Gold bei EM im Freiwasserschwimmen: Meister der Mentalität
Hinter Florian Wellbrock liegt eine schwierige Saison. Umso größer war seine Freude über den EM-Titel in der olympischen Freiwasserdistanz.
Die etwa 30 Vertreterinnen und Vertreter der DSV-Jugend hatten sich am Seineufer in der Nähe des Eiffelturms mächtig ins Zeug gelegt. In beachtlicher Lautstärke feuerten sie die zwei deutschen Freiwasserschwimmer unten im Flusswasser an – ein verbaler Aufwand, der den jungen Menschen um die Mittagszeit dann den gewünschten Lohn bescherte: Im Rennen über die olympische Distanz von 10 Kilometern schlug Florian Wellbrock als Erster und sein Magdeburger Trainingskollege Oliver Klemet als Dritter an. Und zwischen das Duo aus Sachsen-Anhalt schob sich der Ungar mit dem schönen Namen David Bethlehem.
Gold und Bronze im Auftaktrennen der Dauerkrauler – da tauchte Bernd Berkhahn doch zügig im Zielraum auf und schlängelte sich gut gelaunt durch die Reihen. Erstaunlich genug für den zuständigen Bundestrainer, der die Medaillengewinner auch im Magdeburger Schwimmalltag anweist: Wellbrock (28) hat in seiner bewegten Karriere schon einige Erfolge erkrault, ist zehnmaliger Weltmeister und Olympiasieger im Freiwasser von Tokio. Zu einem EM-Titel im freien Gewässer reichte es für ihn bis Dienstagmittag hingegen noch nicht. Doch nun ist auch dieser kleine Makel passé.
Die ersten Gedanken an die frisch erweiterte Medaillensammlung führten Wellbrock zurück in seine wegen mehrerer Krankheitsausfälle arg zerstückelte Saison. „Das war nicht planbar heute. Rein physisch hätte ich nicht gewinnen dürfen“, erwähnte der gertenschlanke Athlet mit dem eleganten Schwimmstil, dann schlussfolgerte er ebenso stolz wie logisch: „Das war eine mentale Meisterleistung.“
Wellbrock darf sich nun offiziell Europameister im Becken und im Freiwasser nennen – und nebenbei auch den inoffiziellen Titel Meister des Understatements führen. Weil er aufgrund diverser Infekte in diesem Jahr gleich dreimal für jeweils eine Woche mit dem Training pausieren musste, gab er als Ziel für die EM einen Platz unter den Top Ten aus. Seine Medaillenchancen, meinte Wellbrock zudem, seien „auf ein Minimum zurückgeschraubt“.
Frauenwettbewerb ohne deutsche Beteiligung
Diese Vorab-Protokolle sind schon nach der ersten Entscheidung in einem Seitenarm der Seine reif für den Reißwolf. Auf die Siegerehrung mussten Wellbrock und der formidable Finisher Klemet, im 34 Mann starken Feld zwischenzeitlich auf Rang 18 abgerutscht, zwar warten, bis dort auch das 10-Kilometer-Rennen der Frauen absolviert war.
Um 17 Uhr war es dann aber so weit – wobei längst klar war, dass das deutsche Edelmetall-Duo beim Fahnenhissen ohne weibliche Begleitung aus dem eigenen Verband würde auskommen müssen: Die vorgesehenen Schwimmerinnen Lea Boy und Leonie Märtens lagen beide krank darnieder. Wegen der fehlenden Leistungsdichte hatte Bundestrainer Berkhahn auf Nachnominierungen verzichtet.
Worauf der Coach nicht verzichtete: Im Stil des mentalen Riesen Wellbrock, neuerdings also auch eine Art Zen-Meister des Freiwassers, vorab die Geschichte vom bescheidenen Underdog zu erzählen. Erwartungen habe er erst mal keine, behauptete Berkhahn, erwähnte aber immerhin: „Die Jungs haben gut trainiert und sind wild entschlossen.“
Die Entschlossenheit merkte man am Dienstagvormittag rund um die Île aux Cygnes vor allem Wellbrock an: Vom Start weg gab er das – vergleichsweise mäßige – Tempo vor, blieb durchgehend in der Spitzengruppe und konnte auf der letzten der acht Runden auch eine Attacke von David Bethlehem kontern. So schlug der viermalige Freiwasser-Weltmeister des Vorjahres nach knapp zwei Stunden zwei Sekunden vor dem Gesamtweltcupsieger aus Ungarn an.
Ganz nebenher schloss Wellbrock in diesem Moment auch seinen Frieden mit Paris. Bei Olympia vor zwei Jahren erlebte der gebürtige Bremer hier sein persönliches Waterloo, erst im Becken, dann im Freiwasser. Um den Pool macht er diesmal wegen des erheblichen Trainingsrückstands einen großen Bogen. An der Seine wird der Gold-Krauler des DSV künftig dagegen wieder gerne entlang schlendern. Auch wenn er zu seinem ersten EM-Titel im Freiwasser zwecks Vergangenheitsbewältigung lieber auf dem Kurs von 2024 geschwommen wäre. Ein minimaler Makel, den Florian Wellbrock aber problemlos verkraften wird.
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