Gedenken: Der lange Weg der Bürokratie

Eine vor fünf Monaten gestohlene Gedenktafel am Barkhof ist bis heute nicht ersetzt worden. Nun hat eine Initiative eine provisorische Tafel angebracht.

Plexiglas statt Leerstelle: Die provisorische Gedenktafel der Initiative "Putz und Rosen". Bild: Benjamin Moldenhauer

Wenn zivilgesellschaftliches Engagement und Bürokratie aufeinanderprallen, kann es schon mal krachen. Heiner Rosebrock, Mitglied der Initiative „Putz und Rosen“, die sich um die Instandsetzung beschädigter Mahnmäler kümmert, ist jedenfalls ernsthaft aufgebracht. „Dass da in fünf Monaten nichts passiert ist, ist unglaublich!“ Grund der lautstarken Empörung ist die Gedenktafel an der Oberschule am Barkhof in der Nähe des Hauptbahnhofs, die an die Deportation von 440 Bremer Juden ins Getto Minsk erinnert.

Im März diesen Jahres war die Tafel gestohlen worden. Die Polizei geht von Metalldieben aus, kann einen politischen Hintergrund aber nicht ausschließen. Gemeinsam mit drei MitstreiterInnen brachte Rosebrock am Donnerstag nun eine neue, provisorische Gedenktafel am Barkhof an. Notwendig wurde die Aktion nach Ansicht von „Putz und Rosen“, weil sich der für den Gedenkort Verantwortliche nicht um die Wiederherstellung bemüht habe – der Barkhof ist im Besitz der Universität Bremen. Seit 2011 finden dort keine Seminare mehr statt, inzwischen ist die Oberschule der einzige Nutzer.

Fast ein halbes Jahr sei man von der Universität vertröstet worden, nun sei es genug, sagt Rosebrock. Den Namen des Verantwortlichen will er nicht nennen, um niemanden zu diffamieren. Mit seiner Wut aber hält er nicht hinterm Berg: „Der sollte sich in Grund und Boden schämen und sich fragen, ob das auch so laufen würde, wenn auf der Tafel die Namen seiner Eltern stehen würden.“

Bis vor Kurzem erinnerte eine Metalltafel mit eingravierter Schrift an die Deportation; nach acht Monaten Zwangsarbeit wurden die Deportierten am 28. oder 29. Juli 1942 umgebracht, nur sechs überlebten. Nun hängt ein schlichter Ausdruck hinter Plexiglas an der Mauer des Gebäudes, mit Kraftkleber angebracht. Diese Lösung ist nur eine vorübergehende ist, die Tafel verweist zumindest für Eingeweihte nur auf eine Leerstelle und soll nicht von Dauer sein – die Anbringung hat vor allem einen symbolischen Wert.

Grigori Pantijelew, Vertreter der Jüdischen Gemeinde Bremens und ebenfalls alles andere als glücklich über die angebliche Teilnahmslosigkeit der Universität, nennt die Aktion ein wichtiges Zeichen der Unterstützung und der Solidarität: „Wir vermissen diese Zeichen in diesen Zeiten häufig.“ Vertreter der Universität Bremen waren bei der Anbringung der provisorischen Tafel nicht anwesend. Eberhard Scholz, Pressereferent der Uni, erfuhr am Donnerstag zum ersten Mal von dem Diebstahl und versichert nun, dass man sich in der Verantwortung sieht und die Tafel erneuern lassen will. Allerdings könne so ein Vorgang schon einmal ein halbes Jahr dauern, das sei nicht überraschend, immerhin müssten Gelder beantragt werden und man sei personell unterbesetzt. Der 18. November, an dem in Bremen an die Deportation der Juden aus Bremen, Bremerhaven und Verden erinnert wird, sei beispielsweise ein geeigneter Tag für die Anbringung einer neuen Tafel.

So lange wollten die Mitglieder von „Putz und Rosen“ nicht warten. Das Argument, dass diese Dinge nun einmal ihren institutionalisierten Weg gehen müssten, lassen sie nicht gelten und sehen auf Seiten der Uni fehlendes Einfühlungsvermögen und bürokratische Gedankenlosigkeit.

Ob das Engagement am Ende doch zur Beschleunigung beigetragen hat, lässt sich noch nicht sagen. Eine Mitarbeiterin der Oberschule am Barkhof, die nach der Aktion ihren Kopf durch die Schulpforte steckte, um nach dem Rechten zu sehen, versicherte, dass eine neue Tafel inzwischen in Auftrag gegeben worden ist. Das wurde von der Universität kurz vor Redaktionsschluss bestätigt. Einen definitiven Termin könne man allerdings nicht nennen.

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