So schlecht geht es dem Buckelwal: Timmy liegt laut Experten im Sterben
Noch atmet der seit Tagen vor der Insel Poel festsitzende Wal. Doch laut Fachleuten ist sein Zustand kritisch – und hat sich zuletzt verschlechtert.
dpa | Der vor Wismar in der Ostsee gestrandete Buckelwal befindet sich laut Experten im Sterbeprozess. Dass er nicht auf die Boote reagiere, sei ein Zeichen dafür, sagte Bianca König von der Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) Deutschland der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Wie lange der Sterbeprozess dauere, hänge von verschiedenen Faktoren ab.
„Der Wal hat mehrere Baustellen, die ihn beeinträchtigen und dafür sorgen werden, dass er sterben wird.“ Es könne heute Abend passieren, aber auch erst in drei Tagen. Falls der Wal eine Stunde nicht atme, sei das ein Zeichen dafür, dass er tot sei.
Großes Gewicht kann zum Tod beitragen
Das Hauptproblem sei das Gewicht des Tieres und die geringe Wassertiefe: „Wale brauchen die Schwerelosigkeit im Wasser, das Gewicht wird immer weiter auf die Organe drücken, das führt zu Organversagen und Kreislaufkollaps“, sagte König. „Es hängt davon ab, wie viel Auftrieb er im Wasser hat und vom Gesamtzustand.“
dpa Derzeit treibt ein vor Wismar gestrandeter Buckelwal viele Menschen um. Dass derartige Ereignisse schon vor Jahrhunderten die Menschen an der Ostseeküste stark bewegt haben, davon zeugen etwa Wal-Darstellungen in Greifswalder Kirchen. „Das ist auch in alter Zeit so gewesen, dass das sozusagen als Faszinosum und als Wunder dann gesehen wurde“, sagt der Kirchenhistoriker Irmfried Garbe der Deutschen Presse-Agentur. Das Auftauchen solcher Tiere an unserer Küste sei früher teils als unheilvolles Vorzeichen gewertet worden.
Am 30. März 1545 war in Greifswald-Wieck ein Schwertwal angespült worden. Eine Wandmalerei in der Greifswalder Marienkirche belegt, welchen Eindruck dieses riesige Geschöpf auf die damaligen Zeitgenossen machte. 2009 entdeckten Restauratoren auch im Greifswalder Dom St. Nikolai Spuren einer über sieben Meter langen Wal-Darstellung. Nach Aussage Garbes sagen historische Quellen aus, dass nach dem Fund des Meeresriesen alle drei Greifswalder Kirchen Wal-Darstellungen erhielten. In der dritten Kirche, der Kirche St. Jacobi, sei aber bislang nichts dergleichen aufgetaucht.
Der Greifswalder Wal-Fund sei in die Zeit der Reformation gefallen und im Nachhinein mit Blick auf das schwierige Jahr 1546 gedeutet worden, unter anderem dem Todesjahr Martin Luthers. Garbe berichtet auch von einer in Stettin gehaltenen „Walfischpredigt“ aus dem 17. Jahrhundert, die sich um den Wal als „schreckliches Vorzeichen“ gedreht habe.
Wal auch als Zeichen der Rettung
Der Wal sei aber nicht nur negativ gewertet worden. Garbe verweist auf die biblische Jona-Geschichte, in der der Protagonist von einem Wal gerettet worden sei. „Also der Wal hat nicht nur ein negatives Vorzeichen, sondern er ist auch ein Heilszeichen.“
Wale hätten lange Zeit eine große symbolische Bedeutung gehabt. Deshalb seien ihre Knochen laut Überlieferungen in Kirchen ausgestellt worden. Heutzutage sei der Blick natürlich ein anderer. „Man sieht gar nicht mehr symbolische Ebenen, sondern man sieht nur noch naturwissenschaftliche Ebenen und springt sozusagen in emotionale Ebenen“, sagt Garbe. „Aber natürlich ist es spannend, wenn ein Tier der biblischen Überlieferung uns immer noch bewegt, und das tut es.“
14 Meter langer Buckelwal-Abguss in Greifswalder Kirche
An die Geschichte des Greifswalder Wals erinnerte 2021 auch eine Kunstaktion im Dom St. Nikolai. Damals wurde in der Kirche eine 14 Meter lange Wal-Skulptur aufgebaut. Dabei handelte es sich um den Abguss eines in Südafrika angeschwemmten Buckelwals des israelischen Künstlers Gil Shachar. An dem Abguss waren etwa Bissspuren von Haien oder auch Schnittwunden von Schiffsschrauben zu erkennen.
