Glück in der Krise: Wozu sich noch aufregen

Sich ändern, achtsam sein, das Glück genießen: schön und gut. Aber wie lange wird das vorhalten? Der Blick in die eigene Vergangenheit verrät mehr.

Menschen auf der Straße staunen und freuen sich und schauen nach oben.

Wird die Coronakrise die Sichtweise auf unser Leben nachhaltig verändern? Foto: Annegret Hilse/reuters

Ich habe letztens einen Tweet abgesetzt, der ein wenig die Runde machte. Ich schrieb, wie es aus meiner großen Tochter herausbrach, dass sie sich wünschte, so zu leben wie Anna und Elsa, die beiden Hauptprotagonistinnen aus Disneys „Eiskönigin“-Filmen: „Mit Eltern, die tot sind!“ Daraufhin gab es viele lustige Antworten, ein bisschen Zuspruch und einige Ferndiagnosen meines Familienlebens, die zumeist darauf hinausliefen, dass Kinder nur das nachmachten, was Eltern ihnen vorlebten. Daraufhin bin ich natürlich tief in mich gegangen, hab gegrübelt, lag viel wach, hab mich selbst geprüft, und: nichts gefunden. Alles prima.

Und tatsächlich läuft es erstaunlich gut. Ja, Ausraster wie der oben beschriebene gehören dazu (Tochter zwei: „Eltern müssen auch mal höflich zu ihren Kindern sein … UND SIE WAS GUCKEN LASSEN!!!!“), aber insgesamt geht es uns gerade wahnsinnig gut. Ich kann zwar immer noch nicht nachvollziehen, wie viele sich über andere aufregen, die in Parks säßen oder auf Parkplätzen spielten oder die Baumärkte verstopften und dabei nicht merken, dass – um das beobachtet zu haben – sie ja selbst auch gerade im Park, Baumarkt oder auf dem Parkplatz gewesen sein müssen (Du steckst nicht im Stau, du bist der Stau), aber … mein Gott … Menschen echauffieren sich halt gern über Menschen.

Ich mag mich gerade überhaupt nicht aufregen. Ich sehe viele sehr vernünftige, achtsame Menschen. Viel mehr als sonst. Und ich bin dankbar, dass wir uns zu Hause einigermaßen verstehen. Dass wir (noch) keine existenziellen Sorgen haben. Dass ich keinen Elternteil pflegen muss. Dass die ihr Haus und ihren Garten und sich haben. Dass es meinen Geschwistern gut geht. Und dass dieses privilegierte Leben zu einem nicht unerheblichen Teil nur durch eines entstanden ist: Glück. Und wenn ich mich umhöre, geht es vielen so, dass sie jetzt merken, wie gut es ihnen doch geht.

Das mag jetzt alles nach Gutmenschen-Hippie-Träumer-Schwachsinn klingen. Halb evangelisch, halb esoterisch. Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag! Nur leider glaube ich nicht daran, dass von diesem Gefühl, das mich gerade erfasst, etwas bleibt. Dass sich die Gesellschaft oder die Wirtschaft oder der Fußball oder sonstwer dauerhaft ändern wird. Menschen ändern sich nicht.

Ich habe es an mir selbst erlebt: Nach dem schweren Geburtsunfall unserer ersten Tochter lebten wir auch mehrere Wochen wie isoliert. Wir hatten einen Kokon um uns gebaut: im Krankenhaus, nur wir, nur unser Kind, sonst nichts. Der Rest der Welt, alles, was da draußen passierte, war wie ausgeblendet. Wir waren auf uns zurückgeworfen und abhängig von Pfleger*innen und Ärzt*innen. Und ich war mir damals sicher, dass ich verändert aus dieser Phase hervorgehen würde: demütiger, dankbarer, entspannter. Ich war kurz darauf genauso wie vorher: nett, aber mehr auch nicht. Höchstens so mittelgut. Klingt hart, aber ist so. Fragen Sie mal meine Kinder.

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Ist heute: Redaktionsleiter bei Übermedien und freier Autor. War mal: Leiter des Ressorts tazzwei bei der taz. Davor: Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig studiert. Dazwischen: Gelernt an der Axel Springer Akademie in Berlin.

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