Gasbohren im Wattenmeer: Borkum will keinen Bohrturm

Ein niederländischer Konzern will vor der Insel Borkum Erdgas fördern – Naturschutzverbände und betroffene Kommunen kritisieren das Vorhaben.

Eine Insel mit breitem Strand und Lagune

Gute Luft und ringsherum Watt: Insel Borkum Foto: Sina Schuldt/dpa

GÖTTINGEN taz | Borkum ist die westlichste und mit knapp 31 Quadratkilometern Fläche zugleich die größte der Ostfriesischen Inseln. Rund 30 Kilometer sind es bis zum Festland, Urlauber schätzen auf Borkum unter anderem die gute Luft. Teile der Insel und das angrenzende Watt gehören zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.

Doch niederländische Pläne zur Erdgasförderung in der Nordsee nahe der Insel schrecken Umweltschützer und Touristiker auf. Eine Genehmigung des Vorhabens konterkariere die deutschen Klimaschutzziele, kritisieren Verbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Naturschutzbund (Nabu).

Nach Angaben des niedersächsischen Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) beabsichtigt das niederländische Unternehmen ONE Dyas B.V., in den nächsten zehn bis 25 Jahren Erdgas aus dem Feld N05-A zu fördern.

Dazu sollen eine Erdgasförder- und -aufbereitungsplattform errichtet und betrieben, eine Pipeline auf niederländischem Hoheitsgebiet zur vorhandenen Nordgas-Transportleitung neu gebaut sowie ein Kabel zur Stromversorgung zum Offshore-Windpark Riffgat im deutschen Sektor der Nordsee verlegt werden.

500 Meter vor deutschen Gewässern

Der vorgesehene Standort der Plattform N05-A liegt laut LBEG im niederländischen Küstenmeer etwa 500 Meter von den deutschen Hoheitsgewässern entfernt und ungefähr 20 Kilometer vor der Küste von Borkum. Teile des Erdgasfeldes N05-A befinden sich auf deutschem Hoheitsgebiet und grenzen direkt an den Nationalpark, der als Weltnaturerbe einen besonderen Schutz genießt. Weitere Felder, in denen Erdgas vermutet wird, befinden sich zum Teil ebenfalls vollständig oder teilweise auf deutschem Gebiet.

Aktuell läuft unter Federführung des niederländischen Ministeriums für Wirtschaft und Klima das vorgeschriebene Verfahren zur Prüfung der Umweltverträglichkeit des Vorhabens. Weil auch Auswirkungen auf Deutschland entstehen, wurde die Bundesrepublik in das Verfahren miteinbezogen. Bis Anfang Juni lagen die Pläne des Unternehmens öffentlich aus, Bürger konnten Einwände erheben. Sie werden derzeit ausgewertet.

BUND, Nabu und weitere Umweltorganisationen fordern die Bundesrepublik Deutschland auf, das Vorhaben strikt abzulehnen. Sie bemängeln, dass die Pläne in mehrfacher Hinsicht nationalen und internationalen Verpflichtungen für Klima-, Natur- und Meeresschutz widersprechen. „Eine weitere Erdgasförderung in der Nordsee darf auf keinen Fall genehmigt werden, denn sie steht im diametralen Gegensatz zu nationalen und internationalen Klimaschutzzielen“, sagt etwa der niedersächsische BUND-Vorsitzende Heiner Baumgarten.

Angesichts des kürzlich ergangenen Urteils des Bundesverfassungsgerichtes, in dem das deutsche Klimaschutzgesetz für teilweise verfassungswidrig erklärt wurde, und dem jüngsten Gerichtsurteil in Den Haag, das den Ölkonzern Shell zu einer deutlichen Reduktion seiner Emissionen verpflichtet, müssten weitere Planungen zur Erdöl- und Erdgasförderung sofort eingestellt werden.

„Diese Vorhaben führen geradewegs in die Klima- und Naturkatastrophe“, so Baumgarten. „Alle Anstrengungen müssen in den Ausbau erneuerbarer Energien fließen, anstatt die Gewinnung klima- und naturschädlicher fossiler Energien weiter auszubauen.“

Die Installation der Plattform, das Niederbringen von Tiefbohrungen, die Verlegung von Rohren und Kabeln und die Erdgasproduktion hätten den Verbänden zufolge gravierende Auswirkungen auf die Meeresumwelt und das Weltnaturerbe Wattenmeer mit seinen Insel- und Küstengebieten. Es gebe Risiken durch ein mögliches Austreten von Kohlenwasserstoffen, Bohrschlämmen und Lagerstättenwasser, aber auch durch Erdbeben und erhebliche Absenkungen von Land und Meeresboden.

Die betroffenen Schutzgebiete im Küstenbereich hätten zum Beispiel enorme Bedeutung als Nahrungs- und Rastgebiet für Zigtausende von Zugvögeln, die durch das Vorhaben beeinträchtigt würden, urteilt Nabu-Landeschef Holger Buschmann.

Die Plattform, Bohrungen, Rohre und Kabel hätten den Verbänden zufolge gravierende Auswirkungen auf die Meeresumwelt

Auch der World Wide Fund for Nature (WWF) befürchtet, dass das Vorhaben der Meeresnatur massiv schadet. „Durch Unterwasserlärm, Verschmutzung und Lebensraumzerstörung sind sensible und streng geschützte Arten wie der Schweinswal, aber auch Fische und Riffstrukturen betroffen“, sagt Carla Langsenkamp, Meeresschutzexpertin beim WWF.

Sie verweist darauf, dass auf der deutschen wie auf der niederländischen Seite des Gebietes der geplanten Bohr- und Förderplattformen mit der Wiederansiedlung der in der südlichen Nordsee ausgestorbenen Europäischen Auster begonnen wurde. Die Anstrengungen, der Unterwassernatur eine verlorene Art zurückzugeben, dürften nicht gefährdet werden.

Außer den Umweltverbänden protestieren auch die Landesjägerschaft Niedersachsen, Fischereiverbände und die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald gegen die Bohr- und Förderpläne. Auch die Städte Borkum und Norderney lehnen das Projekt ab. „Gerade im Hinblick auf die empfindliche Störung des einzigartigen insularen Lebensraumes für Mensch und Natur ist die Erweiterung von Industrieanlagen in der näheren Umgebung der Ostfriesischen Inseln nicht akzeptabel“, heißt es in einer Stellungnahme der beiden Kommunen.

Nationalpark angebohrt

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) spricht sich ebenfalls gegen die niederländischen Pläne aus. Sie passten nicht in die Zeit, wenn auf europäischer Ebene breit über den Klimaschutz und Klimaneutralität diskutiert werde. Das europäische Recht schreibe bei derartigen Vorhaben eine umfassende Beteiligung von betroffenen Nachbarstaaten vor, die Niedersachsen intensiv nutzen werde, kündigte Lies an.

Das Land arbeite an einer Novelle des Nationalparkgesetzes, die ein Verbot von Erdöl- und Erdgasförderung vorsieht: „Es ist doch widersinnig, wenn wir solche Bohrungen im Wattenmeer unterbinden und dann der Nationalpark von der Seite angebohrt wird.“

Die Landtagsgrünen trauen den Worten von Lies indes nicht. Die politischen Versprechungen des Umweltministers seien nicht glaubwürdig, sagte die Abgeordnete Imke Byl gestern. Seit zwei Jahren kündige Lies ein Bohrverbot im sensiblen Ökosystem des Wattenmeers an, „doch aus den hehren Reden folgt nichts“.

Dem Landtag liege für das kommende Plenum ein Gesetzentwurf der Regierungsfraktionen zum Nationalpark Wattenmeer vor. In diesem Antrag stehe zum Verbot von Öl- und Gasbohrungen kein Wort. Die Grünen kündigten einen Änderungsantrag für ein klares Bohrverbot im Wattenmeer an.

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