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Ganz nah am Terror

In Dresden stehen ab Freitag acht junge Rechtsextreme der „Sächsischen Separatisten“ unter Terrorvorwürfen vor Gericht. Mit dabei: drei AfD-Mitglieder

Polizisten führen die am 5. Januar 2024 festgenommenen „Sächsischen Separatisten“ dem Ermittlungsrichter in Karlsruhe vor Foto: Rene Priebe/dpa

Von Konrad Litschko und David Muschenich

Es ist noch nicht lange her, da meldete sich Kurt Hättasch im Stadtrat im sächsischen Grimma zu Wort. Mal hielt der junge AfD-Fraktionschef eine Rede zu einer geplanten Mehrzweckhalle, mal trat er als stellvertretender Bürgermeister an, wenn auch erfolglos. Doch seine legale politische Karriere fand am 5. November 2024 ein jähes Ende.

Um 6 Uhr morgens rückten Spezialkräfte der Polizei an seinem Wohnhaus in einem Dorf bei Grimma an und nahmen ihn unter Terrorverdacht fest. Weil sich der heute 26-Jährige mit sieben anderen Rechtsextremen als „Sächsische Separatisten“ auf einen von ihnen erhofften „Tag X“ vorbereitet haben soll. Dann hätten sie mit Waffengewalt „ethnische Säuberungen“ und Liquidierungen staatlicher Vertreter in der Region durchführen wollen.

Hättasch trat bei seiner Festnahme mit einem entsicherten Gewehr aus seinem Haus. Als Jäger besitzt er mehrere Waffen. Weil er mit dem Gewehr auf die Polizisten zulief, schoss ein Beamter auf ihn, verletzte Hättasch am Kiefer. Der AfD-Mann kam erst ins Krankenhaus und danach ins Gefängnis. Seitdem sitzt er in der JVA Leipzig.

Am Freitag nun wird Hättasch erstmals wieder in der Öffentlichkeit auftauchen, im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Dresden, wenn dort der Prozess gegen ihn und die sieben Mitfestgenommenen, 22 bis 26 Jahre alt, wegen des Vorwurfs der Bildung einer terroristischen Vereinigung beginnt. Hättasch wird wegen seines Auftritts mit Gewehr bei der Festnahme auch versuchter Mord vorgeworfen. Nur der Schuss des Polizisten habe ihn abhalten können, auf die Einsatzkräfte zu feuern, so die Anklage.

Tiefe Ablehnung der Demokratie

Laut Bundesanwaltschaft sollen sich die „Sächsischen Separatisten“ im Februar 2020 gegründet haben, rund 20 Mitglieder habe die Gruppe gezählt. Verbunden hätten die Mitglieder „rassistische, antisemitische Vorstellungen“, eine „tiefe Ablehnung“ der hiesigen Demokratie und der Glaube, dass Deutschland vor einem „Kollaps“ stehe.

Auf diesen Zusammenbruch hätten sie zwar nicht aktiv hingewirkt, sich aber auf diesen Zeitpunkt vorbereitet, um dann laut Anklage möglichst große Gebiete Sachsens zu erobern und einen NS-ähnlichen Staat zu errichten. In Trainings in Wäldern und auf einem verlassenen Flugplatzgelände bei Brandis sei dafür Häuserkampf geprobt worden, auf Schießständen auch der Umgang mit Waffen. Veranstaltet wurden auch Nacht- und Gewaltmärsche. Wohl nicht zufällig kürzt sich der Gruppenname mit „SS“ ab, wie die „Schutzstaffel“ des NS-Regimes.

Der Prozess wird nicht nur wegen der schweren Vorwürfe, sondern auch wegen einer bezeichnenden Schnittstelle viel Beachtung finden: der Verbindung der AfD zu gewalttätigen Rechtsextremisten – und nun womöglich auch terroristischen. Für die Partei ist das mit Blick auf ein diskutiertes Verbotsverfahren äußerst heikel. Denn auch in Frankfurt am Main steht ja bereits eine frühere AfD-Bundestagsabgeordnete wegen Terrorvorwürfen vor Gericht: Birgit Malsack-Winkemann wird vorgeworfen, Teil der Reichsbürgergruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß gewesen zu sein.

Terrorverdächtiger galt als AfD-Nachwuchstalent

Kurt Hättasch galt in der AfD als Nachwuchstalent, war lokal bestens vernetzt. Der Metallbauer und Geschichtsstudent spielte in Grimma als Trompeter im Orchester, war im Vorstand der Jagdgenossenschaft, unterrichtete nach eigener Auskunft an der Handwerkskammer Lehrlinge. Politisch schlug Hättasch früh einen klaren Weg ein: Schon vor Jahren übermalte er in Grimma mit Gleichgesinnten Antifa-Graffitis – als selbsternannter „Bund Deutscher Maler“, abgekürzt BDM – wie einst die NS-Vereinigung „Bund Deutscher Mädel“.