Der Direktor des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, Burkard Baschek, hatte vergangene Woche gesagt, dass schon vor Jahrhunderten Großwale in der Ostsee strandeten. Davon zeuge etwa das Skelett eines Finnwals, der vor mehr als 200 Jahren vor Rügen strandete. Das Skelett hängt im Meeresmuseum in Stralsund, im Chor der Katharinenhalle des dortigen ehemaligen Klosters.
Auch die durch den geringen Salzgehalt des Wassers geschädigte und eingerissene Haut sei ein Problem: „Es bilden sich Blasen, und die werden von Möwen angepickt.“ Dann könnten Pilze und Bakterien die Wunden besiedeln und sich auf den ganzen Organismus auswirken, was den Wal zusätzlich schwäche.
In den vergangenen Tagen gab es zudem Diskussionen über das mögliche Fischereinetz im Maul. Ein großer Teil des Netzes – 50 bis 70 Meter – sei bereits Anfang März entfernt worden, hatte das Umweltministerium in Schwerin mitgeteilt. Reste des Netzes können sich aber möglicherweise noch im Wal befinden.
Erschießen ist keine Option
Den Wal zu töten und von seinem Schicksal zu „erlösen“ sei aktuell keine Option, sagte König der dpa.
Die Option Einschläferung sei vom Tisch, weil darüber bei so großen Säugetieren in der Praxis zu wenig bekannt sei. Es bestehe die Gefahr, dass die sedierenden Medikamente, die vor der Tötung verabreicht werden, zu gering dosiert werden. „Man kann nicht ausschließen, dass er die Tötung bei vollem Bewusstsein miterlebt“, sagte die Expertin. Auch eine Überdosierung könne zu Komplikationen führen.
Im besten Fall werden Tiere sediert, schlafen friedlich ein und bekommen dann ein Mittel zur Tötung verabreicht. Das könne bei Timmy aber nicht sichergestellt werden.
Sprengung des Walkopfes
Auch das Tier zu erschießen, komme nicht infrage, unter anderem, weil schwierig abzuschätzen ist, wohin der Schuss gesetzt wird. Mögliche Mehrfachschüsse können dann nicht ausgeschlossen werden.
Die radikalste, aber wahrscheinlich effektivste Methode wäre es, einen Sprengsatz unter den Kopf zu legen und den Kopf zu sprengen, sagte König. Das sei aber ethisch nicht vertretbar und auch aufgrund der zuschauenden Menschen keine Möglichkeit. Zudem könne die Methode dazu führen, dass der Wal reißt und die Proben für eine spätere wissenschaftliche Analyse unbrauchbar werden.
„Alle drei Möglichkeiten der aktiven Tötung wurden ausgeschlossen, und es wurde entschieden, den Wal auf natürliche Weise sterben zu lassen“, betonte König.
Wal kann nicht gerettet werden
Nach diversen wissenschaftlichen Untersuchungen der vergangenen Tage hatten Experten zuletzt bei einer Pressekonferenz auf der Insel Poel mitgeteilt, dass das Tier weder lebend geborgen werden soll noch sich aus eigener Kraft werde befreien können. Rettungsversuche werden ausgeschlossen. Würde man versuchen, den Wal etwa mit Gurten oder Seilen anzuheben, bestehe die Gefahr, die Haut abzuziehen.
Der Patient sei „schwerstkrank“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) am Dienstag.
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