Glühwein und Wegebier nicht mehr erlaubt: Mit einem klaren Kopf

Was für ein echt harter Lockdown: Nicht mal mehr Glühwein ist erlaubt – und erst recht kein Wegebier. Was macht das bloß mit Berlin?

Ein Mann sitzt am Ufer an der Spree - mit ein paar Bierflaschen

Verboten: das geht grad nicht; wäre auch zu kalt in diesen dunklen Tagen Foto: picture alliance/dpa/dpa-zb-Zentralbild/Paul Zinken

Statt Wegbier heißt es nun Bier weg: So in etwa dürfte sich in naher Zukunft das Niveau der deutschen Wortkunst gestalten, wenn deren Pfleger beim Inspirationsspaziergang auf den gewohnten Schmierstoff verzichten müssen. Das Feuer unseres Geistes wird erlöschen, die Wurzel unserer Kultur verdorren, die Quelle deutschen Seins versiegen.

Denn seit diesem Mittwoch ist der Konsum von Alkohol auf öffentlichem Straßenland verboten. Das gilt für den Glühwein am Stand, das Bier in der Hand, den Schnaps unter der Brücke. Angeblich wegen Corona, aber das kennt man ja: Was die da oben erst mal eingeführt haben, nehmen sie nie wieder zurück – davor warnte bereits der blinde Seher ­Giorgio Agamben. Sie werden uns knechten, und dann werden sie uns töten.

Was sollen wir denn jetzt tun? Wie sollen wir zu Fuß eine Strecke von A nach B zurücklegen ohne Alkohol? Hätten sie uns das Atmen verboten, wäre es nicht halb so schlimm gewesen. Das ist nicht mehr mein Deutschland.

Doch denken wir einmal nicht nur an uns selbst. Denn besonders schlimm wird es auch für die Amerikaner sein. Touristen sind zurzeit kaum hier, aber dafür weiter jede Menge Expats. Also Halbtouristen, die arbeiten oder so tun, als ob, oder auch einfach nur ein paar Monate hier abhängen. Gerade die sieht man zu wirklich jeder Tageszeit mit Billigbieren in der Hand flanieren. Das kann zwar weder schmecken noch einer konstruktiven Tagesgestaltung dienen, doch ihre Mienen verraten: Ich tue das, weil ich es kann. In der Heimat hätte ihnen die Polizei dafür in den Rücken geschossen.

Bier trinken auf der Straße, meine Fresse!

Jetzt aber können sie es nicht mehr. Das Erlebnis stand für jeden Besucher auf der Prioritätenliste ganz oben neben einem Joyriding auf der Autobahn: Bier trinken auf der Straße, meine Fresse! Was fast in der ganzen Welt verboten ist, war hier bis eben noch erlaubt, der größte Stolz der deutschen Seele, fast noch vor dem heiligen Recht zum Totrasen mit zwohundert Sachen.

Hätten sie uns das Atmen verboten, wäre es nicht halb so schlimm gewesen

Und nun? Was will man denn jetzt noch hier?, fragen sich zu Recht die Fremden. Mit dem Verbot hat dieses ansonsten ja überaus langweilige Land seinen Reiz komplett verloren. Über Nacht werden Wohnungen aufgelöst und Rückflüge gebucht. Dass man kein Mobilnetz hat oder nicht mit Karte bezahlen kann, wirkt auf Ausländer zwar ebenfalls exotisch, ist jedoch kein echtes Alleinstellungsmerkmal, denn das wäre im Himalaja auch nicht anders. Vor allem aber ist das alles kein Ersatz für ein gepflegtes Fußpils.

An Silvester wird dann sogar der schlichte Verkauf von Alkohol zwischen 14 Uhr und 6 Uhr des Folgetags untersagt sein. So kann man mal in aller Ruhe und mit klarem Kopf darüber nachdenken, was dieses für ein Scheißjahr war.

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Seit 2001 freier Schreibmann für verschiedene Ressorts. Mitglied der Berliner Lesebühne "LSD - Liebe statt Drogen" und Autor zahlreicher Bücher.

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