Seine Frau, mit der er ein kleines Kind hat, ist die Tochter des einstigen sächsischen Kameradschaftsführers Thomas Sattelberg. Mit ihr besuchte er 2022 auch ein Seminar des Rechtsextremen Götz Kubitschek in Schnellroda. Im Juni 2024 nahm Hättasch auch an einer Sonnenwendfeier im sächsischen Strahwalde teil, zusammen mit völkischen Gruppen und Neonazis.

Und in Grimma plante er ein eigenes Projekt: Mit einem Mitbeschuldigten hatte er eine zweistöckige Immobilie am Bahnhof gekauft, bekam dafür ein Darlehen von 100.000 Euro vom ehemaligen Berliner Finanzsenator Peter Kurth. Der CDU-Mann kannte die beiden über Burschenschaftskontakte.

In der AfD wurde Hättasch im Herbst 2024, gerade zum ersten Mal in den Stadtrat gewählt, direkt Fraktionschef. Er saß auch im Kreisvorstand seiner Partei und war Schatzmeister der Landesparteijugend, die damals noch als Junge Alternative firmierte.

Bis heute kein Parteiausschluss

Und Hättasch war nicht allein. Auch der in Dresden Mitangeklagte Kevin R., ein Freund und Orchesterkollege Hättaschs, war AfD-Mitglied. Beide arbeiteten beim AfD-Landtagsabgeordneten Alexander Wiesner. Ein dritter Angeklagter, Hans-Georg P., gehörte ebenso zum AfD-Kreisverband. Vor ihrer Festnahme posierten die drei und weitere Beschuldigte im Mai 2022 lächelnd mit dem Thüringer AfD-Chef Björn Höcke bei einer Kundgebung in Grimma.

Nach den Festnahmen der drei Parteimitglieder erklärte die AfD, mit den „Sächsischen Separatisten“ verbinde sie „weder inhaltlich noch organisatorisch irgendetwas“. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, werde ein „unverzüglicher Parteiausschluss“ erfolgen.

Der Ausschluss ist bis heute nicht erfolgt. Ein sächsischer Parteisprecher sagte auf taz-Anfrage, es sei ein „schwebendes Verfahren“, zu dem man sich nicht weiter äußere. Auch zum bevorstehenden Prozess in Dresden wolle er nichts sagen.

In der AfD gibt es ohnehin längst andere Töne. So berichtete Björn Höcke bereits im Juni 2025 auf einer Parteiveranstaltung, dass er Hättaschs Frau getroffen habe. Es sei eine „anständige Familie“, der „übel mitgespielt“ werde. Der AfD-Bundestagsabgeordnete

Robert Teske, Höckes früherer Büroleiter, schrieb, er sei „erschüttert“, wie das Leben von Hättasch „zerstört“ worden sei. Sein Fraktionskollege Matthias Helferich besuchte ihn in der JVA Leipzig. „Da er zum Zeitpunkt des Tatvorwurfs Mitglied der AfD und JA war, habe ich mich für sein Schicksal interessiert“, sagte Helferich der taz. Die Vorwürfe könne er mangels genauer Kenntnis nicht beurteilen. Das Vorgehen der Polizei erscheine ihm aber „zumindest unverhältnismäßig“.

Hättasch selbst weist die Vorwürfe gegen sich zurück. Nach seiner Festnahme schrieb er in einer „politischen Erklärung“, er stamme aus einer „ordentlichen und friedlichen Familie“, er sei „rechts und konservativ“. „Massenmigration“ lehne er ab, „friedlichen Fremden“ gegenüber aber sei er „offen und hilfsbereit“. Rassismus und Antisemitismus seien „geistige Sackgassen“. Die AfD, die er kenne, sei nicht rechtsextrem. Und: Gewalt halte er nur als Selbstverteidigung für angemessen. Sonst lehne er sie „klar ab“.

In einem „Hafttagebuch“, das Hättasch auf einem Blog von Götz Kubitschek veröffentlichte, nannte er die Vorwürfe gegen sich „lächerlich, widersprüchlich, unsinnig“. Dass es eine Terrorgruppe gegeben habe, sei „unhaltbar“. Es liege nichts gegen ihn vor. „Der Staat vergreift sich immer unverschämter an seinen Bürgern.“

Auch den Mordversuch bei seiner Festnahme weist Hättasch zurück. Er habe gedacht, die Antifa sei angerückt und habe diese mit dem Gewehr vertreiben wollen.

