Generation Deutschland in Hessen: AfD-Nachwuchs im Lesekreis der „Identitären Bewegung“
Eigentlich sollte sich die neugegründete AfD-Jugend mäßigen. Doch ein Fall aus Hessen zeigt, dass Unvereinbarkeitsbeschlüsse offenbar wenig gelten.
Mit dem Unvereinbarkeitsbeschluss der AfD zur Identitären Bewegung nimmt man es bei deren Parteijugend „Generation Deutschland“ auch in Hessen offenbar nicht so genau: Kaum hat sich dort der Landesverband der AfD-Jugend als letzter der insgesamt 16 Verbände gegründet, sorgt dieser bereits für Schlagzeilen.
Der neue Schatzmeister der AfD-Jugend Hessen, der AfD-Politiker Thomas Janeczek, soll Anfang März dieses Jahres an einem Treffen der „Aktion 451“ in Frankfurt teilgenommen haben. Darüber berichtete am Donnerstag zuerst die Frankfurter Rundschau (FR) mit Bezug auf einen Bericht des Recherchekollektivs „Rhein-Main Rechtsaußen“. Ein Foto, das auch der taz vorliegt, soll Janeczek bei einem Treffen der Gruppe in kleinem Kreis in einer Gaststätte in Frankfurt am Main zeigen.
Die Aktion 451, benannt nach dem dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury, gilt Expert:innen als Ableger der völkisch-rassistischen Identitären Bewegung und ist Medienberichten zufolge deren Tarnorganisation. Im Jahr 2023 trat die Gruppe zunächst im österreichischen Wien in Erscheinung, nur wenig später auch in deutschen Städten, darunter etwa Stuttgart, Augsburg und auch Leipzig. Hervorgegangen ist die Gruppe Berichten zufolge aus einem Lesekreis zum italienischen Faschisten Julius Evola, der sich selbst einmal als „superfascista“ („Super-Faschist“) bezeichnete.
Eine Demonstration an der Universität Wien samt Aufritt des Rechtsextremist Götz Kubitschek soll dann der „eigentliche Startschuss“ für die Aktion 451 gewesen sein. „Die Fantasie von Fahrenheit 451 ist nun an der Universität Wirklichkeit geworden“, hieß es damals auf der Website der Aktion 451. „Kritische Bücher und Gedanken sind verboten. Einheitsdenken verseucht die Hörsäle. Wir dagegen lesen ohne Scheuklappen.“
Nicht der erste Kontakt mit der Identitären Bewegung
In Frankfurt am Main trat die Gruppe bei Social Media erstmals Anfang dieses Jahres in Erscheinung. Auf dem Campus der Uni Frankfurt machten kurz darauf entspreche Flugblätter die Runde, in denen über vermeintlich „linke Hochschulen“ geklagt wird.
Der Aktion 45“ geht es um die Erlangung kultureller Hegemonie und die Normalisierung extrem rechter Ideologie an Universitäten. Das Treffen Anfang März in Frankfurt bewarb die Gruppe über Social Media als „Kennenlerntreffen“. Mit Slogans wie „Lies die Bücher, die sie verbieten wollen“, wirbt die extrem rechte Gruppe auch für Lesekreise. Gemeint sind Bücher vom äußerst rechten Rand, von rechtsextremen Ideologieproduzent:innen wie Martin Sellner und Ellen Kositza – und von Autoren, die man der sogenannten „Konservativen Revolution“ zurechnet.
Janeczek selbst ist der selbsternannten Identitären Bewegung mutmaßlich schon länger verbunden. Im Juli 2024 soll er an einem Aufmarsch der Identitären in Wien teilgenommen haben. Fotos von dem Tag sollen ihn bei der extrem rechten Demonstration zeigen.
„Generation Deutschland“ fällt immer wieder negativ auf
Janeczek, der als Schatzmeister auch Teil des Landesvorstands der AfD-Jugend Hessen ist, ließ mehrere Anfragen der taz zu dem Treffen der Aktion 451 unbeantwortet. Und auch der frisch gewählte Vorsitzende des hessischen AfD-Jugend-Landesverbands, Nafiur Rahman, äußerte sich auf taz-Anfrage bisher nicht zu dem Fall. Gegenüber der Frankfurter Rundschau teilte Rahman mit, der Landesverband habe sich gerade erst gegründet. Grundsätzlich vertraue man den Vorstandsmitgliedern.
Wie die FR am Donnerstagnachmittag berichtete, will sich die hessische AfD nun nach Ostern mit dem Fall befassen und „über Konsequenzen beraten“. Man nehme den Vorgang „sehr ernst“.
An der Personalie Janeczek zeigt sich einmal mehr, dass mit der Neustrukturierung der AfD-Jugend keine Mäßigung einhergeht. Die selbsternannte Generation Deutschland sorgt seit ihrer Neugründung in Gießen Ende vergangenen Jahres immer wieder für Schlagzeilen. So verwendete etwa Kevin Dorow aus dem Bundesvorstand eine völkische Parole, die später zum Leitspruch der Hitlerjugend wurde. Zudem zitierte er das Treuelied, das auch in der SS verwendet wurde. Der AfD reichte das nicht für einen Parteiausschluss, beantragte nach taz-Informationen lediglich eine zweijährige Ämtersperre für Dorow.
Und erst kürzlich wurden antisemitische und abwertende Aussagen der ebenfalls im Bundesvorstand vertretenen Julia Gehrcken durch eine Recherche von RTL und Stern bekannt, nach der sie unter anderem die Behauptung bestätigt habe, die Banken in Amerika würden den Juden gehören. Gehrckens wurde vom niedersächsischen AfD-Landesverband lediglich eine Rüge ausgesprochen. Gegenüber der Bild räumte Gehrckens, die Teil der rechtsextremen Frauengruppe „Lukreta“ aus dem Identitären-Spektrum ist, anschließend Fehler ein und zeigte sich geläutert: „Solch abwertende Formulierungen dürfen im politischen Raum keinen Platz haben“, zitierte das Blatt sie.
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