kind in den Arm gedrückt, er knuddelte es. Das war’s dann auch schon mit den Emotionen. Die Spieler reichten sich die Hand, so wie zwei Tennisspieler nach einem Freizeitmatch ohne jede Bedeutung.

So groß das Kultpotenzial dieser Sportart auch sein mag, so schnell die Meme-Maschine mit Curlingbezug auf Social Media auch diesmal wieder angelaufen ist, als Live-Event gehört das Spiel nicht zu den Rennern bei Olympia. Als das große Finale losging, waren lange nicht alle Plätze besetzt. Denen, die erst später gekommen sind, blieb der Auftritt der in schottische Tracht gekleideten Dudelsackpfeifer erspart, die vor dem Finale auf die Eisfläche geschickt worden waren.

Italienische Trachtengruppe und ein schottisches Team GB

Curling kommt aus Schottland. Da soll sich schon 1716 der erste Curling-Klub gegründet haben. Dieser Tradition wird bei großen Turnieren gerne mit Kilts und Dudelsäcken gehuldigt. Die Trachtengruppe, die da am Samstagabend in Cortina aufgespielt hat, kommt allerdings nicht aus Schottland. Es waren Mitglieder der Veneto Piping School aus dem Kaff Santa Maria di Veggiano zwischen Vicenza und Padua.

Dafür sind es Schotten, die Team GB bei Olympia vertreten. Natürlich. Nirgendwo sonst gibt es so viele Curlingklubs wie in Schottland. Die lautesten Fans in der Halle hielten dann auch die schottische Fahne hoch bei Einzug der Athleten, nicht den Union Jack. Unter ihnen war auch ein echt schottischer Dudelsackpfeifer.

Den Kanadiern jedenfalls machte der Radau nichts aus, den die Fans von Team GB veranstaltet haben. Die wurden auch schnell müde. Schon nach der ersten Viertelstunde war der Einpeitscher aus der schottischen Ecke derart heiser, dass seine Stimme nicht mehr weit trug. Und ganz ruhig war es nach dem vorletzten Durchgang, dem 9. End. Das hatte Kanada mit 3:0 gewonnen. Zehn Ends, bei denen jedes Team acht Steine zu schieben hat, waren zu spielen bis zur Entscheidung. Kanada führte mit 2 Punkten vor dem letzten End. Die Vorentscheidung.

Es durfte gejubelt werden. So richtig konnte sich niemand erklären, wie es dazu gekommen war, dass dem schottischen Kapitän Bruce Mouat, der von den Kanadiern ein ums andere Mal als der beste Curler der Gegenwart bezeichnet worden ist, das Geschick verlassen hatte bei seinen letzten Steinen. „Wir haben alles getroffen und sie nicht. So einfach ist das. Da war keine magische Strategie dahinter“, meinte hinterher Paul Webster, Kanadas Coach. Dann wäre das ja geklärt.

Vorwürfe der Doppelberührung

Jetzt muss nur noch das Gerede über den größten Curling-Skandal der vergangenen Jahre aufhören. Einer, der sich jetzt Olympiasieger nennen darf, stand im Zentrum der Aufregung. Mark Kennedy war von den Schweden in der Vorrunde eine Doppelberührung vorgeworfen worden. Er soll den Stein noch einmal einen Schubs gegeben haben, nachdem er ihn schon losgelassen hat.

Als Kennedy auf der Bahn darauf angesprochen worden war, hatte er gesagt: „Wer soll das gemacht haben? Wer? Ich jedenfalls nicht und jetzt verpiss dich!“ So etwas hatte der selbsternannte Gentlemansport noch nie erlebt. Kanadas Ben Herbert, der nach der Beschwerde der Schweden selbst zum Kampfgericht gegangen war und gesagt hatte, die Schweden würden selber bescheißen, meinte nun. „Das wird sich alles wieder legen. Olympia ist zu groß für so einen Streit.“

Und nun? Jetzt ist erst mal wieder Curlingpause. Bis in vier Jahren bei den Winterspielen in den französischen Alpen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare