Hintergründe der Kämpfe in Niger: Die radioaktiven Fässer auf der „Base 101“
Die umkämpfte Luftwaffenbasis am Flughafen von Nigers Hauptstadt Niamey ist nicht nur militärisch wichtig. Es lagern dort 1.000 Tonnen Urankonzentrat.
Foto: afp/2026 Planet Labs PBC
Die heftigsten Kämpfe in Niger an diesem Wochenende fanden am logistisch wichtigsten Ort des Landes statt: „Base 101“, der militärische Teil des internationalen Flughafens von Nigers Hauptstadt Niamey. Von der einst von Frankreich gebauten Luftwaffenbasis mit zwei großen Start-und-Lande-Bahnen flogen in der Vergangenheit Frankreich und die USA Kampfjet- und Drohneneinsätze gegen bewaffnete Islamisten, zwischen 2016 und 2024 war dies der zentrale Lufttransportstützpunkt der Bundeswehr für deren Einsatz in Mali. Aktuell sind auf „Base 101“ mehrere hundert Kämpfer aus Russland und 350 Soldaten aus Italien stationiert.
Seit Dezember 2025 lagert auf „Base 101“ außerdem eine ganz besondere Fracht: 34 Lastwagen mit jeweils zwei Containern, auf denen Schilder mit Warnungen vor Radioaktivität kleben. In den Containern: Fässer mit jeweils 400 bis 600 Kilogramm „Yellowcake“, exportfähiges 75-prozentiges Urankonzentrat. Von rund 1.000 Tonnen ist die Rede. Eine einzige Tonne davon bringt nach französischen Angaben auf dem Weltmarkt 190.000 US-Dollar; insgesamt wären das theoretisch 190 Millionen Dollar, fast 1 Prozent des nigrischen BIP.
Wem dieses Uran gehört, darüber wird vor Gericht gestritten. Mit Nigers Uran in der Saharawüste baute Frankreich einst sein riesiges Atomkraftprogramm auf, Niger bleibt für Frankreich ein wichtiger Lieferant. In der Bergbaustadt Arlit nahe der algerischen Grenze stellte bis 2024 eine französische Raffinerie aus dem Uranerz bis zu 2.000 Tonnen Yellowcake im Jahr her. Einmal im Monat rollten Lastwagenkonvois voll radioaktiver Container Tausende Kilometer bis nach Cotonou an Benins Atlantikküste zur Verschiffung nach Frankreich.
Die antiwestlichen Militärputschisten, die 2023 in Niger die Macht ergriffen, beendeten nicht nur Frankreichs Militärpräsenz, sondern auch Frankreichs Bergbaupräsenz. Im Juni 2025 wurde das Joint Venture „Somair“ des mehrheitlich staatlichen französischen Uranförderers Orano und Nigers Staat, das die Minen formal betreibt, komplett verstaatlicht.
Frankreich und Niger streiten vor Gericht
Orano verlor seine Förderrechte, sein Landeschef saß ein halbes Jahr lang in Haft. Die Franzosen hätten ihre Verpflichtungen gebrochen, so die Begründung: Im Oktober 2024 hatte die Raffinerie von Arlit den Betrieb einstellen müssen, da aufgrund der regionalen Sanktionen gegen Niger seit dem Militärputsch gegen Niger die nötigen Chemikalien nicht mehr ins Land kamen.
Orano geht nun rechtlich gegen Nigers Staat vor und betrachtet das zum Zeitpunkt der Enteignung auf den Minengeländen lagernde Urankonzentrat – 1.050 Tonnen nach anfänglichen Firmenangaben, später wurde die Menge mit 1.300 Tonnen mit einem Wert von 250 Millionen Euro angegeben – als sein Eigentum.
Ein internationales Wirtschaftstribunal urteilte im September 2025, dieses Uran dürfe nicht verkauft oder abtransportiert werden. Nigers Regierung brachte es trotzdem ab Ende November, kurz nach einem Besuch von Militärherrscher Tiani in Arlit, in die Hauptstadt. Der Lastwagenkonvoi war sechs Tage durch die Wüste unterwegs, eskortiert von Nigers Armee und Kämpfern des russischen Afrika-Korps.
Geschäfte mit Russland
Italienischen Presseberichten zufolge umfasste der Konvoi ursprünglich 54 Lastwagen, 20 davon im Besitz eines Tuareg-Händlers, der Geschäfte mit Russland macht. Russland habe seinen Teil der Ware gleich nach der Ankunft abgeholt, per Luftfracht über seine Basen in Libyen und Syrien.
Der Rest, 34 Lastwagen voller Yellowcake, verblieb auf „Base 101“. Es ist vielleicht kein Zufall, dass nur wenig später, Ende Januar 2026, die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ den Flughafen von Niamey als Ziel ihres bisher größten Angriffs in Niger wählte. Stundenlang überfiel sie „Base 101“, zerstörte Militärflugzeuge und plünderte Rüstungsmaterial. Im Juni folgte ein zweiter Angriff.
Wo genau das Urankonzentrat lagert, ist nicht öffentlich bekannt. Aber bis heute versucht Nigers Regierung, es zu verkaufen, und Orano versucht, das juristisch zu verhindern: Sobald das Uran Niger verlässt, will Orano es beschlagnahmen lassen. Nigers Regierung hat angeboten, 100 Tonnen nach Frankreich zu schicken, wenn sie den Rest behalten darf. Orano hat abgelehnt.
Nach Recherchen von Jeune Afrique verhandelt Nigers Regierung seit April mit Rumäniens Atomenergiegesellschaft über die Abnahme von 300 Tonnen Yellowcake – aufgrund der juristischen Risiken mit 30 Prozent Abschlag, was Niger aber trotzdem immerhin 40 Millionen US-Dollar einbringen würde. Die Verträge seien noch nicht abgeschlossen.
Nun mutmaßen Unterstützer des Militärregimes in Niger, die aktuelle Militärmeuterei sei ein französisches Manöver, um sich des Urans auf „Base 101“ zu bemächtigen, bevor es verkauft wird. Beweise dafür gibt es nicht. Die Uranminen von Arlit werden derweil staatlich verwaltet. Eine neue Förderkonzession wurde noch nicht erteilt.
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