: Geschichten aus dem Zeitungskeller
Neues aus dem taz-Archiv: Über Zufallsfunde, alte Schlagzeilen und was sich sonst noch im Gedächtnis zu behalten lohnt
Foto: Elke Seeger
Von Joel Schmidt
Modriger Kellergeruch. Über dem klapprigen Schreibtisch flackert eine alte Leuchtstoffröhre, die erfolglos versucht, all dem vergilbten Zeitungspapier neues Leben einzuhauchen. Keine Geräusche, Stille, den lieben langen Tag verirrt sich kein Mensch hierher.
Wer sich die Arbeit im taz-Archiv in etwa so vorgestellt hat, den müssen wir leider enttäuschen. Klar, einen Keller mit archivierten Papierzeitungen gibt es schon noch. Die belegen auch den einen oder anderen Regalmeter. Aber der Raum selbst riecht vollkommen neutral. Wirklich! Zu den Bergen gestapelter wochentaz-Ausgaben gesellen sich Dutzende Folianten. Diese großen, grünen Einbände, in denen ganze Zeitungsjahrgänge der Tagesausgabe unserer Zeitung im Original versammelt sind.
Mein Arbeitsplatz aber befindet sich fünf Stockwerke über diesem Keller. In einem tageslichtdurchfluteten Großraumbüro mit Blick auf eine Wand voller Leitz-Aktenordner. Darin: Personendossiers, alphabetisch sortiert von A wie Marina Abramović bis Z wie Mark Zuckerberg. Werfe ich einen Blick zur Seite, schaue ich zunächst in den Besselpark. Nach weiteren 90 Grad kommen der Berliner Fernsehturm und das Axel-Springer-Hochhaus zum Vorschein. Seit Mai leite ich das Archiv der taz.
Zugegeben, ganz so aufregend wie im „Tatort“ geht es im taz-Archiv nicht zu. Anders als bei Hamza Kulina und Maryam Azadi, die im Archiv des Polizeipräsidiums von Frankfurt am Main alte Polizeifälle auf ungeklärte Morde und verborgene Verbindungen untersuchen, geht es hier nicht etwa um Leben und Tod, sondern um Informationen. Längst vergessen geglaubte Nachrichten, vermeintlich nicht mehr auffindbares Wissen – all das lässt sich in den Untiefen des hauseigenen Archivs aufspüren.
Zum allergrößten Teil bequem am Computer. Weil sich einst die verdienstvolle Mühe gemacht wurde, den gedruckten Zeitungsbestand zu digitalisieren. So lassen sich die Ausgaben von 1978 bis 1999 bequem durchsuchen. So komfortabel zumindest, wie sich eine Stichwortsuche in gescannten PDF-Files eben durchführen lässt. Für alle nach dem Millennium veröffentlichten Inhalte gibt’s die Suchfunktion auf der Homepage beziehungsweise des ePapers.
Doch wer wendet sich heute überhaupt noch mit Anfragen ans Archiv? Häufig sind es Leser:innen, die nach einem bestimmten Artikel fragen, den sie in den vergangenen fünf Jahrzehnten irgendwann mal in der taz gelesen haben. Einen Text, an den sie zwar eine grobe Erinnerung haben, aber nicht mit Sicherheit sagen können, zu welcher Jahreszeit, geschweige denn unter welchem Titel er erschienen ist.
Neulich hat uns eine Anfrage aus dem Ruhrpott erreicht, in der es um die Besetzung der Villa Berkel in Altenessen im Mai 1981 ging, die taz berichtete darüber. Aus dieser Besetzung war kurzerhand das Kinderhaus Essen hervorgegangen, das im kommenden Jahr sein 50. Bestehen feiert. Der Leser bereitet zu diesem Anlass ein Buch über die Geschichte dieses Kinderhauses vor – die nun auch eine Abbildung der damaligen taz-Berichterstattung beinhalten wird.
Immer wieder wenden sich auch Studierende oder andere Forschende ans Archiv. Bei der Bearbeitung ihrer Anfragen stoße ich nicht selten auf interessante Zufallsfunde. Etwa auf die Titelseite vom 23. November 2005, Schlagzeile: „Deutschland auf Weltniveau“. Dass neben dem Schriftzug „die tageszeitung“ eine Montage des Fernsehturms prangt – die ikonische silberne Kugel ersetzt durch einen Fußball – führt allerdings auf eine falsche Fährte. Aufmacher an diesem Mittwoch vor 21 Jahren war nichts Geringeres als der Amtsantritt der Bundeskanzlerin einen Tag zuvor. Die Unterzeile lautete: „Mit der Wahl von Angela Merkel sind zehn Frauen weltweit als Regierungschefinnen an der Macht.“
Wenn Sie interessiert, wie die taz-Titelseite an ihrem Geburts- oder Namenstag ausgesehen haben mag oder Sie sonstige Anfragen zur Berichterstattung der vergangenen 48 Jahre haben: Wenden Sie sich jederzeit vertrauensvoll per Mail an archiv@taz.de. Meine Kollegin Eva und ich melden uns zurück! Weitere Geschichten aus dem Archiv werde ich künftig in (un)regelmäßigen Abständen in der Rubrik „taz lage“ in der täglichen taz präsentieren.
Joel Schmidt lebt in Berlin als freier Journalist mit Schwerpunkt Digitales, war in den letzten zwei Jahren taz lab-Programmchef und leitet seit Mai das Archiv der taz.
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