piwik no script img

Gaspreis, Ölpreis, KriseAll diese heimlichen Klimaschützer

Das war’s mit Klimaschutz? Von wegen: Die heimlichen Klimaschützer sind überall, findet unser Autor.

Teurer Tropfen: Wenn der Benzin- und Dieselpreis steigt, wird deutlich, wie günstig doch die neuen E-Autos sind Foto: Lubitz + Dorner/plainpicture

D as mit dem Klimaschutz ist jetzt ja auch vorbei, oder?“, sagte vor ein paar Wochen mein Freund T. zu mir. Wer war ich, ihm zu widersprechen? Ich war der Typ, der von morgens bis abends darüber schreibt, dass das mit dem Klimaschutz jetzt ja auch vorbei ist: Die Bundesregierung bohrt Löcher ins Klimaschutzgesetz, die EU streicht ihren Green Deal schwarz an, die USA feiern ihre Rolle als fossiler Schurkenstaat. Weltweit sind die Massenvernichtungsmittel Öl und Gas wieder der heiße Scheiß. Und der Wahlsieg von Cem Özdemir bestätigt diesen Trend: Gewählt wirst du als Grüner nur dann, wenn du von Klimaschutz gar nicht erst redest.

Aber in T.s Frage gab es ja noch dieses „… oder?“ Und tatsächlich: Wenn man genau hinschaut, sind überall heimliche Klimaschützer. Die würden diese Auszeichnung als Rufmord betrachten. Aber sie tun das Richtige, wenn auch oft aus falschen Motiven. Zum Beispiel Freund Gaspreis: Kaum vermurkst Energie(!)ministerin Reiche das Heizungsgesetz so, dass fossile Heizungen wieder möglich werden – zack, hat sich der Gaspreis praktisch verdoppelt und macht Wärmepumpen attraktiv.

Sein Bruder, der Ölpreis, schreit uns jetzt jeden Tag von den Tankstellen an, wie wahnsinnig günstig doch die neuen E-Autos sind und wie bescheuert, besteuert und überteuert der olle Diesel ist. Wie wir mit unserem Wohlstand (noch) an den fossilen Unrechtsregimen hängen, zeigen diese beiden Halunken noch deutlicher, als es selbst meine taz-Kollegin Ulrike Herrmann erklären könnte.

Und es gibt noch mehr verborgene Klimaschützende: Allen voran der böse Kapitalismus (der natürlich eine fiese Doppelrolle spielt, weil er viele dieser Probleme erst verursacht). Aber die erfolgreichsten Emissionssenker sind bei uns nun mal EU-Emissionshandel und das EEG, also Instrumente der Marktwirtschaft. Und auch „der Markt“, den Liberale und Konservative feiern, tut beim aktuellen Irankrieg brav, was er soll: Hohe Preise zeigen Unsicherheit und Knappheit.

Noch mehr ungeliebte und maskierte Klima-Aktivisten? Bitte sehr, auch wenn’s wehtut: Wirtschaftskrisen, in denen wir weniger fliegen, kaufen und produzieren. Ob Corona oder Finanzcrash: Häufig gibt es weniger Emissionen und eine Atempause für die Natur. Dann: Budgetlöcher und Sparmaßnahmen. Haben Unternehmen und Regierungen kein Geld, werden eine Menge Straßen und Fabriken nicht gebaut (aber eben auch keine Kitas). Oder der Dreck aus den Schornsteinen von Schiffen und Fabriken: Die Kleinstpartikel reflektieren das Sonnenlicht und senken die globale Temperatur. Blöder Nebeneffekt: Je sauberer unsere Atemluft wird, desto wärmer wird es.

Das Klima schützen, ohne es zu wollen: Ist das nun der Weltgeist des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der die Vernunft in die Weltgeschichte bringt? Ist es die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft, aus dem „Faust“? Der Heilige Geist? Ich bin ein zu kleiner Geist, um das zu entscheiden. Aber selbst wenn man wie die Philosophen um Georg Wilhelm Friedrich Merz von allen guten Geistern verlassen ist, gilt das offenbar. Jedenfalls verstehe ich so das tolle Versprechen der Bundesregierung, das ich derzeit überall auf großen Plakaten sehe – das Ende der Abhängigkeit und den Sofortausstieg aus den fossilen Energien: „Starten Sie mit vielen anderen in die Freiheit: Rauchfrei im Mai!“

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Bernhard Pötter
Redakteur für Wirtschaft und Umwelt
Jahrgang 1965. Seine Schwerpunkte sind die Themen Klima, Energie und Umweltpolitik. Wenn die Zeit es erlaubt, beschäftigt er sich noch mit Kirche, Kindern und Konsum. Für die taz arbeitet er seit 1993, zwischendurch und frei u.a. auch für DIE ZEIT, WOZ, GEO, New Scientist. Autor einiger Bücher, Zum Beispiel „Tatort Klimawandel“ (oekom Verlag) und „Stromwende“(Westend-Verlag, mit Peter Unfried und Hannes Koch).
Mehr zum Thema

0 Kommentare