Hispanos im US-Wahlkampf: "Los Amigos" für Obama

Orange County hat einen der höchsten Anteile von US-Bürgern lateinamerikanischer Herkunft. Bei den letzten Wahlen haben die meisten für Bush gestimmt. Das soll sich dieses Mal ändern.

Sie überlegt, ob sie statt der Republikaner Obama wählen kann. Bild: ap

"Der 4. November ist ein wichtiges Datum", erklärt Linda Zamora. Nicht nur, weil da die Wähler entscheiden, ob der Demokrat Barack Obama, den Linda Zamora "selbstverständlich" unterstützt, ins Weiße Haus einziehen wird, sondern weil sie an diesem Tag ihre eigenen Wahlen hat. Die als Demokratin registrierte 40-jährige Frau mexikanischer Abstammung kandidiert zum Schulaufsichtsrat im Distrikt Anaheim im Orange County bei Los Angeles. Ganz wie ihr großes Vorbild Obama spricht Zamora von grundlegenden Veränderungen und hat dabei die Hispanos im Sinn. "Unsere Gemeinschaft wird völlig ausgegrenzt. Das muss sich ändern", erklärt die Beraterin im Gesundheitswesen. Bisher sitzen nur Weiße und Asiaten in der Schulaufsicht, und das, obwohl die Hispanos 45 Prozent der Schüler an den 47 Schulen des Distrikts stellen. "Die Hispanos haben die schlechtesten Noten, die höchste Schulabbrecherquote und damit die schlechtesten Zukunftschancen. Wir brauchen dringend einen Repräsentanten", konstatiert Zamora. Sie will - und auch das hat sie mit Obama gemein - so viele Hispanos wie möglich an die Urnen mobilisieren. Das ist kein leichtes Unterfangen, denn die Wahlbeteiligung der Hispanos ist von jeher sehr niedrig.

Bei verschiedenen Vorwahlen in den USA, etwa Kalifornien, Nevada, Texas oder New Mexiko gaben die Hispanos den Ausschlag. Das wird vermutlich auch am 4. November bei den Präsidentschaftswahlen so sein. Wer einen großen Anteil der Wahlberechtigten unter den Einwanderern aus Lateinamerika anzieht, kann die Wahlen für sich entscheiden.

Die vergangenen Präsidentschaftswahlen zeigen, dass die Hispanos wesentlich weniger auf eine Partei festgelegt sind. Es handelt sich um "Swingwähler". 1996 erzielten die Republikaner 21 Prozent der abgegeben Hispano-Stimmen, 2000 waren es 35 Prozent und 2004 gar 40 Prozent. Jetzt hoffen die Demokraten, die Hispanos für Obama zurückzugewinnen.

Bereits heute ist jeder achte US-Bürger Hispano. Die Menschen lateinamerikanischer Abstammung sind mittlerweile die größte Minderheit noch vor den Afroamerikanern. 2050, so sagen die Demoskopen voraus, werden die Hispanos dank der hohen Geburtenrate und der Zuwanderung 25 Prozent der US-Bevölkerung stellen. Selbst wenn dann, wie heute, nur 40 Prozent von ihnen wahlberechtigt sein sollten, wird ihr Verhalten das politische Panorama endgültig bestimmen.

Orange County ist mit drei Millionen Einwohnern die Nummer 2 in Sachen Bevölkerung in Kalifornien und die Nummer 5 in den gesamten USA. 47 Prozent der Bevölkerung sind Weiße, 33 Prozent Hispanos und 16 Prozent Asiaten. Knapp ein Drittel der Bevölkerung ist zugewandert. RW

"Ich will ein breites Netz in unserer Gemeinschaft aufbauen", erklärt Linda Zamora, deren Eltern einst aus Mexiko einwanderten. Sie ist deshalb heute besonders früh aufgestanden. Bereits um 7.30 Uhr morgens findet sie sich im "Jägerhaus" ein, einem von Hispanos betriebenen deutschen Restaurant an einer der unzähligen vierspurigen Straßen, die das Orange County durchziehen. Seit 30 Jahren treffen sich hier einmal die Woche "Los Amigos" - "Die Freunde" - zu einer Uhrzeit, wo viele noch unter der Dusche stehen. Die lose Gruppe aus 30 bis 40 Personen ist eine Mischung aus Nachbarschaftsverein und Anwohnerlobby. Wer ein Problem mit dem Behörden hat, wer ein Geschäft eröffnet, wer einen wichtigen Posten in der Bezirksverwaltung antritt, oder wer für eines der unzähligen Wahlämter, die das US-System bietet, kandidiert, kommt hierher. "Die Unterstützung von 'Los Amigos' ist wichtig", erklärt Zamora und betritt den Saal. Seit sie ihre Kampagne vor drei Wochen begann, nimmt die Hispana an den frühmorgendlichen Sitzungen teil. Sie will das Endorsement - die offizielle Unterstützung - von "Los Amigos". Denn Beziehungen und Geld sind das A und O im amerikanischen Wahlkampf, egal ob für einen Präsidentschaftskandidaten wie Obama oder für ein regionales Amt wie im Falle Zamora.

