Hamburger Olympiabewerbung: Spiele für die Saturierten

Nach Hamburgs Sieg im innerdeutschen Bewerbungskampf um die Olympischen Sommerspiele 2024 oder 2028 stellen sich einige Fragen.

Am Jachthafen in Kiel: Überbleibsel der Olympischen Seegelwettberwerbe von 1936. Bild: dpa

1. Olympia und Hamburg, war da nicht mal was?

Hamburg hatte schon bei der Vorauswahl der deutschen Bewerberstadt für die Olympischen Sommerspiele 2012 vonseiten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) die besten Noten für das Bewerbungskonzept bekommen. Vor Leipzig. Doch dann spielte Leipzigs Bürgermeister Wolfgang Tiefensee bei der Präsentation vor den Delegierten des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB) Cello – und gewann ihre Herzen; 2003 war das. Doch Leipzig scheiterte grandios. Die Stadt an der Pleiße wurde vom IOC nicht einmal in die Endauswahl für die Spiele 2012 aufgenommen.

Hamburg blieb aber nach der Schmach, also der Degradierung durch die sächsische Provinzmetropole, weiter dran. Seit dem Jahr 2004 lief das Duell mit den Berlinern. Seinerzeit bekundete der Berliner Senat mal wieder sein Interesse an den Spielen. „So schnell werfen wir die Flinte nicht ins Korn“, sagte damals der sportpolitische Sprecher der SPD, Jürgen Schmidt. Die CDU sah Hamburg schon vor 11 Jahren „mit deutlichem Vorsprung“ vor Berlin. Was man halt so sagt.

2. Was will Hamburg eigentlich mit den Spielen?

Aufklären! In der Hansestadt bedauert man, dass auf der Erde so viele hinterm Berg leben und nicht wissen: Hamburg ist die schönste Stadt der Welt. Mit dieser Mission stimmt man auch die patriotischen Bürger olympiafreundlich. Noch bedeutsamer aber ist: Die Stadt will wirtschaftliches Wachstum generieren. Die Handelskammer Hamburg, die sich durch einen steigenden Bekanntheitsgrad der Stadt stattliche Gewinne verspricht, brütete schließlich die Bewerbungsidee aus und nahm unverzüglich die Politik in die Pflicht.

Bei der Jahresschlussansprache 2013 forderte der Handelskammer-Präsident Olaf Scholz auf: „Herr Bürgermeister, packen Sie Olympia an!“ Der SPD-Politiker fügte sich sogleich. Der Hamburger Sportbund-Chef Günter Ploß indes beklagte sich über den Alleingang der Wirtschaftslobby und monierte das überhastete Vorgehen. Man müsse die Sportverbände mitnehmen, forderte er.

3. Sind die Spiele nicht viel zu teuer?

Der Hamburger Kaufmannsehre gebietet eigentlich anderes: Aber bislang liegen nur rudimentäre Rechenspiele vor. Am kalkulierbarsten scheinen die Ausgaben für die Sportstätten zu sein: Derzeit will man dafür 1,9 Milliarden Euro hinblättern. Für das Gesamtpaket (Olympische Dorf, die Durchführung der Spiele, Sicherheit, Infrastruktur ect.) steht die Zahl von 6,6 Milliarden im Raum.

Allerdings hat der Chef der Hamburger Hafenunternehmer bestätigt, dass allein der Umzug der Hafenfirmen weg von der vorgesehenen Olympia-Elbinsel Kleiner Grasbrook etwa 5 bis 7 Milliarden Euro kosten könnte. Exorbitante Kostensteigerungen gehören zum olympischen Spiel, kratzen aber auch am Bescheidenheitsimage, mit dem Hamburg glänzen will.

4. Warum ist Hamburg besser als Berlin?

DOSB-Chef Alfons Hörmann schwärmte zwar ausgiebig von dem tollen kompakten Konzept in Hamburg, im Grunde aber hat die Hafenstadt den Olympiazuschlag den Berlinern zu verdanken. Nur 55 Prozent sprachen sich für die Olympischen Spiele in der Hauptstadt aus. Zudem gibt es hier ein Netzwerk an Gegnern, das schon bei der gescheiterten Berlin-Bewerbung 2000 erfolgreich störte. Beim DOSB fürchtete man sich vor einem zweiten Fiasko. Was der Münchner Bevölkerung gelang, die Winterspiele 2020 in der eigenen Stadt zu verhindern, ist den Berlinern allemal zuzutrauen.

In Hamburg konnten sich die Olympiagegner indes kein Profil erarbeiten. Das Bündnis besteht nur aus zwei Aktivisten. Und die hanseatische Wirtschaftslobby ist spendabel: Die Handelskammer hat bereits versprochen, die Hälfte der Bewerbungskosten für 2024 beizusteuern, etwa 25 Millionen Euro.

5. Was heißt „kostenstabiles Bauen“, wie es die Hamburger Bewerber versprechen?

Das soll wohl heißen: Ein Bau wird nicht teurer als vorher kalkuliert. Das hat in Hamburg freilich nicht immer geklappt, wie man am Beispiel der Elbphilharmonie auf eindringliche Weise sehen kann. Eine Machbarkeitsstudie vom Juli 2005 wies Gesamtkosten von 186 Millionen Euro aus. Von dieser Summe sollte die Stadt Hamburg 77 Millionen Euro tragen.

Zwei Jahre später betrugen die Gesamtkosten bereits 241,3 Millionen Euro mit einem Anteil von 114,3 Millionen für die Stadt. Am Ende wird Hamburg mehr als 800 Millionen Euro zuschießen müssen. Auch die Eröffnung verzögert sich. Nur Berlin kann dies noch toppen: mit dem Flughafen BER. Aber das ist eine andere Geschichte.

6. Versucht Hamburg mit den Spielen seine Profilneurose zu kurieren?

Das taz-Blog Reptilienfonds schrieb neulich: „In Hamburg ist seit der großen Sturmflut von 1962 überhaupt nichts mehr passiert. Der vitalste und frischeste Bewohner dieser stadtgewordenen Agonie ist bezeichnenderweise noch heute Helmut Schmidt. Der Hamburger Widerstandsgeist erschöpft sich darin, für den Eigenbedarf Mentholzigaretten bis ans Lebensende im Keller einzubunkern.“

Und weiter: „Vielleicht sind die Olympischen Spiele die einzige Chance, die der Stadt bleibt, um sich aus ihrer Verkarstung noch zu befreien.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur dies noch: Hamburg, die Stadt der saturierten Steppjackenträger und ihrer Burberry-Halstuch-Gattinnen, hat die Spiele sooo wahnsinnig viel nötiger als Berlin. Hamburg muss sich beweisen, wie weltläufig und wichtig diese Stadt doch irgendwie ist. Blöd nur, dass Olympia ziemlich uncool ist.

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