Grünen-Politikerin über ihre „Elternzeit“

„Männern stellt man die Frage nicht“

Frauen brauchen mehr Regenerationszeit, sagt Berlin-Fraktionschefin Silke Gebel nach der Geburt ihres dritten Kindes. Sie fordert eine Elternzeit light für Abgeordnete.

Frau mit Kind auf ihrem Arm auf einer Bank in einem Garten

Silke Gebel mit dem jüngsten Nachwuchs, Kind Nummer drei, Anfang Oktober in ihrem Garten Foto: Dagmar Morath

taz: Frau Gebel, wie war die Nacht: einigermaßen durchgeschlafen?

Silke Gebel: Och ja. Ich habe ohnehin das Gefühl, beim dritten Kind ist alles einfacher als beim ersten.

Routine?

Ja, Routine ist das passende Wort.

Wenige Tage nachdem Ihr Kind geboren wurde, haben Sie sich als grüne Fraktionschefin auf Ihrem Twitter-Kanal mit den Worten verabschiedet: „So. Bin dann mal wirklich Off.“ Und, dran gehalten?

Ja! Ich habe die App deinstalliert.

Sitzt uns hier eigentlich die Co-Fraktionschefin gegenüber oder eine Mutter von drei Kindern?

Ich bin beides. Kurz nachdem ich mein erstes Kind bekommen habe, wurde ich Abgeordnete. Jetzt gerade bin ich noch im Mutterschutz und eher Fulltime-Mutter.

Jahrgang 1983, geboren in Ostfildern-Ruit (Baden-Württemberg), sitzt seit Januar 2013 für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Seit Dezember 2016 ist die Diplom-Verwaltungswissenschaftlerin Fraktionschefin der Berliner Grünen. Sie hat drei Kinder und twittert demnächst wieder unter @SilkeGebel.

Ist nicht der Mutterschutz schon vorbei? Das Kind kam ja Ende Juli, jetzt ist Oktober.

(Überlegt) Möglicherweise bin ich jetzt schon seit einigen Tagen im „Urlaub“. Ich habe keinen Sommerurlaub gemacht und fast bis zur Geburt durchgearbeitet. Jetzt kommen noch ein paar freie Tage hintendran, um überhaupt sowas wie Elternzeit zu haben, bevor es nach den Herbstferien wieder losgeht.

Für Abgeordnete gibt es keine Elternzeitregelung. Sie mussten also ein bisschen tricksen, damit Sie über den Mutterschutz hinaus noch ein bisschen Elternzeit haben?

Irgendwie schon. Während des Mutterschutzes darf man im Plenum fehlen, ohne dass „Strafzahlungen“ fällig werden. Darüber hinaus ist gesetzlich aber nichts geregelt.

In Thüringen wurde kürzlich eine Abgeordnete aus dem Parlament geworfen, weil sie ihr Kind gestillt hat.

Ja, das hat mich schockiert, dass ein 42-jähriger Parlamentspräsident im Jahr 2018 die gewählte Madeleine Henfling in ihren Rechten als Abgeordnete beschneidet, nur weil sie ihr Kind ins Plenum mitgenommen hat.

Werden Sie selbst im Abgeordnetenhaus stillen?

Nicht im Plenum. Aber das ist eine persönliche Entscheidung. Ich finde es völlig okay, bei der Parlamentssitzung zu stillen. Ich glaube, die Würde des Hauses wird durch undemokratisches Verhalten gefährdet. Wenn man Burkaträgerinnen als Frauen in Säcken verunglimpft, zum Beispiel.

Ist das ein Problem, dass der Gesetzgeber keine Elternzeit für ParlamentarierInnen vorsieht – und überhaupt so wenig regelt, wenn Abgeordnete Eltern werden?

Ich sehe das sehr ambivalent. Einerseits ist es schwierig, jemanden zu vertreten, der vom Volk gewählt wurde. Andererseits ist auch die erste Zeit mit Kind schwierig, selbst wenn man als Abgeordnete eine hohe Flexibilität hat – und hoffentlich eine familienfreundliche Fraktion, die einem den Rücken stärkt. Deshalb: Ja, eine Regelung, die das gesetzlich klarer stellen würde, wäre gut.

Was stellen Sie sich vor?

Frauen müsste mehr Regenerationszeit erlaubt sein: Das Baby ist ja auch nach acht Wochen Mutterschutz noch da. Man könnte überlegen, in den ersten sechs Monaten nach der Geburt die Anwesenheitspflicht im Plenum auszusetzen – eine Art Elternzeit light. Und man muss ehrlich sein: Verantwortung in der Familie betrifft ja nicht nur Mütter oder Väter mit Kindern. Viele pflegen ihre Angehörigen zu Hause. Um eine weitreichende Regelung zu finden, müsste man einen Dialog führen, fraktionsübergreifend, mit dem Parlamentspräsidium zusammen.

