piwik no script img

kabinenpredigtHält wie ’ne Eins

Drei Mal Fußballer der Jahres. Vier Mal Deutscher Meister. Europameister 1972. Weltmeister 1974. Deutschlands Torhüter des Jahrhunderts. Und doch, Sepp Maier kann nicht ruhen. Die ehemalige Katze von Anzing, die auch gern mal einer Ente nachstellte, ist rastlos unterwegs, um zu halten, was noch zu halten ist. Auch wenn es keine Bälle mehr sind. Materialermüdung und Korrosion hat er den Kampf erklärt.

So zieht er durch die Lande, um für einen großen Leimhersteller zu werben. Ein Handlungsreisender in Sachen Kleber also, der – wie am Freitagnachmittag bei Karstadt am Hermannplatz – todesmutig allen Vorurteilen und allem Unwissen, die es dem Haftmittel gegenüber gibt, entgegentritt. Er lässt sich selbst mit den Schuhen an ein Brett kleben, um dann kopfüber aufgehängt zu werden.

Knapp 30 Schaulustige haben sich eingefunden in dem Großkaufhaus. Die meisten davon wissen überhaupt nicht, wer Sepp Maier eigentlich ist. Aber immerhin lernen sie etwas bei der Werbeshow: Der aufmerksame und leimaffine Beobachter weiß danach, dass eine münzgroße Fläche Kleber 300 Kilogramm Gewicht aushalten kann.

Von solchen körperlichen Ausmaßen ist der ehemalige Bayern-Torwart weit entfernt, und so reichen zwei untrainierte Männer im Firmenhemd, um den nach eigener Aussage 83 Kilo schweren Maier kopfüber aufzuhängen. Die Torhüterlegende beweist gar Entertainerqualitäten, als er die Zuschauer zum „Wir wollen ihn hängen sehen“-Grölen animiert. Inzwischen haben sich auch ein paar Fans eingefunden – und die nutzen die Chance, den wehrlosen Mann mit einigen hämischen Kommentaren über die aktuelle Bayern-Krise zu piesacken. Maier pariert – und ignoriert souverän.

Eine gute Minute baumelt er über dem Fußboden, bis es des Demonstrierens genug ist. Auf der anschließenden Signierstunde unterschreibt er seine Autogrammkarten und T-Shirts; für persönliche Widmungen, für „Für Jens“ oder Ähnliches bleibt leider keine Zeit. So verlässt man das Kaufhaus im Wissen, dass man sich jederzeit selbst an die Decke kleben könnte. Außer man wiegt 301 Kilogramm. DAVID-EMANUEL DIGILI

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen