: Ganz große Gefühle
Die hässliche und korrupte Fußball-WM ist passé. Endlich startet kommenden Freitag wieder die Bundesliga. Warum man jeden einzelnen Klub einfach nur lieben kann
Foto: RHR-Foto/imago
Von Alina Schwermer, Johannes Kopp und Ruth Lang Fuentes
FC Bayern: Für viele Fans ein schwieriger Fall. Doch der kluge Vincent Kompany ringt selbst eingefleischten Hatern Gefühle ab. Fußball zum Dahinschmelzen, es gibt die Götter Kane und Olise, und Bayern kann jetzt sogar Rassismuskritik. Ja, selten war der FCB so liebenswert!
Borussia Dortmund: Echte Liebe fühlt Dortmund für die neuen Griechen Karetsas und Konstantelias. Niemand erweitert den Ligahorizont so wie der BVB. Im unsteten Geschäft ist dieser Klub eine Konstante: ewig junge Wunderstars, ewig Klopp-Nostalgie und Mentalitätsdings. Die beste Unterhaltung der Liga!
RB Leipzig: Der Klub, den Fans zu hassen lieben. Doch die Dummheiten der letzten Jahre haben Leipzig nahbarer gemacht. Sie zeigen: Geld kauft keine Titel (außer bisschen Pokal), Anti-Ballbesitzfußball kann nix. Und manchmal sieht man hier sogar Kicker zum Verlieben. Warum ist Diomande schon weg?
VfB Stuttgart: Wenige Klubs können aktuell so viel Fußballromantik wie Stuttgart. Dank herausragender Arbeit in die Champions League, Stars-wie-du-und-ich wie Undav und Leweling, intern fast cheezy Harmonie. Der Klub, für den alle ein bisschen Herz entdecken.
TSG Hoffenheim: Die wahre Größe der Hoffenheimer liegt im Stoizismus. Während bei der TSG Machtkampf und Chaos toben, wird einfach weitergekickt. Und das gar nicht mal schlecht. Ein schwer korrektes Team. Jetzt braucht es nur noch ein bisschen Liebe.
Bayer 04 Leverkusen: Die Werkself – was für eine coole Bezeichnung, auch wenn sie nicht mehr richtig der Realität entspricht – ist die einzige Mannschaft, die es in den letzten 14 Jahren geschafft hat, den FC Bayern München von Platz 1 zu kicken. Wenn das nicht Grund genug ist, diesen Verein trotz des bösen Konzerns wenigstens ein bisschen zu lieben!
SC Freiburg: Ja, am Ende konnten sie gegen Aston Villa nicht mehr mithalten, aber was für ein krasser Erfolg war das trotzdem, bitte? Europa-League-Finale für den bodenständigen Verein aus dem Badnerland. Dem finanziell stabilsten Verein der Liga, der sich über Jahre langsam, aber solide an die Spitze arbeitet. Ohne Investor. Das ist wahrer Fußball.
Eintracht Frankfurt: Zuerst hat sie Nathaniel Brown verlassen. Und dann noch die 7:0-Niederlage im letzten Testspiel gegen den FC Brentford! Die SGE-Generalprobe ist schon mal komplett misslungen. Aber heißt es nicht, dass eine schlechte Generalprobe eine großartige Premiere verspricht? Bei der Eintracht ist alles möglich, das macht sie ja so sympathisch.
FC Augsburg: Sie haben wirklich die schönsten Trikots der Liga, das muss man ihnen lassen. Mit einer Typo, die darauf hinweist, dass die Stadt mal Augusta Vindelicum hieß statt Augschburg. Anyway, seit dem Aufstieg in die 1. Liga vor 15 Jahren hält sich der FCA stabil irgendwo im unteren Mittelfeld. Und vergangene Saison waren die Schwaben die einzigen, die die Bayern bezwingen konnten. Muss man mögen.
1. FSV Mainz 05: Was ist das für ein Verein? Bei dem der neue Bundestrainer seine Karriere als Spieler beendete und eine erfolgreiche als Trainer startete? Auf jeden Fall ein Karnevalsverein! Und zwar selbsternannt. Man versteht zwar nicht immer, was die Fans da so singen, aber sie saufen viel und sind meist gutgelaunt. Darauf ein dreifach donnerndes: „Helau! Helau! Helau!“
1. FC Union Berlin: Vielleicht liebt sich in der Liga kein Verein so sehr selbst wie Union. Nur mit der Gegenliebe hat es nicht so recht geklappt. Wenn bislang über hässlichen Zerstörerfußball geklagt wurde, war meist Union beteiligt. Mit dem neuen Trainer Mauro Lustrinelli soll nun attraktiver Fußball gespielt werden. Da gehen gewiss reihenweise die Herzen auf.
Borussia Mönchengladbach: Die Gefühle der Borussia-Fans sind zuletzt wieder vor harte Prüfungen gestellt worden. Zu passiv, mut- und ideenlos trat das Team auf. Was derzeit den Fans Hoffnung macht, ist eher recht unkonkret: Gefühlt kann es doch eigentlich nur besser werden. Die Klubführung verkündete, mittel- und langfristig wolle man wieder ein Topklub werden. Man muss den Klub einfach liebhaben!
Hamburger SV: Ein gestandener Bundesligist würde man künftig gern einmal sein. Süß! Auf diesem Weg trifft der HSV unorthodoxe Entscheidungen. Kathleen Krüger, die langjährige Teammanagerin des FC Bayern, wurde als Sportdirektorin geholt. Chapeau! Die Emotionen der Fans werden gewiss im September in Wallung kommen, wenn der vier Jahre lang dopinggesperrte Mario Vuskovic ins Training zurückkehrt. Einfach nur herzig!
1. FC Köln: Dieser Verein wird auch diese Saison jede Menge Jeföhle auslösen – sogar religiöse. Die Fanandacht im Kölner Dom war vergangene Woche wie immer bestens mit Menschen im Vereinstrikot besucht. Werden die ersten beiden Spiele gewonnen, wird unweigerlich dieses Jeföhl aufkommen, es könnte doch dieses Mal für ganz oben reichen, zumal Liebling Said El Mala verlängert hat. Das wird bestimmt toll werden!
Werder Bremen: Wann wird alles wieder so schön wie früher? An der Weser holt man sich leihweise die Vergangenheit zurück. Die einst bei Werder spielenden Stürmer Niclas Füllkrug und Eren Dinkci wurden für diese Saison ausgeborgt. Nostalgie wird bei Werder sowieso großgeschrieben. In die Vergangenheit dieses Klubs kann man oder frau sich leicht verlieben.
FC Schalke 04: Die Liga kann sich nur freuen auf diesen Verein. Egal wie schlecht die Elf von Trainer Miron Muslic spielt, die Fans werden deutschlandweit nicht nur den Gästeblock füllen. Mehr erfolgsunabhängige Liebe kann es kaum geben. Selbst einen erneuten Abstieg würde keiner verpassen wollen. Das rührt doch jedes Herz.
SV Elversberg: Wer hätte es gedacht? Okay, Präsident Frank Holzer hat da mit seinem Pharmaunternehmen auch einiges Geld reingepumpt, aber ein bisschen cooler Underdogstatus bleibt dem Verein trotzdem. Zum Beispiel hat er mehr Mitglieder als die Gemeinde Einwohner. Und ins Stadion würden die auch fast alle passen. Das Saarland ist jetzt in der Bundesliga vertreten, das kann man doch mal feiern!
SC Paderborn: Wer das Fußballmärchen dieser Saison schreiben könnte? Co-Aufsteiger Schalke und Elversberg taugen nicht recht als Underdogs. Aber Paderborn! Mit limitierten Mitteln Bundesliga, dazu mutig und oft mit fußballerischem Anspruch statt bloß Maloche – wer das nicht liebt, hat ein Herz aus Stein.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen