Graue Ödnis am Berliner Humboldt Forum: Unterm Pflaster kein Strand

Klimawandel? Der Freiraum rund um das rekonstruierte Stadtschloss ist in seiner Verweigerung von Grün eine steinerne Realitätsverweigerung.

Man sieht das Schoss und den Fernsehturm

Die Südseite des Stadtschlosses, wo einst der Neptunbrunnen stand Foto: Jürgen Ritter/Imago

Es braucht nicht viele Eigenschaftswörter, um das Drumherum um das Berliner Stadtschloss alias Humboldt Forum zu beschreiben. Wer einmal um die drei Seiten der Schlossrekonstruktion und die Lochfassade an der Ostseite herum geht – das ist seit Weihnachten, als die Bauzäune fielen, möglich – sieht vor allem eines: Pflastersteine. Im Grunde braucht man also nur ein Adjektiv für den Freiraum rund ums Schloss: steinern.

Gut möglich, dass die steinerne Schlossumgebung, ebenso wie die Debatte um die Architektur des Humboldt Forums, noch einmal eine Kontroverse auslöst. Im Grunde wäre das die Wiederholung einer Diskussion, die bereits 2013 stattgefunden hat. Damals hatte das Büro BBZ Landschaftsarchitekten den Freiraumwettbewerb mit einem Entwurf gewonnen, der Grün überwiegend dort einsetzt, wo es historische Bezüge anzudeuten gilt, etwa beim verloren gegangenen Apothekerflügel. Dort, auf der Nordseite zum Lustgarten hin, steht eine Baumgruppe. Das versprochene Grün freilich wird erst im Frühjahr zu sehen sein, wenn die Blätter grünen. Die Bäume selbst stehen in Baumscheiben, der Grundriss des Apothekerflügels ist nicht begrünt, sondern mit grauem Granulat markiert.

Grau wäre also ein zweites Eigenschaftswort für die Schlossumgebung, wenn auch keine „Fifty Shades of Grey“, sondern nur zwei. Etwas masochistisch muss man dennoch veranlagt sein, um dieser grau-haften Ästhetik etwas abgewinnen zu können.

Ähnlich sahen das wohl auch die Vertreterinnen und Vertreter von Land und Bund in der Jury des Freiraumwettbewerbs. Ihnen, so war es 2013 zu hören, hatte der andere, weitaus grünere Entwurf, der damals noch im Rennen war, deutlich besser gefallen. Den Ausschlag aber gaben die Fachrichterinnen und Fachrichter, also die Zunft der Architekten und Landschaftsarchitekten.

Eröffnung: Am 16. Dezember wurde das Humboldt Forum nach sieben Jahren Bauzeit eröffnet, nicht feierlich, sondern digital. Bis Ende 2021 sollen alle Flächen im rekonstruierten Stadtschloss zugänglich sein. Das Gebäude nach Plänen des italienischen Architekten Franco Stella nutzen künftig zwei Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Land Berlin und die Humboldt-Universität.

Projekte: Nach der Eröffnung wartet das Forum auf Lockerungen der Coronamaßnahmen. Die größten Auswirkungen sieht Generalintendant Hartmut Dorgerloh in der internationalen Projektarbeit. „Bis sich hier wieder eine Art Normalität einstellt, wird es wohl noch eine Weile dauern“, sagte er. So könnten zum Beispiel keine Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt für Projekte eingeladen werden. (dpa, taz)

Dass der knapp zehnminütige Rundgang um das Humboldt Forum vor allem über Berliner Kleinpflaster führt, wie man es auch aus Kreuzberg oder Prenzlauer Berg kennt, den historischen Stätten der Berliner Maikrawalle, hat aber noch einen anderen Hintergrund. So zumindest insinuierte es André Schmitz, einst Kulturstaatssekretär, bei einer Veranstaltung in der Urania im Februar. „Ich war in vielen Jury-Sitzungen, aber die von 2013 war die Schlimmste“, zitierte der Tagesspiegel den Freund der historischen Rekonstruktionen. Er habe das Gefühl gehabt, dass die Pläne zur Gestaltung des Umfelds „die Rache derjenigen sind, die das Schloss nicht wollten“.

Oder auch nicht den Neptunbrunnen auf der Südseite, die einst als Schlossplatz den Haupteingang zum Stadtschloss markierte. Seit 1891 stand der Brunnen da, bis er 1969 an seinen heutigen Standort am Alex transloziert wurde. Die Zahl derer, die sich eine Rückkehr wünschen – als weiteren Baustein in der Rückgewinnung der historischen Mitte – ist groß. In der Jury aber waren die Gegner in der Mehrheit, weshalb sich Schmitz auch zu dem Satz hinreißen ließ, hier sei die „Rache der Alt-68er“ am Werke gewesen.

Aber was ist eine Rache an der Tümelei rund ums Schloss wert, wenn sie aus Stein daher kommt? Lag nicht einmal unterm Pflaster der Strand? Warum hatten die „Alt-68er“ nicht den Mut für eine radikale Entsiegelung des Freiraums? So aber sieht, da die Bauzäune gefallen sind, in Zeiten von Klimawandel und städtischen Gegenkonzepten wie Schwammstadt die Gestaltung aus wie Stein gewordene Realitätsverweigerung. Ein freier Raum ist das nicht.

Da wird es auch nicht viel helfen, wenn die Schlossterrassen einmal begrünt sein werden. Die Terrassen liegen nicht an der Ostseite, die Franco Stella, der Sieger des Architekturwettbewerbs, mit einer Fassade versehen hat, die der Architekturkritiker Niklas Maak zu Recht als „gigantisches Abluftgitter“ verspottet hat. Vielmehr sind sie das Pendant auf der Nordseite zum Lustgarten hin.

Für die Bepflanzung der Terrassen, so heißt es bei BBZ Landschaftsarchitekten, „wurden drei unterschiedliche Vegetationsthemen entworfen, analog zu den drei von Alexander von Humboldt besuchten Kontinenten: Südamerika, Nordamerika und Eurasien“. Auch die Jury lobte diese Idee, freilich nur als Accessoire. Denn die Terrassen, so hieß es 2013 zur Begründung für die Entscheidung, dienten als „örtliche Intervention“ vor allem als Hintergrund für den steinernen Entwurf. Denn die „konsequente Reduktion auf ein Steinmaterial (Dolomit) und dessen durchgängiger Gebrauch für vertikale und horizontale Flächen“, so die Jury, „schaffen eine gelassene neue Identität“.

Nach steinern und grau „gelassen“ als drittes Adjektiv? Diese Meinung hat die Jury wohl exklusiv.

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