Gewalt gegen Obdachlose in Deutschland

Die empathielose Gesellschaft

In Berlin wurden zwei Obdachlose im Schlaf angezündet. Sie überlebten schwer verletzt. Solche Taten sind nur der Gipfel struktureller Gewalt.

Blumen liegen auf dem Boden

Mahnwache für die schwer verletzten Obdachlosen am Montagabend in Berlin-Schöneweide Foto: dpa

BERLIN taz | „Sauberkeit macht glücklich“ steht auf dem handgemalten Plakat an einem Bauzaun vor dem Berliner S-Bahnhof Schöneweide. Zehn Meter weiter wurden am späten Sonntagabend zwei schlafende Obdachlose von einem Unbekannten mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet. Schwer verletzt befinden sie sich in stationärer Behandlung.

Sie wohnten hier auf der Straße, an diesem wenig glücklichen Ort, an dem sich die lokale Trinkerszene trifft und Wohnungs- und Obdachlose gelegentlich ihr Lager aufschlagen. Offensichtlich verstört nehmen die noch die Solidaritätsbekundungen bei einer Mahnwache am folgenden Abend zur Kenntnis. Der Schock über die unfassbar menschenverachtende Tat sitzt tief.

Niemand kann seelisch darauf vorbereitet sein, gezielt einem derart abscheulichen Angriff ausgesetzt zu sein, auch Obdachlose nicht, für die Gewalterfahrungen Alltag sind. Über die innere Verfasstheit von Menschen, die Wehrlosen derart grausame Gewalt antun, mag man nicht spekulieren. Ganz offensichtlich entmenschlichen die Täter sich selbst, die Diskussion über Motive, psychische Konditionierung und Resozialisierungsaussichten kann man getrost den Justizbehörden überlassen. Eine demokratische und sozial verantwortliche Gesellschaft kommt jedoch nicht daran vorbei, sich mit dem Skandal auseinanderzusetzen, dass es überhaupt Wohnungslosigkeit gibt und wie schutzlos Menschen, die auf der Straße leben, Verbrechen ausgeliefert sind.

Zu den Schwächsten der Gesellschaft gehörend, an den Rand und außer Sicht gedrängt, sind sie leichtes Ziel für jede Form der Viktimisierung. Das beginnt bei allgemeiner Ignoranz, der alltäglichen Zurückweisung und Vertreibung durch die Mehrheitsgesellschaft, die in ihrer beiläufigen Brutalität den Boden für weitaus Schlimmeres bereiten. Nicht hinzuschauen ist ein verständlicher Reflex, geboren aus Hilflosigkeit, mehr oder weniger bewussten Schuldgefühlen, Ekel sogar. Nicht konfrontiert sein zu wollen mit dem Elend anderer ist Selbstschutz, Selbstschutz aber unter Preisgabe von Humanität.

Leichtes Ziel für Straftäter

Elend wird verwaltet, das Hilfenetz gerade so dicht gespannt, dass die Störung des bürgerlichen Regelbetriebes durch die Ausgestoßenen in einem akzeptierten Rahmen verbleibt. Am unteren Ende der sozialen Leiter wird der Platz derweil immer enger, seit Jahren steigt die Zahl der Wohnungslosen. Der größte Teil von ihnen kann noch in Hilfeeinrichtungen untergebracht werden, aber auch jene, die auf der Straße landen, werden mehr – und damit steigt die Zahl der gewalttätigen Übergriffe auf sie.

Überdurchschnittlich oft werden Obdachlose Opfer von Raub, Körperverletzung und Verbrechen gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Nicht selten kommen die Täter aus demselben Milieu. Das sprichwörtlich harte Pflaster, auf dem Menschen mitten unter uns leben, nimmt oft auch den Betroffenen selbst die Empathie, die der Rest der Gesellschaft ihnen schon lange nicht mehr entgegenbringt.

Genauso werden jene, die auf der Straße leben müssen, immer wieder Opfer von Hassverbrechen. In der Liste der von Rechtsradikalen Getöteten findet sich eine Vielzahl Obdachloser, an denen Neonazis ihr Herrenmenschentum auslebten.

Die Lebensrealität der Opfer rückt nach diesen schweren Gewaltverbrechen für einen Moment in den Fokus der Öffentlichkeit. Im Sommerloch vielleicht noch etwas prominenter als sonst. Was danach bleibt, ist der Skandal der Wohnungslosigkeit, der Menschen soziale Absicherung, Teilhabe und Respekt nimmt.

Gewiss, auch wenn es keine Zwangsräumungen und keinen Mietwucher mehr gibt, selbst wenn die Hilfesysteme für Menschen in Notlagen mit allen nötigen Mitteln ausgestattet sind, wird es jene geben, die sich nicht in unseren kleinen sauberen und glücklichen Garten Eden eingliedern lassen wollen oder können. Einer Sache sollten sie sich in dieser utopischen Zukunft wie auch schon heute sicher sein können: Niemand wird ihnen Hass und Verachtung entgegenbringen, niemand wird ihnen Gewalt antun, niemand sie in ihrem Schlaf ermorden wollen. Das ist das Mindeste und zwar immer.

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Jahrgang 1976, tätig für die tageszeitung seit 2006, Redakteur und CvD bei taz.de 2012-19, seitdem Redakteur für digitale Gesellschaft und Zeug. Errungenschaften: 2. Platz im Sackhüpfen (bis 8 Jahre) des Ferienlagers Großräschen (1983), Wiedervereinigung (1990), Literaturstipendium des Landes Sachsen-Anhalt (2004), Triglav (2011/15). Public key: https://pgp.mit.edu/pks/lookup?op=vindex&search=0xC1FF0214F07A5DF4

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