piwik no script img

Hannovers Wahrzeichen und TreffpunktNach'n Kröpcke hin

In Hannovers Fußgängerzone ist vieles schlimm. Aber das Kröpcke nicht. Das hat außerdem schon ganz andere Dinge überlebt.

Stadtgeschichte: Hannovers damaliger Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg schneidet 2001 die Torte fürs neue Café Kröpcke an Foto: Wolfgang Weihs/dpa

K ann man Außenstehenden erklären, was dieses „Kröpcke“ eigentlich ist? Das habe ich mich gefragt, als die Hannoversche Allgemeine Zeitung jetzt mit der schockierenden Nachricht um die Ecke kam, dass das dort ansässige Mövenpick-Café sich nach 50 Jahren zu verdünnisieren gedenkt.

Für den Lokalteil ist das natürlich Gold: Man kann dann sehr schön sehr viele Zeilen mit sentimentalen Erinnerungen füllen und Leute fragen, was sie davon halten und was denn nun stattdessen da rein soll und so. („Bloß kein Extrablatt“ war die mit Abstand lustigste und klügste Antwort.)

Was für Außenstehende vielleicht nicht so ganz nachzuvollziehen ist: Das Café am Kröpcke ist halt mehr als irgendein Café. Es ist sozusagen konzentrierte Stadtgeschichte. Das fängt schon mit der Optik an. In der ansonsten leider brutal hässlichen Fußgängerzone ist der kleine Bau mit seinen hübschen Kuppeln und Bögen und dem schnörkeligen Schriftzug ein verspielter Lichtblick.

Es weht einen direkt so eine Anmutung von Kaffeehauskultur an und vage Assoziationen an die 20er-Jahre, als sich hier noch Literaten und Künstler tummelten. Jawohl, das gab es mal! In Hannover! Ist aber lange her. Der Schwitters soll da jedenfalls herumgesessen haben.

Es weht einen direkt so eine Anmutung von Kaffeehauskultur an und vage Assoziationen an die 20er-Jahre, als sich hier noch Literaten und Künstler tummelten.

Okay, was es da auch gab, war Haarmann. Der Serienkiller und Sexualstraftäter soll sich in den Gartenanlagen herumgetrieben haben, die das Café Kröpcke früher umgaben. Da tummelte sich nämlich die – damals noch höchst illegale – schwule Stricherszene.

Wobei es in der Gegend zwischen Hauptbahnhof und sumpfigen Altstadtgassen damals überhaupt von Elendsgestalten und Gaunern nur so wimmelte. Manche unken ja, das käme gerade wieder, aber vielleicht sollten wir solche 20er-Jahre-Analogien auch lieber mal wieder sein lassen.

Das aktuelle Café am Kröpcke ist jedenfalls schon der vierte Bau, habe ich bei dieser Gelegenheit gelernt. Der erste war tatsächlich ein Geniestreich. Café Robby hieß das Ding, ein hübscher orientalisch anmutender Pavillon. Das fand man damals – 1869 – sehr schick. Und weil sich hier ein paar Jahre später die neu gebauten Hauptverkehrsstraßen kreuzten, war es plötzlich im Zentrum der Stadt.

Weggebombt und abgerissen – und doch immer noch da

Damals hielt hier auch die Pferdestraßenbahn, mittlerweile liegt unterirdisch ein hübsches Labyrinth und die wichtigste Umsteigestation des Stadtbahnnetzes, weshalb man sich eben immer noch am einfachsten am Kröpcke trifft, wenn man sich in der Stadt treffen will. An der Kröpcke-Uhr, die noch mal eine ganz eigene Überlebensgeschichte hat.

Das Café wurde im Zweiten Weltkrieg weggebombt, provisorisch wieder aufgebaut, musste schließlich in den 60ern dem U-Bahn-Bau weichen.

Kröpcke hieß das Café nach dem Oberkellner, der es bis 1919 betrieb. Seine Nachfahren wollten den Namen aber nicht ohne Weiteres weiterreichen. Darauf ließen sie sich erst ein, als die Stadt gleich den ganzen Platz nach ihm benannte. So läuft das hier.

Kein Riesengewese

Das heutige Kröpcke wird von einer Gemeinschaft aus 20 hannoverschen Familien getragen, meist alteingesessene Kaufleute und Unternehmer, zum Teil in der dritten Generation. Die – typisch hannöversch – aber eben nicht so ein Riesengewese daraus machen. (Nehmt dies, liebe Hamburger. So geht das, Herr Kühne.)

Die krude Formulierung „Nach'n Kröpcke hin“ stammt übrigens vom Comedy-Duo Siggi und Raner (hannöversch für Rainer) und war Teil des Versuchs, so etwas wie Lokalkolorit zu kultivieren. Weil man in Hannover nun einmal keinen ordentlichen Dialekt spricht, behalfen sich die beiden mit Soziolekt, einer Art Arbeitersprache, grammatikalisch eigensinnig und mit regionalen Besonderheiten.

Die Thekengespräche von Siggi und Raner waren Teil des legendären ffn-Frühstyxradio-Umfelds. Das war in den 90ern enorm populär, mit so Ausläufern und Auswüchsen, die heute noch die Comedy-Landschaft bevölkern – Oliver Welke (jetzt „heute show“), Oliver Kalkofe („Kalkofes Mattscheibe“), Günther, der Treckerfahrer, und viele andere. Aber das ist wieder eine andere Legende.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Nadine Conti
Niedersachsen-Korrespondentin der taz in Hannover seit 2020
Mehr zum Thema

0 Kommentare