Gedenken und verklären: Kalter Krieg am Finanzministerium

Es ist verwunderlich, wie heute in Berlin der Volksaufstand am 17. Juni 1953 in 700 Städten und Gemeinden der DDR vereinnahmt wird.

Ein Kranz am Platz des Volksaufstands 1953 Foto: DPA

Es ist, als wäre an diesem sonnigen Donnerstagvormittag noch einmal der Kalte Krieg ausgebrochen. Etwa 30 Menschen haben sich vor dem Bundesfinanzministerium an der Wilhelmstraße versammelt, um schon am Vortag des 63. Jahrestags der Opfer der Demonstrationen am 17. Juni 1953 zu gedenken.

Ein durchaus berechtigtes Ansinnen: Denn immer mehr versinkt im Vergessen, dass vom 16. bis zum 21. Juni 1953 in etwa 700 Städten und Gemeinden der DDR über eine Million Menschen auf die Straße gingen. Sie forderten das Ende des SED-Regimes – bis sowjetische Truppen das Aufbegehren beendeten. Man geht von etwa 55 Todesopfern aus, mindestens 14 in Berlin.

Diese DemonstrantInnen waren tatsächlich die ersten, die gegen den real existierenden Sozialismus aufbegehrten, sie in­spirierten viele, die später kamen: in Ungarn, beim Prager Frühling, Solidarność, 1989. Es ist also alles richtig, was da am Donnerstag auf dem Platz des Volksaufstandes von 1953 am Finanzministerium unter Anwesenheit letzter Zeitzeugen erzählt wird – es ist aber auch vereinnahmend.

Besonders in der Rede von Kai Wegner, Generalsekretär der Berliner CDU, ist derart viel von „Willen zur Freiheit“ und „Sieg des Rechts über die Willkür“ die Rede, dass es einem übel wird. Keine Erwähnung ist es ihm wert, dass vor allem die Erhöhung der Lebensmittelpreise und der Beschluss der SED, die Normen der Arbeiter zu erhöhen, die Menschen auf die Straße trieben. Sie hatten Hunger und waren müde.

Am Ende seiner Ansprache weist Wegner noch darauf hin, dass ihm noch einiges fehle bei der Gestaltung des Platzes, auf dem er steht. Besonders das 24 Meter lange Wandbild von Max Lingner ist ihm natürlich ein Dorn im Auge, das einen recht euphorischen Aufbruch der Arbeiterklasse zeigt. „Wir lassen keine Geschichtsverklärung zu“, sagt er. Wäre schön, wenn auch er weniger Geschichtsvereinnahmung betreiben würde.

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