Silke Gebel

„Die Mutterrolle ist für mich nicht singulär. Es ist eine Elternrolle und ich nehme davon einen Teil ein.“

Sie haben aber doch sicher auch eine Idee?

Gerade für die sehr verletzliche Zeit des Anfangs könnte man ein Pairing überlegen…

…fehlt ein Abgeordneter der Regierung bei einer Abstimmung, stimmt auch ein Oppositionsabgeordneter nicht mit. Die Kräfteverhältnisse blieben so gewahrt…

…oder man könnte über Teilzeitlösungen wie in Baden-Württemberg nachdenken.

Aber Berlin hat doch ein Teilzeitparlament.

Ich bin dem mal nachgegangen, aber ich habe nirgendwo offiziell gefunden, dass wir ein Teilzeitparlament sind. Gut, wir haben im Vergleich zu anderen Parlamenten weniger Sitzungstage…

Sie bekommen weniger Geld, daraus könnte man es ableiten.

Okay, aber rechtlich gesehen ist das kein Argument.

Sie sind Chefin von 25 Abgeordneten. Haben Sie sich die Frage gestellt, wie das eigentlich zusammen geht: Kinder und eine Führungsposition in der Fraktion?

Ich sag's mal so: Ich glaube, einem Mann würde man die Frage nicht stellen.

Meinen Sie wirklich?

Ja. Ich habe noch nie ein Interview mit einem Fraktionsvorsitzenden, der auch junger Vater ist, dazu gelesen. Dabei ist es doch so: Man muss sich diese Frage als Eltern immer stellen. Natürlich möchte man Zeit mit seinen Kindern verbringen. Für mich war klar, dass Familie und Job immer vereinbar sein müssen. Und dann ist die Partnerschaft der eine Faktor und die Arbeit der andere Faktor. Antje Kapek…

… Ihre Co-Fraktionschefin und ebenfalls Mutter von zwei Kindern im Kita- und Schulalter…

… ist ja in einer ganz ähnlichen Situation wie ich. Da gibt es ein großes Verständnis und wir ergänzen uns gut.

Bringen Sie in diesem Fall ein persönliches Opfer, um politisch ein Vorbild zu sein?

Wenn man Opfer bringen würde, wäre man kein politisches Vorbild. Die Kinder zurückzustecken für die politische Karriere – der Preis wäre zu hoch. Aber natürlich ist nicht alles einfach, drei Kinder unter sechs Jahren sind schon alleine ein Kraftakt. Und wenn eins krank ist oder am Wochenende Parteitag und Kitaausflug sind, ist das schon eine Zerreißprobe – fürs Herz und den Terminkalender.

In einer anderen Position hätten Sie vielleicht mehr Zeit für Ihre Kinder.

Ich weiß gar nicht, ob Menschen in anderen Jobs so viel mehr Zeit haben. Natürlich muss ich als Abgeordnete im Plenum anwesend sein; es gibt Ausschusssitzungen und viele Abstimmungsprozesse, die die Regierungsverantwortung mit sich bringt. Aber ich habe auch die Flexibilität zu sagen, ich hole die Kinder um vier Uhr aus der Kita ab, mache dann drei, vier Stunden Kinderzeit und gehe abends nochmal ran. Diese Freiheit haben viele Leute, sei es in der Verwaltung oder im Schichtdienst in der Pflege, nicht.

Ihre SPD-Kollegin, die Abgeordnete Maja Lasić, hat gesagt, die vielen Vor-Ort-Termine könne einem als Politikerin letztlich keiner abnehmen – weil abends im Ortsverband die Mehrheiten organisiert werden.

Parteiarbeit ist Ehrenamtsarbeit und findet abends oder am Wochenende statt. Das stimmt. Aber als Abgeordnete ist man nun mal gewählt, den engen Austausch mit den Menschen in unserer Stadt und mit der eigenen Partei zu führen. Dafür muss ich persönlich präsent sein. Damit ich die Kinder nicht nur schlafend sehe, gibt es bei uns zwei, drei Termine, die sind Family only.

Silke Gebel

„Parteiarbeit ist Ehrenamtsarbeit und findet abends oder am Wochenende statt. Das stimmt.“

Sind Sie so strikt?

Ich führe keine Strichliste. Aber es gibt ein paar Tage in der Woche, da haben die Kinder Sport und das ist geblockt. Das ist vielleicht auch deshalb kein Problem bei uns, weil in der Grünen-Fraktion viele in dieser Situation sind: Meine Co-Fraktionschefin, viele Abgeordnete, auch unsere Landeschefin [Nina Stahr, d. Red.] haben kleine Kinder. Wir haben inzwischen nach 15.30 Uhr, abgesehen von Fraktions- und Plenumssitzungen, keine entscheidenden Termine mehr. Und für die gibt es Kinderbetreuung im Abgeordnetenhaus, was ich sehr begrüße. Die Parlamentsarbeit ist dadurch etwas kinder- und familienfreundlicher geworden: Ich bin keine Bittstellerin als Mutter oder Vater. Das finde ich ganz wichtig.

