: Steine, Schwitzen, Schlusspunkte
Vor dem Späti lassen die Stammgäste ihre Zungen schleifen. Dazwischen Klopfgeräusche: Gummihammer auf Pflastersteinchen. „Hallo“, hallt klar eine hell klingende Kinderstimme die Hauswand empor und schiebt sich durch das offene Fenster. „Hallo“, knarren rau gerauchte Männerstimmbänder zurück. „Was machst du da?“, fragt das Kind. „Ick mach’ hier mit die Steine.“ „Ach so.“ Das Kind scheint zufrieden abzuziehen, zurückbleiben Klopfen und lallendes Gemurmel.
Ich mache mir ein Käsebrot. Als alles verstummt, dringt ein Hauch kalter Kippe ins Zimmer. Beim Verlassen der Wohnung ist das Trottoir leer. Vor dem Haus markieren zwei rot-weiße Kunststoffbauzäune den Ort der Konversation. Sandige Unebenheiten, ein bizarr großer Haufen übriggebliebenes Mosaikpflaster. Der Steinemacher ist verschwunden. Später will ich Nudeln in Charlottenburg essen. Nummer 82.
Verlangsamt ziehen die Schwimmer im Columbiabad unterm bedeckten Himmel ihre Bahnen. Zwei Polizisten diskutieren mit dem Bademeister, der Bademeister diskutiert mit zwei Jungs mit Wasserpistolen und Körpern wie aus Knete. „Warum denn nicht?“, nölt der eine und schießt gelangweilt einen Wasserstrahl ins Schwimmerbecken. „Sind doch eh alle nass.“ „Nee, nee. Dit zählt nicht“, brummt der Bademeister und schlappt zurück zu seinem Stuhl. Auf seinem Rücken steht: „So Pool ist nur Berlin.“ Die Jungs ziehen mit bewölkten Gesichtern Richtung Nichtschwimmerbecken. Vielleicht muss ich die Nudeln zweimal bestellen. Einmal zum Mitnehmen für morgen, direkt aus dem Kühlschrank. Die Kantstraße ist weit weg.
Unter der Dusche will ein zweijähriger Junge seinen Platz im Warmen nicht verlassen. Die Mutter wartet. Man sieht ihm an, dass er diese Lust am warmen Duschen für den Rest seines Lebens nicht aufgeben wird. Ich kann ihn verstehen. Vor einem französischen Restaurant am Savignyplatz demonstrieren Tierrechtler gegen den Verzehr von Entenstopfleber. Sie sind durch ihr Megafon schwer zu verstehen, verzerrt erkennt man „murderer“ in ihren Sprechgesängen. Gäste und Passanten nehmen sie nicht wahr. Zwei Polizisten beobachten sie mit schweren Lidern.
Eine Menschentraube hat sich vor Robert Grunenbergs Galerie versammelt, darunter auch S. Wir haben uns bisher nie außerhalb des Internets kennengelernt, tauschen ein paar Worte. Eigentlich suche ich D. Mittlerweile habe ich großen Hunger. Statt der antizipierten Kälte des Kunstmarkts schlägt mir im Innenraum Schwüle entgegen. Zwischen Weißweindunst und klebrigen Körpern hängen dicke Malereien von Fili Henin, Øyvind Sørfjordmo und Jan Zöllner.
Ich starre auf einen Windhund im Lavendel, darunter Knochen, am hochgezogenen Horizont ragen schmale Pappeln in den Himmel. Bei Henins Arbeiten definiert die Fläche die Figur, sie gefallen mir, trotz teils lieblicher Motive, ungemein gut. Der Galerist stellt mich dem Maler vor. Ich druckse herum, wir enden in einem Gespräch über eins seiner älteren Bilder, hellgelb mit Spinne, Riesenformat. Ich würde es so gern mal in echt sehen, leider hängt es nicht hier. Da erscheint D., schön wie immer, wir versinken kurz in Sätzen über Südfrankreich, Schuhe, das Internet und Nudeln. Irgendwann kann ich mich ihrem zarten Silberblick entreißen und laufe aufgekratzt gen Westen.
Als ich den Nudelladen erreiche, ist das Licht aus. Auf einem Schild steht: „Wegen Umbau geschlossen bis 12.08.“ Das Trottoir ist leer, nur zwei Polizisten entfernen sich weit hinten im Bild. Vor dem Laden ein bizarr großer Haufen Steine.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen