Glenn Danzig covert Elvis Presley: Skelette im Kleiderschrank

US-Gruselrocker Glenn Danzig spielt ein Album mit gespenstischen Elvis-Coverversionen ein und beschwört damit den Geist des King of Rock'n'Roll.

Glen Danzig spielt jetzt über den Flügel Foto: Corey Soria

Es könnte ein ganz kurzer Prozess sein. Weniger woke als das hier geht es doch wirklich kaum: Alter weißer Mann – und das ist hier keine Kampfformel, sondern schnöde Zustandsbeschreibung – ehrt einen ebensolchen. Und es kommt noch schlimmer: Der Ehrende, Glenn Danzig, ist in der Vergangenheit aufgefallen durch irrlichternde Bekenntnisse zu Führerfiguren, von denen Donald Trump nur eine war. Oder auch ein Auftreten gegenüber weiblichen Fans, das nicht erst seit #MeToo mindestens aus der Zeit gefallen wirkt.

Und der Geehrte? Elvis Presley, der Protojugendverderber und kulturelle Aneigner, die Hüftschwung gewordene Erinnerung an die Segregation und doch bis heute eines der Symbole fürs amerikanische Freiheitsversprechen – freilich nie für alle. Gibt es wirklich nichts Relevanteres?

Für jene, die nicht dabei waren: Glenn Danzig, das ist die Bühnen- und überhaupt öffentliche Persona eines gewissen Glenn Allen Anzalone, italo-amerikanischer Arbeitersohn aus New Jersey. Der war als Teil der Misfits nicht unwichtig für den Punkrock in Nordamerika. Danach, wir reden nun schon von den 1980ern, hat er mit der eher kurzlebigen Formation Samhain – benannt nach einem heidnischen, nämlich keltischen Hochfest – und vor allem jener schön unbescheiden Danzig benannten Band den Mittelstandskids eine spezielle Form des Gothic Rock nahegebracht.

Nur echt im Totenschädel-Chic

Danzigs Totenschädel-Chic war dabei einerseits nicht halb so blutrünstig, wie ihn zu allen Zeiten das Metal-Genre im Angebot hatte. Wie das Debütalbum von 1988 der abstrahierte Schädel eines fantastischen Tiers zierte, so merklich beschränkt auf Wesentliches war, was darauf zu hören war – produziert hatte diesen von allem Tran befreiten, ja: skelettierten Neo-Hardrock der ziemlich junge Toningenieur Rick Rubin.

Glenn Danzig: „Danzig sings Elvis“ (Cleopatra/Membran)

Wer will, erkennt in jenem Debüt schon etwas angelegt, das dann mit Rubins ganz späten Johnny-Cash-Produktionen zu einer vom Leben geräucherten, Bourbonduft verströmenden dunklen Blüte gelangte. Später signalisierten dann schon die Packungen, unter anderem der erwartbare Schwellkörperschwulst eines HR Giger, nun ja, eine gewisse Verfettung auch des Sounds.

Der Sound war aber immer nur eine Seite, die andere war Danzigs Selbstinszenierung: „Nicht gerade großgewachsen, lange, schwarz gefärbte Haare, breite Koteletten und muskelbepackt“, das war Ende 1990 in der Bremer taz-Lokalausgabe eine ziemlich exemplarische Beschreibung seiner Auftritte.

Diva, Starallüren und Handgreiflichkeiten

Aber noch eine Eigenschaft eilte ihm bald voraus, der einer Diva nämlich: Man begann um Stunden verspätet so manches Konzert, kolportiert werden Handgreiflichkeiten mit Veranstaltern, auch Fans; und die Band brach schon mal Tourneen ab, wenn irgendwas nicht nach Wunsch ging. Starallüren also, ohne dass Glenn Danzig je so richtig einer geworden wäre. Vielleicht ja deshalb hat der einstige Kunst- und Fotografiestudent sich auch als Comiczeichner und Produzent von Horrorfilmen versucht.

Und ausgerechnet dieser Danzig nimmt sich nun Elvis Presley vor, ein ganzes Album lang – ohne doppelten Boden, ohne irgendwelche postmodernen Brechungen, ohne jedes subversive Rollenspiel? Einerseits ist das nur folgerichtig. Elvis als Referenz, das begleitet den bösen kleinen Glenn – vereinzelt auch schon „Evil Elvis“ genannt – mindestens so lange, wie es die Band Danzig gibt. „Ich hab ja keine richtige Metalstimme“, das hat er dem Rolling Stone gesagt, weshalb es ihn mehr hingezogen habe zu einem anderen, „bluesigeren“ Gesang: „Ich war immer ziemlich offen, was meine Einflüsse angeht, also Elvis oder Howlin’ Wolf, Muddy Waters, Willie Dixon, so’n Zeugs.“

1993 schaffte es Danzigs Interpretation von Elvis’ „Trouble“ auf eine EP, 2015 war dann „Let Yourself Go“ unter den Coverversionen, die das Konzeptalbum „Skeletons“ bildeten. Da klingen ja auch die sprichwörtlichen „skeletons in the closet“ an, also in etwa die Leichen im Keller, also: Sünden der eigenen Vergangenheit. Und so sehr Danzig seine Elvis-Leidenschaft nun als immer-schon-und-sowieso darstellt: Derlei klingt immer auch nach später reumütiger Heimkehr eines die aufmüpfigen Jahre hinter sich lassenden Sohns.

Entertainment-Proletkult

Was genau macht der inzwischen 64-Jährige nun aber aus dem Œuvre des, mit Verlaub, zu Tode genudelten „King“? Vorstellbar gewesen wäre zweierlei: Elvis-Stücke ins typische Danzig-Klangbild zu übertragen, also einen in den 90ern hängen gebliebenen Metallo-Hardrock-Wumms. Oder die möglichst originalgetreue Kopie – im Falle Presleys ist das ja schon ein eigener Zweig des Entertainment-Proletariats.

Es gibt für die erstgenannte Variante ein paar Beispiele auf diesem Album. 14 Stücke sind darauf, darunter ein paar sehr gut ausgeleuchtete Songs, auch solche, bei denen sich Danzig nun messen lassen muss an existierenden Adaptionen: „Always On My Mind“ oder „Fever“. Da macht der stimmlich erkennbar gealterte Danzig, ganz ehrlich, keine sonderlich gute Figur.

Die Mehrzahl aber sind vergleichsweise obskure Songs, oft aus den Elvis-Filmen, die Danzig als Kind gesehen hat. Aus „G. I. Blues“ (1960), deutscher Titel: „Café Europa“ stammt dann auch das überraschende Highlight, „Pocketfull of Rainbows“: Ehrfürchtig, aber vielleicht vor allem: müde, verhallt, verwehend; man wüsste zu gerne, was einem wie Mark Fisher zu dieser Geisterbeschwörung eingefallen wäre.

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