: Happa-happa und Gentech
■ Ein Rundgang durch die „Grüne Woche 1989“ / Rekorde, Skandale und Zünftiges
Es begann mit einer richterlichen Verfügung. Zwei Tonnen hormonverseuchtes Rindfleisch, das die Amerikaner demonstrativ dem Messe-Publikum als Steaks servieren wollten, wurden beschlagnahmt. Der Streit ums Hormonfleisch zwischen USA und EG provozierte den Polizeieinsatz.
Aber nicht nur der Steakverkauf, auch die Aktionen gegen den Hormonstand, auf die sich Gruppen der Bauernopposition schon vorbereitet hatten, fielen ins Wasser. Die Fleischexporteure der USA wollten ihrerseits die „Grüne Woche“ zur „Aufklärung“ nutzen. Nicht die USA, sondern die EG gefährde die Gesundheit der Verbraucher, teilten sie mit. Während in den USA „bewährte und unschädliche Hormone“ in der Rindermast eingesetzt würden, fördere das Hormonverbot der EG das kriminelle Halbdunkel illegaler Praktiken. Die letzten Skandale hätten bewiesen, daß auch in der EG Hormone verabreicht würden, allerdings unkontrolliert und damit unberechenbar.
Der Eklat zum Auftakt konnte die Stimmung allerdings kaum stören, er wurde für die Veranstalter sogar zum Beleg eiserner Qualitätskriterien für die ausgestellten „Spitzenprodukte der Landwirtschaft“.
Keine „Grüne Woche“ ohne das Ritual des Rekordes. 400.000 Besucher werden erwartet, und auch in diesem Jahr sind es „mehr Aussteller als je zuvor“ (890 aus 53 Ländern), erstmals ist die Sowjetunion vertreten. „Am liebsten hätten die Jungs hier ein großes Bild von Gorbatschow aufgehängt“, sagt der Berliner Importeur, der den sowjetischen Stand betreut. Aber Politik ist hier eher in Form käsehappenkauender Minister beim Rundgang erwünscht: Bitte ein Küßchen für die Weinkönigin.
Schläge hätte der taz-Reporter beinahe am Stand der österreichischen Winzer aus Rust bekommen. Die Frage nach dem Glykol-Gehalt wurde sogleich persönlich genommen: „Nur die ganz Dummen reden so dumm daher“, schnauzte ein rustikaler älterer Herr beleidigt.
Und sonst? Tendenz zünftig. Eine Mischung aus Meisje, Bratwurst und Desoxyribonukleinsäure. Die Sonderschauen zu Biotechnologie und nachwachsenden Rohstoffen werden eingerahmt von Deutscher Weinstraße und viel Happa-happa an lukullischen Theken. Zwischendurch ziehen eingespannte Kaltblüter-Paare den Pflug über einen imaginären Acker. Kommentar des Conferenciers: „Was unsere Bauern früher geleistet haben, zehn, zwölf Stunden am Pflug, das könnten wir heute gar nicht mehr - bei unserem Übergewicht...“
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