Hingucker der Winterspiele: Unser Olympia-Quartett
Vier Sportlerinnen und Sportler, welche die Spiele prägen könnten. Eine Speedfahrerin, ein Sprungwunder, eine Neutrale und ein schwedischer Neuling.
Die coole Emma
Alle reden über Emma Aicher vor diesen Winterspielen. Zwangsläufig. Jeder halbwegs kompetente Experte wird in diesen Tagen über die deutsche Medaillenhoffnung befragt. Aicher selbst fährt ja lieber Ski, als dass sie redet. Olympiafavoritin? Na ja, sagt die 22-Jährige, bisher habe sie in Cortina d’Ampezzo noch nie hervorragend abgeschnitten. Was aber nichts bedeutet, denn Aicher lernt schnell, so schnell, wie sie Misserfolge abhakt. Sie habe im Moment eine Leichtigkeit, sagt Sportvorstand Wolfgang Maier. „Die Emma macht sich noch nicht viel Kopf über die Möglichkeiten und die Konsequenzen ihres Handelns.“ Aber so eine öffentliche Fokussierung wie bei Olympia verändere natürlich etwas.
Aicher ist mittlerweile in Salzburg daheim, aber noch immer steckt viel Skandinavien in der Halbschwedin, die mit 16 ganz alleine von Sundsvall nach Deutschland kam, der Heimat ihres Vaters. Der Deutsche Skiverband habe damals gesagt, sie könne sich „das gerne mal anschauen, ob es mir gefällt“. Nach zwei Lehrgängen und ein paar Schnuppertagen im Skigymnasium Berchtesgaden entschied Aicher, dass alles passt – „und dann bin ich dageblieben“. Vergleiche mit ihrem Landsmann Ingemar Stenmark, früher ein großer Schweiger und noch größerer Skirennläufer, mögen naheliegend sein, sind aber nicht ganz passend.
Denn Aicher ist einfach nur ziemlich cool. Sie lässt sich nie locken, etwas Unüberlegtes zu sagen, und schafft es bisher, die Aufgeregtheiten über sie zu ignorieren. Manchmal überrascht sie mit ziemlich trockenem Humor. Was solle sie auch anderes tun als Skifahren, sagte Aicher einmal auf die Frage, wie sie die nächsten Tage verbringen werde.
Nein, Aicher kann sogar sehr lustig sein, aber das ist sie eben eher leise. Die sozialen Medien nutzt sie nicht wie einige Konkurrentinnen zur seriösen Selbstvermarktung, sondern nimmt sich in ihren Posts auch mal selbst auf die Schippe.
Und nun also ein Mammutprogramm: In Abfahrt, Super-G, Slalom ist sie gesetzt als Medaillenkandidatin, auch in der Teamkombination, die sie entweder im Slalom zusammen mit Abfahrerin Kira Weidle-Winkelmann oder als Abfahrerin zusammen mit Slalomfahrerin Lena Dürr bestreiten wird. Die erfolgversprechendste Kombination wäre aber wohl Emma in der Abfahrt und Aicher im Slalom, aber das ist, wie die DSV-Verantwortlichen nach dem Studium des Reglements bereits bei der Ski-WM 2025 festgestellt hatten, nicht zulässig. Elisabeth Schlammerl
Der athletische Vierfachgott
Sollte es Menschen geben, für die die Gesetze der Schwerkraft nicht gelten würden, der 21-jährige US-Amerikaner Ilia Malinin wäre so einer. Mit einer atemberaubenden Sicherheit zaubert er Vierfachsprünge auf das Eis. Als einziger Eiskunstläufer weltweit beherrscht er alle sechs Sprünge mit vierfacher Umdrehung, auch den vierfachen Axel, bei dem man eigentlich viereinhalb mal über dem Eis um die eigene Achse rotiert, bevor man wieder auf einem Bein landet, genauer, auf der schmalen Kante eines Schlittschuhs, und sein Programm weiterläuft.
