Halt finden: Den Stein in beiden Händen
Sein ganzer Körper wackelt vor Panik: Höhenangst muss nicht rational sein. Wer hält hier eigentlich wen?
W ir steigen auf einen hohen Berg in den Schweizer Alpen. Mein Freund P. hat Höhenangst. Er überwindet sich trotzdem, mir zuliebe. P. ist sportlich und bis wir über der Baumgrenze sind, läuft er fröhlich plaudernd viele Meter vor mir her, ich hechle ihm – und dem Gespräch – nach. Erst auf den letzten paar Hundert Höhenmetern, als der Abgrund immer sichtbarer wird, wird er langsamer und langsamer, stiller und stiller. Irgendwann kommen wir auf der Bergspitze an, ich bin stolz, die körperliche Herausforderung gemeistert zu haben, lehne mich am Gipfelkreuz an und zünde mir eine Zigarette an. P.s Beine aber zittern vor Nervosität.
Er schaut vorsichtig hinunter, dabei wackelt sein ganzer Körper vor Panik. Sogar ich mache mir jetzt etwas Sorgen, dass P. fallen könnte. Ganz einfach, weil er solche Angst hat zu fallen. Wie eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. P. sieht sich zitternd um. Er findet, hinter sich liegend, einen großen Stein, er ist ziemlich massiv und wiegt fast ein Drittel so viel wie P. selbst. P. hebt den Stein an, er bleibt gebückt, er hält den Stein in beiden Händen, er richtet sich ganz langsam auf und ebenso langsam reguliert sich sein Atem, seine Knie hören auf zu zittern. Er lächelt, noch etwas unsicher, dann breiter und breiter.
P. steht auf der Bergspitze und hält sich fest, an dem beruhigenden Objekt, dem schweren Stein, das eigentlich er selbst hält. Der Stein ist an nichts befestigt und dennoch festigt es ihn. P. hält den Stein, ein Drittel seines Körpergewichtes schwer, er schielt mutig in den Abgrund, seine Knie zittern jetzt nur noch ein ganz kleines bisschen. Langsam verlassen wir den Gipfel, gehen Stück für Stück wieder nach unten. Auch auf mein Anraten hin weigert P. sich, den Stein zurückzulassen, obwohl dieser ihn sichtlich beschwert. Er ist langsam, aber sicher auf den Beinen, obwohl er sich nicht festhalten kann, denn er hält ja den Stein fest, der wiederum ihn auf wundersame Weise hält.
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