Gus Van Sants „Dead Man’s Wire“ auf DVD: Na immerhin
Statt im Kino kann man Gus Van Sant Thriller „Dead Man’s Wire“ jetzt wenigstens auf DVD sehen. Und das trotz einer eindrucksvollen Nebenrolle Al Pacinos.
Die Bilder aus der historischen Wirklichkeit gibt es erst im Abspann. Die Wirklichkeit: Indianapolis, 1977, ein Schuldner nimmt den Präsidenten der Firma, die ihn ruiniert hat, als Geisel, fast drei Tage lang, in aller Öffentlichkeit, das Fernsehen ist die ganze Zeit live dabei. Der besondere Clou: Der Entführer, Tony Kiritsis, hat eine Konstruktion zusammengebastelt, mit einer Drahtschlinge und einem Gewehr, die so funktioniert, dass das Gewehr, würde der mit dem Entführten verdrahtete Tony niedergeschossen, von selbst ausgelöst wird: das Dead Man’s Wire, der Titel des Films.
Und so zog Tony Kiritsis, nicht alles lief ganz nach Plan, mit der Geisel durch die Straßen von Indianapolis, die Polizei hinterher, die Medien auch hinterher, live übertragen, ein Fall, der in den USA fast so viel Aufsehen erregte wie in Deutschland das Geiseldrama von Gladbeck; der auch zu Diskussionen geführt hat, wie sich die Live-Medien verantwortungsvoller bei einem solchen Drama verhalten. Vor acht Jahren entstand eine Dokumentation – „Dead Man’s Line“ –, die den Fall mit viel Archivmaterial rekonstruierte.
Es entstand darauf ein Drehbuch für einen Spielfilm. Eine Weile lang war Werner Herzog als Regisseur vorgesehen, mit Nicolas Cage als Tony Kiritsis. Herzog hat dann aber lieber seinen Spielfilm „Bucking Fastard“ gedreht (demnächst im Wettbewerb in Venedig, wo „Dead Man’s Wire“ letztes Jahr außer Konkurrenz lief). An seiner Stelle übernahm Gus Van Sant, der für die Hauptrolle Bill Skarsgård wollte und bekam. An deutscher Beteiligung fehlt es dennoch nicht, Veronica Ferres hat den Film koproduziert. Kleiner Besetzungscoup am Rande: Die Rolle des Vaters des Entführten, der es sich in Florida gut gehen lässt, übernahm Al Pacino, an einem Tag abgedreht, die ganze Zeit sitzend, eindrucksvoll nichtsdestotrotz.
„Dead Man’s Wire“ (USA 2025, Regie: Gus van Sant). Die DVD ist ab rund 13 Euro im Handel erhältlich.
Trotz des Spektakels auf den Straßen wird der Film schnell zum Kammerspiel. Tony Koritsis, ein redseliger Kohlhaas, der vor allem eine Entschuldigung und Genugtuung will. Sein Opfer: Richard Hall (Dacre Montgomery), mit den Nerven am Ende, geduckt, träumt (wir sehen die Bilder), von einem blutigen Ende.
Tight und slick und dicht
Van Sant lässt das Archivmaterial sehr bewusst außen vor. Er hat stattdessen mit umwerfender Liebe zu den Details einen Film als veritable Siebziger-Jahre-Zeitkapsel inszeniert: mit allem Kleidungs-Drum und Musik-Dran, mit verwaschenen Fernsehaufnahmen und Splitscreens, mit Original-Sound und -Slang und -Bart und -Frisur, Sprung vom Drinnen-Schauplatz nach draußen und wieder zurück. Das ist so tight und slick und dicht, in seiner Künstlichkeit fast hyperreal, ein zur Beinahe-Halluzination gesteigertes Ausstattungsstück.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „Dead Man's Wire“
Ein schwarzer Radio-Host (Colman Domingo) ist ebenso mit im Spiel wie eine ehrgeizige junge Fernsehjournalistin, die Polizei marschiert auf, mit dem ersten ist der Entführer noch per Du, aber die Bundespolizei lässt nicht lange auf sich warten. Bedingungen werden diktiert, eine öffentliche Entschuldigung wird verlangt, Immunität, auch Tonys Bruder muss helfen, Telefonate, eine live übertragene Pressekonferenz, bei allen Auftritten hat der Entführte den Toter-Mann-Draht stets um den Hals.
Gus Van Sant setzt bei seiner Inszenierung mehr auf Dichte und Intensität als auf Spannung. Der Blick auf die Figuren, über deren Agieren sich der Kriminalfall zum öffentlichen Spektakel entgrenzt, bleibt bei aller Fiebrigkeit analytisch genau. Sarkastisch der Musik-Kommentar im Abspann, zu dem Gil Scott-Herons Protestsong „The Revolution Will Not Be Televised“ läuft: Eine Revolution ist das dem rasenden Kohlhaas zum Trotz ganz sicher nicht; nur eine mediale Steigerungsform der Gesellschaft des Spektakels.
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