Niemand außer Malinin, in den USA auch „Vierfachgott“ genannt, hat so einen Sprung bisher in einem internationalen Wettkampf gezeigt. Niemand kann dem zweifachen Weltmeister und haushohen Kandidaten auf den Olympiasieg das olympische Gold nehmen – außer er sich selbst: Sollte er sich verletzen beispielsweise.
Malinin, in Virginia geboren, wurde das Talent fürs Eiskunstlaufen in die Wiege gelegt. Seine Eltern, die ihn trainieren, liefen einst erfolgreich für die Sowjetunion und nach deren Zerfall für Usbekistan. Seine zehn Jahre jüngere Schwester trainiert ebenfalls. Für Malinin ist es die erste Olympiateilnahme. Zwar hätte er sich vor vier Jahren in Peking als amerikanischer Vizemeister auf einen der drei amerikanischen Startplätze qualifiziert, aber der amerikanische Verband setzte lieber auf wettkampferfahrene Läufer.
Malinins Stärke ist die künstlerische Seite der Sportart nicht. Da können seine Konkurrenten aus Japan, Südkorea, Italien, Frankreich und dem eigenen Verband besser überzeugen. Allerdings mögen die Zuschauer sein Springrepertoire ebenso wie seine in die Kürprogramme eingebauten Saltos. Dieses Element war viele Jahre wegen der Verletzungsgefahr verboten, ist aber seit Kurzem erlaubt, weil die Zuschauer, die beim Eiskunstlauf immer weniger werden, es mögen.
Malinin hat im Dezember, nach seinem Sieg beim Grand-Prix-Finale, angekündigt, die verbliebenen Wochen bis Olympia zu nutzen, um sich künstlerisch weiterzuentwickeln. „Bei den Olympischen Spielen werde ich mehr zu den Programmen hinzufügen, alles schön flüssig und fast zu einem Kunstwerk machen“, sagte er der Fachzeitschrift Pirouette. Man darf gespannt sein, ob ihm neben seinem Sprungfeuerwerk dazu überhaupt die Kraft bleibt.
Nach Olympia, so hat Malinin angekündigt, werde er in einem Showprogramm erstmals einen Fünffachsprung zeigen. Das wäre eine Weltpremiere. Marina Mai
Angepasste Skiartistin
Hanna Huskowa ist zum vierten Mal bei Olympia. Dreimal ist die Skiartistin aus Belarus für ihr Heimatland angetreten, diesmal geht sie als Neutrale von den Aerial-Schanzen in Livigno. Sollte sie gewinnen, wird statt der Hymne von Belarus eine Ersatzmelodie erklingen. Nach dem von Belarus unterstützten Überfall Russlands auf die Ukraine wurden die Nationalsymbole der Länder von internationalen Wettbewerben verbannt. Sportlerinnen, die sich nicht positiv zum Krieg geäußert haben und nicht dem Militär angehören, dürfen in Mailand und Cortina als Neutrale antreten.
Dass für Huskowa die Hymne gespielt wird, ist eher unwahrscheinlich, auch wenn sie wieder Salti und Schrauben zum Staunen in die Lüfte zaubern wird. 2018 war die heute 33-Jährige zwar Olympiasiegerin und vor vier Jahren in Peking holte sie Silber. Bei den jüngsten Weltcupwettbewerben aber kam sie auf den neunten Platz. Es waren ihre ersten Wettbewerbe unter dem Dach des Internationalen Skiverbands Fis seit dem kriegsbedingten Ausschluss von Belarus. Eine Entscheidung des Internationalen Sportschiedsgerichts Cas im Dezember ermöglichte ihr die Rückkehr auf die internationale Bühne.
So spektakulär ihre Sprünge von den Rampen sind, so zurückhaltend ist Huskowa im Umgang mit den Medien. Dabei wäre es interessant zu hören, wie sie die Propagandaspiele 2014 in Sotschi erlebt hat, bei denen sie ihr olympisches Debüt gegeben hat. Wie sie heute dazu steht, dass sie nach ihrem Olympiasieg 2018 Pyeongchang zur Propagandaikone ihres Staates wurde, wüsste man ebenso gerne. Wie es dazu kam, dass sie im Team von Belarus zu Olympia nach Peking fahren konnte, obwohl sie zu den vielen Athletinnen gehörte, die nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen 2020 in Belarus in einem Brief Neuwahlen gefordert hatte, würde man sie gerne fragen.
