Handball-EM der Männer: 22 Paraden retten Deutschland den Hintern
Die deutsche Auswahl gewinnt das zweite Hauptrundenspiel gegen Norwegen eher holprig. Und nur dank der überragenden Leistung von Torhüter Wolff.
Wenn Blicke verletzten könnten, hätten Juri Knorr, Lukas Mertens und Julian Köster jetzt dicke blaue Flecken am Rücken. In bester Bad-Boy-Manier starrte Andreas Wolff sie sekundenlang an, weil sie nach Paraden des deutschen Torhüters die Abpraller nicht gegriffen bekamen – sondern der Gegner: Tor für Norwegen!
Man kennt das finstere Gesicht seit Jahren. Von draußen wirken diese visuellen Begegnungen wie eine Ohrfeige für den jeweiligen Defensiv-Akteur. Und wie eine Machtdemonstration des häufig seltsam auftretenden Weltklasse-Torwarts. Er ist sich seiner Sonderrolle in der deutschen Handball-Nationalmannschaft bewusst.
Rein leistungsmäßig trägt er sie vollkommen zurecht: Am Samstagabend im zweiten Hauptrundenspiel halfen zuvorderst Wolffs 22 Abwehraktionen, Norwegen 30:28 (15:17) vor knapp 11.000 Menschen in der „Jyske Bank Boxen“ zu besiegen.
„Andi hat uns wieder mal den Hintern gerettet“, sagte der beste Torschütze, Marko Grgić (sieben Tore). Der Gepriesene selbst war weniger froh: „Man hat gesehen, dass die eine oder andere Szene mich nicht begeistert hat“, sagte er: „Hier und da fehlt einfach ein bisschen Cleverness, vorne wie hinten.“
Spiel vergeigt und trotzdem gewonnen
Einmal schrie er Renārs Uščins an, der seinen Gegner bei einem Gegenstoß foulte und eine Zwei-Minuten-Strafe bekam, statt ihn laufen zu lassen, wie Wolff gefordert hatte: „Ich mach’ das schon!“ Gerade hat Wolff zum Schrecken seines jungen Hintermannes David Späth ja verkündet, „bis 2032“ weitermachen zu wollen, so fit sei er. Man muss es für möglich halten, dass dieser Gummimensch auch mit 41 Jahren noch die Fußspitze an die Latte bringt.
Es sei ein Privileg, ein Spiel „vergeigen“ zu dürfen und trotzdem zu gewinnen, sagte Uščins mit Sinn für Humor. Am jungen Linkshänder war diesmal das Beste, dass sein Stellvertreter Franz Semper es gut machte und die Deutschen in der schlimmen ersten Halbzeit mit seinen Treffern halbwegs auf Kurs hielt.
Von Anfang an war Wolff, der 34 Jahre alte Kieler, da und kroch den Norwegern in die Köpfe. Am Ende hatte er 44 Prozent ihrer Würfe abgewehrt – ein Fabelwert. Von hinten, von außen, vom Kreis oder beim Gegenstoß, in alle Disziplinen lag er vorn und verhinderte einen Alptraum gegen ein norwegisches Team, das von Verletzungspech gezeichnet ist und auf viel Bundesliga-Mittelklasse vertrauen muss.
Doch die Spitzenkräfte Torbjörn Bergerud (Tor), Tobias Gröndahl (Mitte) und Sander Sagosen (Rückraum) genügten, um die Deutschen 30 Minuten durchzuschütteln. Fehlwürfe von allen Positionen machten ihnen das Leben schwer; nicht immer musste Bergerud eingreifen: Mancher Ball knallte einfach neben die Matte hinter dem Tor. Sogar dem unbeugsamen Kreisläufer Johannes Golla malheurte dies.
Nächste Gegner: Dänemark und Frankreich
Erst bei einer Fünf-Tore-Führung um die 50. Minute wurde es besser. Aber längst nicht fehlerfrei. Nils Lichtleins Regie für den diesmal schwachen Juri Knorr und die Tore Grgićs halfen, die Norweger zu distanzieren. „Ich habe endlich meinen dummen Kopf ausgeschaltet bekommen“, sagte Grgić – er hatte schleppend ins Turnier gefunden und galt als Sorgenkind. Diesmal schlüpfte er in die Rolle, die Miro Schluroff gegen Portugal besetzte. Tatsächlich ist die Kader-Breite ein großes Plus.
Später redete niemand etwas schön. Zwar steht Bundestrainer Alfred Gislasons Sieben mit 6:0 Punkten an der Spitze der Hauptrundengruppe A. Sie benötigt nur noch einen Sieg aus zwei Spielen, um das Halbfinale am Freitag zu erreichen. Da die Gegner am Montag aber Dänemark und zwei Tage später Frankreich heißen, hält sich die Zuversicht in Grenzen: „Spielen wir gegen Dänemark im Angriff so wie die erste Halbzeit gegen Norwegen, haben wir keine Chance“, sagte Gislason.
Aber auch wenn es holpert und stolpert und man sich manchmal fragt, was die deutsche Auswahl da spielt, weil es so unstrukturiert aussieht, hat sie ein Minimalziel erreicht: Da sie vom dritten Platz nicht mehr zu verdrängen ist, hat sie das Spiel um Platz fünf am Freitag des Finalwochenendes in Herning erreicht.
Das wäre nur das Endspiel um die Goldene Ananas. Aber wer weiß, wenn Andreas Wolff so weitermacht, könnte gegen die zuletzt überzeugenden Dänen und beeindruckend neu gruppierten Franzosen etwas möglich sein – auch wenn es nach dem Auftritt von Samstagabend utopisch wirkt.
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