Gegen die innere Isolation: Schön, dass wir drüber sprachen

Welcher Tag ist heute? Habe ich Zähne geputzt? Geduscht? Aus ihrem wenig abwechslungsreichen Alltag holt unsere Autorin nur eine App und frische Luft.

Eine Frau geht über einen mit viel Laub bedeckten Weg in einem Waldgebiet.

Frische Luft schnappen und auf neue Gedanken kommen, oft durch unerwartete Begegnungen Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Aktuell hilft mir nur der Service eines Blogs, der auf Instagram daran erinnert, welcher Tag heute ist, mich an die gewöhnliche Wochentagaufteilung zu erinnern. „Heute ist übrigens … Montag.“ Oder es sind Termine, die ich vorsorglich in meinen Mini-Moleskine eingetragen habe, die mich zwingen, meine häusliche wie innere Isolation zeitweise aufzugeben.

Heute war es wieder so weit, eines dieser Happenings zwang mich zum frühen Aufstehen und einer Morgenroutine, an die ich mich nur mehr dunkel erinnerte: duschen, Kaffee kochen, Zähne putzen, rote Flecken und lichte Augenbrauen kaschieren, anziehen.

Bei einigen dieser Schritte veränderte sich in den letzten Monaten die Reihenfolge, manche fielen komplett weg und andere vergaß ich mangels Notwendigkeit für einige Stunden – manchmal auch einen ganzen Tag lang.

Ich hatte mir vorgenommen, anschließend fix wieder nach Hause und an den Schreibtisch zu kommen, doch wenn man schon mal ins tiefste Zehlendorf gezwungen wird, warum dann nicht den Serotoninhaushalt mit etwas frischer Luft und spärlichem Sonnenschein aufladen?

Klimastraße gegen SUVs

Ich wanderte vom beschaulichen Mexikoplatz die Limastraße entlang, die kurz vorm Schlachtensee von Unbekannten in Klimastraße umbenannt wurde. Ein Hint auf die dicken SUVs, die hier den Rand der Pflasterstraßen säumen?

Am Gewässer angekommen, staunte ich kurz, war es doch sonderbar belebt an diesem … welcher Tag war es noch gleich? Donnerstag, richtig. Einzelne Jogger*innen, eine lärmende Schulklasse vor der Fischerhütte und viele Zweiergespanne, in angeregte Gespräche vertieft. Ob des Wunschs, die einzige Spaziergängerin weit und breit zu sein, wich ich entgegenkommenden Augenpaaren aus und starrte leeren Blicks auf das sanfte Wellen schlagende Gewässer.

Dort hatte sich allerhand Geflügel seinen Lebensraum zurückerobert, jetzt, wo nur mehr vereinzelt hartgesottene Schwimmer*innen zu stören wagten. Schnatternde Stock­enten und krächzende Blesshühner vernahm ich – dazwischen gutturale Laute von einer Schar Kormorane. Auf einem weitverzweigten Ast im Wasser sitzend, wirkten sie von Weitem wie die Geier aus Disney’s „Dschungelbuch“.

Jäh aus meinem Gefühl der Naturverbundenheit holten mich zwei junge Frauen, deren Outfits aussahen, als hätten sie sich für ein sportives Erlebnis besonders herausgeputzt. Noch bevor ich meine anti­so­ziale Taktik des Wegschauens wieder aufnehmen konnte, grinsten sie mich breit an und grüßten, als wären wir alte Freundinnen. Perplex konnte ich gar nicht anders, als freundlich zurückzugrüßen. Wer rechnet mit so viel Liebenswürdigkeit in diesen Zeiten?

Altmaier trifft auf Loriot

So erging es wohl auch den beiden Herren hinter mir, die sichtlich erfreut über das freundliche Gebaren zweier so junger Damen noch ein kurzes Weilchen darüber plauschten. Unbehagen überkam mich; was, wenn sie derlei offene Herzlichkeit auch von mir erwarten ­würden?

Doch meine Sorge war unbegründet, sie setzen ihr Gespräch fort, während sie an mir vorbeizogen. „Und, sonst alles gut bei dir?“, fragte der eine den anderen, der Peter Altmaier zum Verwechseln ähnlich sah. „Ja, alles gut so weit“, antwortet dieser. „Schön, dass wir mal ganz offen über alles gesprochen haben“, entgegnete der erste, und prompt erschien ein Grinsen auf meinem Gesicht.

„Ich glaube, unser Gespräch sorgt für Erheiterung“, stellt der Altmaier-Freund fest und dreht sich um. „Das klang schon sehr nach ­Loriot“, sage ich. Der Fremde zwinkert: „War es auch.“ Ich denke, wie schön es ist, von Fremden aus der inneren Isolation geholt zu werden.

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