Trotzdem mal ganz konkret: Wie viel macht Ihr Mann, wie viel machen Sie?

Im letzten Jahr hat mein Mann schon 70 bis 80 Prozent der Familienarbeit gemacht. Wir kümmern uns gemeinsam um unsere Kinder, früher ich mehr, aktuell er öfter als ich, was mich unterstützt.

Manche sind nicht in so einer privilegierten Position.

Ja, sicher. Deswegen müssen wir Strukturen verändern. Bei Alleinerziehenden, die vielleicht nur Teilzeit arbeiten und bei denen der Unterhaltsvorschuss nicht kommt, muss der Staat schnell einspringen. Und natürlich müssen auch die Kita-Strukturen erweitert werden: Stichwort Qualitätsausbau. Wo ein Elternteil fehlt, braucht es einen anderen verlässlichen Partner am Start.

Werden Sie gerade automatisch ein bisschen zur FamilienpolitikerIn?

Natürlich kriegt man manche Themen jetzt noch intensiver mit, wenn man viel mit den Kindern auf dem Spielplatz abhängt: die vollen Kitas, der knappe Wohnraum für Familien. Es gibt Effekte aus der Grünen-Fraktion heraus: Die Möglichkeit, Home Office zu machen, die Verlagerung wichtiger Terminen in den Vormittag – das sind Dinge, die können wir als Grüne einbringen in die Frage, wie man zum Beispiel die Berliner Verwaltung organisieren möchte. Ja, da bin ich bestimmt ein Stück weit Anwältin von jungen Familien. Wir waren ja auch auf der Kitakrise-Demo im Frühjahr sehr präsent.

Das kann einem schnell auch als innerkoalitionäre Kritik an der Kita-Politik von SPD-Jugendsenatorin Sandra Scheeres ausgelegt werden.

Ich würde das eher als Rückenwind für eine gute Familien- und Kinderpolitik von Rot-Rot-Grün sehen.

Kürzlich hat die CDU über einen Antrag abgestimmt, die Familienfreundlichkeit in Fraktion und Partei zu stärken. Auch da geht es um Kinderbetreuung und Termine nur noch bis zum Nachmittag. Wurde auch Zeit, oder?

Ist doch gut, wenn sich jetzt auch die CDU um Familienfreundlichkeit bemüht. Wir Grünen haben ja schon seit den 80er Jahren Doppelspitze, Frauenquote und Kinderbetreuung bei Parteiterminen. Aber auch so ist es schwer, junge Familien in der Politik zu halten – wir versuchen regelmäßig, Formate zu verbessern. Ich habe sogar schon mal eine grüne Babykrabbelgruppe gegründet.

Wir wollten noch darüber sprechen, warum wir dieses Interview nicht mit einem Mann führen würden. Ärgert es Sie, dass wir zum Beispiel Ihren Fraktionskollegen Benedikt Lux nicht fragen, wie er es schafft, Abgeordneter und vierfacher Vater zu sein?

Der Unterschied ist doch: Frauen werden gefragt: Schaffen Sie das WIRKLICH? Es wird immer in Zweifel gezogen, dass bei Frauen beides geht. Und Männer fragt man entweder gar nicht, oder man sagt – zögert.

Man sagt: Toll, dass Sie das schaffen!

Ja, ganz genau. Ich habe mich dafür entschieden, als Abgeordnete die Interessen der Berlinerinnen und Berliner zu vertreten, ich weiß um diese Verantwortung und natürlich werde ich ihr gerecht. Und natürlich will ich der Verantwortung, als Mutter für meine Kinder da zu sein, auch gerecht werden. Das ist manchmal ein Spagat, aber es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, dass man sein Bestes gibt, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Wie sähe eine gleichberechtigte Diskussion über dieses Thema aus?

Ich finde die ganz nüchterne Frage: ‚Wie organisieren Sie das?‘ schon legitim -auf einer rein praktischen Ebene, nach dem Motto: Spannend, sag mir doch mal, wie das bei euch läuft.

Wenn man Frauen fragt, ob sie das wirklich schaffen, schwingt ja immer auch die Frage mit, ob man eine gute Mutter sein kann, wenn man Karriere macht.

Die Mutterrolle ist für mich nicht singulär. Es ist eine Elternrolle und ich nehme davon einen Teil ein.

Bräuchte es mehr Role-Models dafür?

Ich glaube schon. Sigrid Nikutta [die BVG-Vorstandsvorsitzende und Mutter von fünf Kindern] war zum Beispiel ein Role-Model für mich. Und meine Oma, die hatte sieben Kinder. Okay, sie war nicht erwerbstätig, aber eine Großfamilie ist auch ein Mega-Management-Job.

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