Genozid-Massengräber in Ruanda: Wenn Gedenken bürokratisch wird

Der Vater unserer Autorin starb beim Genozid an den Tutsis. Das Massengrab, in dem er ruht, ist streng bewacht. Ist es Mahnmal oder Gedenkstätte?

Besucher lesen an einer Wand mit Namen von Ermordeten

Gedenktafel mit Namen ermordeter Tutsi auf dem Gelände des Memorials Foto: Karsten Thielker

Wohin geht die Liebe, die man für Menschen empfindet, wenn sie sterben? Mit dieser Frage beschäftige ich mich, seit ich fünf Jahre alt bin. So alt war ich nämlich, als mein Vater und große Teile meiner Familie im Genozid an den Tutsis im Jahr 1994 umgebracht wurden. Als Kind habe ich stundenlang in den Himmel geschaut und manchmal meinem Vater gewinkt, weil ich dachte, dass er wirklich im Himmel ist.

Ich habe andere Menschen beneidet, die zu einem richtigen Friedhof gehen konnten, um Blumen, Gebete und Gedanken dazulassen. Mein Vater sowie meine Großeltern, Tanten, Cousins und Onkel fanden in Massengräbern ihre letzte Ruhe.

Ich weiß bei meinem Vater genau genommen gar nicht, ob er wirklich dort liegt. Trotzdem ist mir dieser Ort wichtig und ich schätze es sehr, dass ich einen Platz habe, zu dem ich manchmal hingehen kann. Ich fuhr also heute mit einem guten Freund dahin. Wir unterhielten uns auf der Fahrt über dieses und jenes. Durch verschärfte Coronabestimmungen ist auch in Kigali vieles anders. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich zum Grab gehen kann. Zumal es im Grunde ein Denkmal ist. Dort liegen auch Politiker*innen, die im Genozid als Erste umgebracht wurden.

Als wir dort ankamen, sagten uns die Soldaten, dass uns ein Dokument fehle, um das Grab zu besuchen. Ich wusste nicht, dass ich einen Wisch brauche, um meinen toten Vater zu besuchen. Nach den Soldaten mussten wir an Polizisten vorbei.

Tote werden nicht in Ruhe gelassen

Die verschärften Sicherheitsvorkehrungen haben weniger mit Corona und mehr mit einigen Vorfällen zu tun: Grabschändungen, versuchte Attentate und solche Sachen. Auch Tote werden nicht in Ruhe gelassen. Die Polizisten sagten, dass ein Besuch ohne dieses Dokument nicht möglich sei. Dabei waren wir schon drin. Wir hatten schon zwei Tore passiert.

Das Grab meines Vaters war nur wenige Meter von mir entfernt. Die Polizisten ließen nicht mit sich reden. Wir haben ihre Vorgesetzten angerufen und sie stellten sich quer und beriefen sich dabei auf geltende Regeln und diesen Schein, den wir gebraucht hätten. Streng genommen haben sie recht und ich werde nicht die Polizisten, die am Ende einer langen Kette stehen, dafür verantwortlich machen.

Ich war erst traurig, dann wütend und habe mich zum Schluss nur gefragt, seit wann Bürokratie alles übertrumpft. Es wird sehr viel Aufwand betrieben, diese Orte der Erinnerung zu pflegen und zu bewachen. Das hat alles sicherlich seine Berechtigung. Aber wenn Passierscheine die Verbindung, die wir zu unseren geliebten toten Menschen aufrechterhalten wollen, kappen, dann ist es an der Zeit, diese zu hinterfragen.

Und die Frage bleibt: Wie steht ist es um die Versöhnung, wenn Gedenkstätten noch bewacht werden müssen. Stehen diese Gedenkstätten für „Nie wieder“ oder sind sie eher ein Mahnmal der immer noch wirkenden Gefahr?

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Journalistin, Speakerin und freie Kreative. Kolumne: "Bei aller Liebe". Foto: Pako Quijada

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