"Am Wochenende veranstalte ich ein Grillparty, um Geld für Lindas Wahlkampf zu sammeln", erzählt Benny Díaz. Der aus Peru stammende 51-jährige Wirtschaftsprüfer ist ein einflussreiches Mitglied der Demokraten in Orange County und der Präsident des Regionalverbandes der United Latin American Citizens (LULAC), der wichtigsten und ältesten Hispano-Vereinigung der USA. "Wir brauchen mehr Hispanos auf allen Ebenen", erklärt Díaz, warum er Zamoras Kandidatur unterstützt.

Orange County mit seinen drei Millionen Einwohnern ist eine der Regionen in den USA mit dem höchsten Anteil an Bevölkerung aus Lateinamerika. Die Region liegt 30 Meilen vom Zentrum von Los Angeles entfernt. Bis zum Rand der Megacity, die sich rund um die südkalifornische Stadt gebildet hat, sind es weitere 20 Meilen. Orange County liegt somit mitten in einem 20-Millionen-Molloch mit einem Netz aus Schnellstraßen und nicht enden wollenden Wohngebieten. Wer das Radio einschaltet, hört mehr Spanisch als Englisch. Alle einfachen Jobs, von der Gastronomie über Landwirtschaft und Industrie, sind mit Hispanos besetzt.

Doch im gesellschaftlichen und politischen Leben schlägt sich dies kaum nieder. "Fast alle wichtigen Ämter sind in der Hand der Weißen und damit der Republikaner", erklärt Díaz. Orange County, einst die Hochburg des Ku-Klux-Klans an der Westküste der USA, ist eine zweigeteilte Gesellschaft. Díaz spricht von Rassismus und Ausgrenzung, muss aber gleichzeitig eingestehen, das die Hispanos zum Teil selbst mit schuld an dieser Situation sind. "Die Wahlbeteiligung der Hispanos ist extrem niedrig. Damit überlassen wir den Weißen und den Asiaten das Feld", resümiert der LULAC-Mann. "Die Hispanos müssen lernen, sich zu integrieren, denn trotz allem ist die USA das Land der großen Möglichkeiten", erklärt Díaz und führt als Beispiel seine ganz persönliche Erfolgsgeschichte an. Der Peruaner kam 1980 in die USA und arbeitete sich vom Tellerwäscher in Disneyland zum Wirtschaftsprüfer in einer Regierungsbehörde hoch.

"Entweder die Hispanos gestalten die USA mit, oder die USA werden an den Hispanos zerbrechen", mahnt Michele Martínez. Die 29-jährige Demokratin, US-Bürgerin in vierter Generation, sitzt seit zwei Jahren im Gemeinderat von Santa Ana, der Hauptstadt von Orange County mit einem Hispano-Anteil von 86 Prozent. "Mitte des Jahrhunderts werden wir die größte Bevölkerungsgruppe in den USA sein" rechnet sie vor.

Am 4. November tritt Martínez bei der Bürgermeisterwahl in der 350.000-Einwohner-Stadt an. Als Obama-Anhängerin der ersten Stunde will sie so viele Hispano-Wähler wie möglich für sich und Obama gewinnen. "¡Sí, se puede!", heißt das, "Yes we can" - Obamas Leitspruch auf Spanisch. Es ist eine Anleihe aus der Hipano-Bewegung für eine Regularisierung der Einwanderer ohne Papiere.

Die Hispanos könnten bei den Präsidentschaftswahlen einmal mehr das Zünglein an der Waage sein. Analysen belegen, dass George W. Bush seine zweite Amtszeit dieser Bevölkerungsgruppe zu verdanken hat. Mit seinen konservativen Ansichten über Familie und Religion und mit dem Versprechen, die Immigrationspolitik zu lockern, errang er 2000 35 Prozent und 2004 gar 40 Prozent der Hispano-Stimmen. Das sind doppelt so viele, wie die Republikaner 1996 erreichten.

Die versprochenen Reformen lassen bis heute auf sich warten. Razzien und Abschiebungen gegen die 12 bis 13 Millionen Einwanderer ohne Papiere - 400.000 allein in Orange County - sind stattdessen an der Tagesordnung. "Viele Wähler sind von den Republikanern enttäuscht", erklärt Martínez. Martínez hofft, dass die Demokraten von der Verärgerung angesichts der harten Einwanderungspolitik der Bush-Administration und der verfehlten Wirtschaftspolitik, unter der vor allem die einfachen Arbeiter leiden, profitieren werden. Sie hat allerdings eine Sorge. "Viele Hispanos hegen rassistische Vorurteile gegenüber dem schwarzen Senator aus Illinois. Doch am Ende wird es für die Demokraten reichen. Der Wunsch nach einer grundsätzlich anderen Politik ist so groß wie nie zuvor", erklärt Martínez.

Auch Linda Zamora setzt all ihre Hoffnungen auf Obama und den "Wechsel". "Doch dieser Wechsel findet nicht nur oben statt, sondern auch ganz unten", ist sich die Kandidatin zur Schulaufsicht sicher. Während Obama von Meeting zu Meeting durch die USA fliegt, wird sie Straßenzug für Straßenzug ihres 120.000 Wähler umfassenden Distriktes ablaufen, um sich persönlich an der Haustür vorzustellen. Und kürzlich war sie wieder einmal um 7.30 Uhr im Jägerhaus. Dort präsentierte Linda Zamora bei Los Amigos ganz formal ihre Kandidatur. Das Endorsement scheint ihr sicher. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Sieg am 4. November.

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