Historiker über italienische Thriller: „Ein dekoratives Genre“

Filmhistoriker Christian Keßler erklärt die Prinzipien des italienischen Thrillers, seine Verworrenheit und häufig zelebrierte Gewalt gegen Frauen.

Eine Frau kriecht über den Boden eines Museums.

Artifizielle Gewalt: Szene aus „Das Geheimnis der Schwarzen Handschuhe“ aus dem Jahr 1970 Foto: Daniel Argento /imagoy

taz: Herr Keßler, Ihr Buch „Gelb wie die Nacht“ versammelt Texte zum italienischen Thriller-Kino, dem sogenannten Giallo, von den Sechzigerjahren bis heute. Warum gerade der italienische Thriller und nicht etwa der schwedische oder der englische?

Christian Keßler: Ich hab mich schon immer sehr für das italienische Kino erwärmen können. Das begann beim italienischen Horrorfilm, dann die Western, dann auch Kriminalfilme. Nebenbei hab ich die ganzen Kunstfilmgeschichten, Pasolini, Fellini, Visconti, aufgerollt und mich dann bis zum Stummfilm zurückgearbeitet. Das war eine Liebesbeziehung, die mich sicherlich zehn Jahre meines Lebens begleitet hat.

Und warum speziell der Giallo?

Aufgewachsen bin ich natürlich mit dem angelsächsischen Thriller, Polizeikrimis oder so etwas wie Agatha Christie. Diese Filme gehen von einer Normalität aus, die durch einen Mord in Unordnung gerät, und dann kommt der Kommissar und bringt das wieder in Ordnung. Am Schluss können dann alle beruhigt aus dem Kino gehen. Im Giallo existiert diese Normalität nicht. Alles befindet sich im ständigen Chaos, und der Ordnungshüter kann im Grunde nicht mehr machen, als so ein bisschen daran herumfummeln. Der Eindruck nach Filmende ist der eines bunten permanenten Ausnahmezustands, den der Giallo sehr pittoresk filmisch umsetzt. Die Regisseure arbeiten mit vielen visuellen Kapriolen und Kabinettstückchen.

Dieses Chaos korrespondiert mit dem Eindruck, dass die Plots oft verworren sind. Ist das Absicht?

Verworrenheit ist jedenfalls nicht notwendig ein Anzeichen dafür, dass es sich um einen schlechten Film handelt. Gerade in den besten Gialli passiert es, dass die Auflösung am Schluss eher so ein bisschen pflichtschuldig hingeschludert wird. Im Zentrum stehen eher die set pieces – aufwändig gestaltete Spannungssequenzen, die aber nicht von unserer Alltagslogik bestimmt sind, sondern von einer alptraumhaften. Deswegen sind diese Bilder formal häufig sehr grell gestaltet, mit Farbenspielen, mit Schatten, die auf Wände projiziert werden, mit besonders knalliger Musik. Das Innenleben der aufgewühlten Figuren wird nach außen projiziert. Der Spektakelreiz dieser Filme ist ausgeprägt.

52, ist Journalist in Bremen, unter anderem für das Magazin Splatting Image

Was einem schon bei den stilbildenden Klassikern von Dario Argento und Mario Bava entgegen springt, sind Bilder einer exzessiven, genussvoll inszenierten Gewalt gegen Frauen. Wie geht man als Fan damit um?

Das hängt davon ab, wie gut man es mit dem jeweiligen Regisseur meint. In der Fachliteratur wird das widersprüchlich beschrieben: Entweder es handelt sich um ein Schwelgen in niedersten Instinkten oder um eine Thematisierung der Angst der Männer vor den Frauen. Die Misogynie ist ja erst einmal die Misogynie des Killers, des Bösen also. Gleichzeitig ist das Spektakel schöner Frauen, die durch dunkle Korridore gehetzt werden, ein Attraktionspunkt des Giallo. Deswegen ist das ein zweischneidiges Schwert. Wie auch beim Antikriegsfilm, der häufig damit zu kämpfen hat, dass das, was die Leute sehen wollen, das Spektakel ist. Und das Spektakel sind in dem Falle eben die Kriegsszenen.

Zugleich wirkt auch die Gewalt im Giallo häufig ausgesprochen artifiziell.

Ja, die Artifizialität ist ein zen­traler Punkt. Der Giallo ist ein sehr dekoratives Genre. Was für mich die amerikanischen Filme häufig schwerer zu schlucken macht. Aber es gibt tatsächlich Gialli, die die Gewalt gegen Frauen nur noch auswalzen.

Über 250 Filme haben Sie für das Buch gesichtet. Wie hoch ist denn die Gurkenquote Ihrer Erfahrung nach?

Ich würde sagen, die ist etwa ähnlich hoch wie im Falle des Italo-Westerns. Da gibt es ebenfalls einige ausgemachte Meisterwerke. Das sind meistens Filme von Regisseuren, die eine Agenda haben, die also versuchen, ihre eigenen Ideen über das Genre zu vermitteln. Es gab in den Siebzigerjahren politische Western, philosophische Western – sehr unterschiedliche Formen, von denen der amerikanische Western noch nicht träumen konnte. Unter den Gialli findet sich auch so etwas wie „Don’t Torture a Duckling“ von Lucio Fulci. Ein wütender Film über Engstirnigkeit auf dem Lande und radikal antiklerikal. Da sind also viele Themen, die dem Regisseur offensichtlich am Herzen lagen, wie nebenbei eingewoben.

Und was wäre ein Beispiel für die eher missratenen Kinder des Genres?

Ach ja, die Missratenen mag man ja häufig am liebsten, das ist so wie bei echten Kindern. So etwas wie Renato Polsellis „Das Grauen kommt nachts“ von 1972 zum Beispiel hat eine ganz bezaubernde Ed-Wood-Qualität. Ich würde davor zurückschrecken, den Film als missraten zu bezeichnen. Er ist als Überzeugungstat und völlig überbordender Frontalzusammenstoß eigentlich perfekt und kaum zu übertreffen. So richtig misslungen finde ich nur Filme, die genau das wiederkäuen, was man erwartet. Was die in diesem Sinne gelungenen Sachen angeht, ist die Trefferquote beim Gial­lo sehr hoch: Es wurde viel experimentiert, das Format bot den Regisseuren reichlich Gelegenheit, ihre diversen Privatverhexungen einzubringen.

Welchen Giallo würden Sie Einsteigern empfehlen?

Auf jeden Fall Dario Argentos Debüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ von 1970. Das ist ein durchaus repräsentativer, gleichzeitig aber auch trendsetzender Kunst-Giallo, der einem die Reize wie auch die Schwächen des Genres auf unterhaltsame Weise vor Augen führt. Ich mag den Film im Gesamtwerk Argentos besonders gern, weil er noch roh, ruppig und noch vergleichsweise unprofessionell ist. Dadurch wirkt er sehr echt, so wie er sein sollte. Als zweiten Film dann vielleicht noch „Blutige Seide“ von Mario Bava, erschienen 1964. Der spielt in einem Modesalon namens Christian, da bin ich natürlich parteiisch.

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