Gewalt an Schulen: Es bleibt eine Machtfrage
Eine Kommission gegen sexuellen Kindesmissbrauch sieht Probleme an Schulen. Zwei Politikerinnen fordern verpflichtenden Kinderschutz in der Ausbildung.
Schüler*innen erhalten bei sexualisierten Gewalterfahrungen nicht genügend Unterstützung durch Lehrkräfte. Das geht aus einer Studie der unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hervor. Deren Vorsitzende Julia Gebrande sprach bei der Vorstellung der Untersuchung am Mittwoch davon, dass ein Kernproblem sei, dass Lehrer*innen ihre Machtpositon ausnutzen können.
Für die Studie hat die Aufarbeitungskommission 133 Berichte und Anhörungen mit Betroffenen und Zeitzeug*innen ausgewertet. Dafür nahm sie auch Fälle unter die Lupe, die weit in der Vergangenheit lagen: Mit dem Analysezeitraum zwischen 1949 und 2020 sollten auch die strukturellen Ursachen der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik und der DDR besser verstanden werden.
„Sexualisierte Gewalt war und ist ein Problem von Schule insgesamt“, sagte Studienautorin Edith Glaser bei der Vorstellung der Studie. Sie und ihr Team schätzen, dass ein bis zwei Kinder pro Klasse von sexualisierter Gewalt betroffen sind. In der Schule sollten sie in solchen Fällen Unterstützung vorfinden. Doch auch dört könnten sie Opfer von sexualisierter Gewalt werden – durch Lehrkräfte oder Mitschüler*innen.
Die Aufarbeitungskommission hat deshalb im Jahr 2021 Menschen mit einer Kampagne aufgerufen, in einer vertraulichen Anhörung oder einem schriftlichen Bericht zu schildern, wie sie sexualisierte Gewalt in der Schule erlebt haben.
Dabei sei besonders auffällig geworden, dass die Täter meist männliche Lehrpersonen waren. Opfer waren demnach hingegen meist weiblich. Auffallend vulnerabel seien Schüler*innen aus prekären Familienverhältnissen gewesen, die bereits Gewalterfahrungen erlebt hätten.
Edith Glaser, Studienautorin
Auffallend sei mittlerweile eine Häufung vermeintlich romantischer Beziehungen zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen. „Oft war es den Betroffenen erst im Nachhinein möglich, die Manipulation zu erkennen und den Missbrauch zu benennen“. Die meisten hätten mit Schweigen auf die Taten reagiert.
Betroffene würden oft nicht die richtigen Worte dafür finden, wenn sie an der Schule sexualisierte Gewalt erfahren würden. Dabei spiele auch Angst vor den Konsequenzen eine Rolle. Wenn sich jedoch Schüler*innen ihrem Umfeld anvertrauten, stießen sie oft auf taube Ohren. „Kollegiale Loyalität hatte offensichtlich Vorrang“, sagte Studienautorin Edith Glaser.
Die Macht in den Händen der Lehrer*innen bleibe ein entscheidender Faktor für grenzüberschreitendes und gewaltvolles Verhalten, so die Studienautorin. Die Kommission fordert daher ein Schutzkonzept für jede Schule. Dabei sollen Schulen sexuelle Bildung verstärkt thematisieren und Präventionspläne einführen. Dabei müsse es auch darum gehen, Schutzkonzepte und klare Zuständigkeiten auszuarbeiten.
Die Bildungssprecherin der Linkspartei, Nicole Gohlke, schließt sich den Forderungen der Kommission an. Sie hebt hervor, dass diese Präventionsprogramme natürlich Geld kosten. Doch wenn man Kinder wirklich schützen wolle, müsse man Mut haben, zu investieren. Vor allem, wenn „diese Koalition Milliarden für Rüstung und Autobahnen mobilisieren kann“.
Auch die Bildungssprecherin der Grünen, Denise Loop, erklärte, dass sie als ehemalige Mitarbeiterin im Jugendamt wisse, wie sehr sexualisierte Gewalt und der Umgang damit den weiteren persönlichen und beruflichen Lebensweg der Kinder und Jugendliche präge. Sie forderte ebenfalls, dass Kinderschutz verpflichtend in die Ausbildung von Lehrkräften und Schulpersonal etabliert werden solle.
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