Die Anklage aber betont, dass sich die Polizisten durchaus zu erkennen gegeben hätten. Die Ermittlungen gegen den Polizisten, der auf Hättasch schoss, wurden bereits vor einem Jahr eingestellt: Es sei Notwehr gewesen.

Die Bundesanwaltschaft verweist auf interne Chats der Gruppe – und vor allem auf die Rolle von Jörg S., angeklagt als Rädelsführer der „Separatisten“. Der 25-Jährige aus Brandis, 20 Kilometer von Grimma entfernt, soll die Gruppe gegründet, die Trainings und Kommunikation der Gruppe geleitet haben. Er kommt aus einer einschlägigen Familie. Der Großvater war bei der FPÖ, der Vater ist ein verurteilter Rechtsextremist, der früher ebenfalls paramilitärische Übungen organisierte. Zu den Angeklagten gehört auch der jüngere Bruder Jörn S. Gegen einen weiteren jüngeren Bruder wird ermittelt.

Vor allem Jörg S. soll die Radikalisierung der Gruppe vorangetrieben haben. In Telegramchats soll er gegen den „dreckigen Westen“ und das „gay shithole“ Europa geätzt haben. Alles, was Westeuropa und dortige „Anti-Weiße-Regime“ schwäche, sei gut. Wären „Juden weg“, würden sich „Probleme definitiv minimieren“. Und: „Nur eine komplette Revolution kann etwas verändern.“ Bewegt haben soll sich Jörg S. in einem internationalen Onlinenetzwerk junger Neonazis, dem „National Socialist Brotherhood“, einem Ableger der „Atomwaffendivision“.

Laut Bundesanwaltschaft verband die Mitglieder rassistische, antisemitische Vorstellungen und eine „tiefe Ablehnung“ der hiesigen Demokratie

Spätestens im August 2022 soll auch Hättasch zu der Gruppe dazugestoßen sein. Dessen Anwälte, es sind gleich fünf, ließen taz-Anfragen unbeantwortet. In einer Pressemitteilung wies einer aber die Vorwürfe zurück: Dieses und andere Verfahren seien ein Kampf der „Regierenden der BRD“ aus „purer Angst ausgetauscht, entmachtet zu werden“. Man habe schon vor Prozessbeginn einen Befangenheitsantrag gegen die Richter eingereicht.

Die Linie der Verteidiger: Es sei Jörg S. gewesen, der in Chats radikale Töne spukte, aber nur aus „Aufschneidertum“ – Hättasch habe davon nichts gewusst und sich nur an „Wanderungen“ beteiligt. Auch Martin Kohlmann, der Verteidiger von Jörg S. und Gründer der rechtsextremen Kleinpartei Freie Sachsen, nannte die Angeklagten nur salopp eine „Wandergruppe mit Hang zu Survivaltrainings“.

Die örtliche AfD-Fraktion hält weiter zu Hättasch und schloss den 26-Jährigen bisher nicht aus ihrer Fraktion aus. Bei Sitzungen des Stadtrats wird er als „entschuldigt“ notiert. Es gelte die Unschuldsvermutung, sagte Fraktionsmitglied Uwe Krah der taz. Er sei „entsetzt“, wie Hättasch vorverurteilt werde. Er habe diesen als „sehr akkuraten Menschen“ kennengelernt.

Die Linke Kerstin Köditz äußert sich „sehr verwundert, wie gelassen die lokale AfD-Fraktion und der Stadtrat damit umgehen, dass ein Abgeordneter unter Terrorverdacht in Haft sitzt“. Ohnehin verwundere es sie, dass das alles in Grimma kein Thema sei. „Dabei stehen hier Vorwürfe rechten Terrors und versuchten Mordes im Raum“, sagte sie der taz.

Dass die „Sächsischen Separatisten“ in Grimma aktuell ignoriert werden, das sagt auch Tobias Burdukat, der seit Jahren in Grimma als antifaschistischer Sozialarbeiter aktiv ist. „Für die Mehrheit ist Menschenfeindlichkeit offenbar einfach nicht schlimm.“ Dass die Gruppe mutmaßlich mit Waffengewalt Gebiete in Sachsen erobern und „ethnische Säuberungen“ durchführen wollte, „das glauben viele nicht“.

Im Grimmaer Stadtrat wird Hättasch wohl noch eine Weile fehlen. Der Prozess gegen ihn und die anderen Angeklagten ist bereits jetzt bis Jahresende terminiert, seine U-Haft dauert an. Hättasch schrieb in seinem „Hafttagebuch“, er hoffe auf einen Freispruch, um danach „ganz normal weiterleben zu können“. Danach sieht es allerdings nicht unbedingt aus. Konrad Litschko und David Muschenich

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