Andere Wintersportlerinnen flohen damals aus Belarus. Und ihre Freestylekollegin Aljaksandra Ramanouskaja, immerhin Weltmeisterin, wurde aus dem Team geworfen, weil sie sich an den Massendemonstrationen gegen Alexander Lukaschenkos Regime beteiligt hatte.
Wie sich danach der Händedruck von Viktor Lukaschenko, Präsidentensohn und Chef des belarussischen Olympiakomitees, bei ihrer Ehrung als Silbermedaillengewinnerin in Minsk angefühlt hat, auch das wird man wohl nicht von ihr erfahren. Auf Instagram steht über ihrem Account mit Bildern aus aller Welt „Freestyle Aerials Skier, Lifestyle, Travel, Animal Lover“. Andreas Rüttenauer
Gefeierter trans-Skifahrer
Für Elis Lundholm zählt vor allem dies: Er ist dabei. Einer der letzten Plätze im schwedischen Olympia-Team ging an den 23-jährigen Puckelpistenfahrer. „Ganz unglaublich und total cool“, findet das Lundholm. Er fährt unter dem sogenannten Zukunftskriterium mit nach Italien. Nach seinem 18. Platz im Weltcup wird Großes von ihm erwartet.
Dabei sein ist in seinem Fall aber nicht alles, worüber die Sportwelt spricht: Elis tritt in der Damenkonkurrenz an, obwohl er als Mann lebt. Geboren und auf der Buckelpiste groß geworden ist er als Elsa Lundholm. Vor fünf Jahren änderte er seinen Namen und fing an, sich auch öffentlich als Mann zu präsentieren. „Ich habe nur positive Reaktionen bekommen“, sagte er dem schwedischen Programm Radiosporten.
Die Buckelpisten-Community sei super, zitiert ihn die Zeitung Dagens Nyheter (DN). „Ich bin unter denselben Voraussetzungen dabei wie alle anderen, und das ist für alle in Ordnung“, sagte Lundholm. Er passt nicht in die Kategorie, die beim Thema Transmenschen im Leistungssport am meisten für Diskussionen sorgt. Die von Gegnern angeführte Ungerechtigkeit – die physische Überlegenheit von Transfrauen im Damensport – kann in diesem Fall nicht gelten.
Lundholm hat keine geschlechtsanpassenden Behandlungen durchlaufen, ist juristisch und biologisch eine Frau. „Ich bin einfach ich selbst, aber ich verstehe, dass Außenstehende Fragen haben. Für mich ist das allerdings ziemlich unkompliziert“, sagte er DN.
Lundholm ist einer von vier schwedischen Olympioniken im „Team LGTBQ“ des US-Magazins Outsports. Mit dieser Liste will es die Präsenz queerer Menschen bei den Winterspielen hervorheben. Auf der anderen Seite befinden sich queerfeindliche Websites, die Lundholms Geschichte als Beispiel für den Niedergang des Abendlands hervorheben wollen. Dass ihm auf der Bühne der Olympischen Spiele Social-Media-Hassattacken drohen, ist allen Beteiligten klar. Aber es ist nicht die größte Sorge des Neu-Olympioniken. „Natürlich habe ich darüber nachgedacht“, sagte er der Nachrichtenagentur TT. „Aber dann mache ich mein Ding und kümmere mich nicht darum.“
Bis jetzt sieht es auf Elis Lundholms Instagram friedlich aus. Unter der dem Bild, auf dem er sein Olympia-Ticket präsentiert, finden sich fast ausschließlich schwedische Hurra-Rufe und Glückwünsche. Fast: Gerade tauchen die ersten Beleidigungen auf – auf Englisch, von Konten mit kleiner Followerzahl. Für Lundholm viel wichtiger als das: Er ist dabei. Anne Diekhoff
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert