Fußball-Bundesliga: Das große Ziel, Zweiter zu werden
Vor dem Jahresauftaktspiel gegen Eintracht Frankfurt wird bei Borussia Dortmund diskutiert: Wie viel Potenzial hat das Team international?
So ein Tabellenbild kann reichlich trügerisch sein nach 15 Spieltagen, zumal sich in der laufenden Bundesligasaison ein spannender Wettbewerb entwickelt hat – hinter den enteilten Bayern. Innerhalb von zwei Spieltagen kann sich viel ändern im derzeit spannendsten Segment des Tableaus, in dem am Freitagabend zum Jahresauftakt der Liga Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund direkt aufeinandertreffen.
Der zweite Platz des BVB repräsentiert demnach kaum mehr als einen angenehmen Moment, und dennoch fehlt derzeit in kaum einem Gespräch der Dortmunder Protagonisten der Hinweis aufs Tabellenbild. „Wir sind nicht zu 100 Prozent zufrieden, aber wir haben einen Riesenschritt gemacht: Platz zwei, viele gute Ergebnisse, viele Statistiken, die für uns sprechen“, sagt beispielsweise der Sportdirektor Sebastian Kehl im Trainingslager in Marbella. Emre Can, der Kapitän, fragt sich in einem Interview bei „Sky“ sogar, ob der BVB jemals eine derart erfolgreiche Hinserie gespielt habe.
Dass noch vor dem 2:0 gegen Borussia Mönchengladbach zum Abschluss des vergangenen Jahres der Absturz aus den Champions-League-Rängen drohte, ist vergessen. Genau wie der Umstand, dass in den vier Wochen vor Weihnachten mächtig gestritten wurde. „Borussia Dortmund hat halt Ecken und Kanten, und wir haben noch nie versucht, diese Kanten abzuschleifen“, sagt Carsten Cramer, der den zurückgetretenen Klubchef als Sprecher der Geschäftsführung beerbt hat.
Im Spätherbst gab es einen Eklat um Serhou Guirassy, der trotz schwacher Leistung in Leverkusen beleidigt gegen eine Auswechslung rebelliert hatte, ähnlich wie Karim Adeyemi, der auch noch versucht hatte, einen Strafbefehl gegen seine Person wegen illegalen Waffenbesitzes zu vertuschen. Abwehrchef Nico Schlotterbeck hatte öffentlich Mitspieler kritisiert („Die Spieler, die reinkommen, verlieren jeden Ball“).
Lange Zeit nicht ordentlich aufgearbeitete Missbrauchsvorwürfe gegen einen ehemaligen Mitarbeiter belasten den Verein, genau wie ein von Intrigen begleiteter Wahlkampf ums Präsidentenamt. Kurz vor Weihnachten wurde der langjährige Kommunikationschef Sascha Fligge entlassen, und Matthias Sammer, der externe Berater der Geschäftsführung, ist offenbar autorisiert, öffentlich und in großer Deutlichkeit auf Schwächen der Klubführung hinzuweisen.
Teile der Klubführung seien „harmoniesüchtig“, hat Sammer erklärt, und damit wohl zuallererst die Arbeit von Sportdirektor Sebastian Kehl gemeint. Dass der neue Klubchef Cramer solche Aussagen begrüßt, zeigt, dass Sammers Kritik am internen Umgang mit den vielen Konflikten auf fruchtbaren Boden fällt. Wobei Cramer für 2026 auch den Vorsatz formuliert, „die Stärken in den Vordergrund zu stellen“. Im Subtext heißt das: weniger zu streiten, zumindest öffentlich. Sichtbar geworden ist nämlich ein innerer Widerspruch im Dortmunder Unternehmenskonstrukt.
Solidarität gegen Erfolgsbesessenheit
Historisch entstammt der Klub dem Geist des Ruhrgebiets, wo der Zusammenhalt jenseits aller Zerwürfnisse über allem anderen steht. Dieses ursprüngliche Bedürfnis nach Solidarität trifft auf die Erfolgsbesessenheit von Leuten wie Sammer oder Schlotterbeck. Dazwischen bewegen sich Typen wie Adeyemi und Guirassy, die das Gemeinschaftsprojekt mitunter aus den Augen verlieren, die aber irgendwie mitgenommen werden müssen, weil ihre Fähigkeiten unverzichtbar sind.
An dieser Stelle zeigt sich, wie wertvoll die Fähigkeiten von Niko Kovac sind. Mit großer Gelassenheit hat sich der Trainer als ausgleichende Kraft zwischen allen Interessen, Konflikten und Widersprüchen profiliert. Vor allen Dingen aber hat er eine Stabilität entstehen lassen, die es lange nicht gab beim BVB.
In der Bundesliga hat das Team nur die Partie beim FC Bayern verloren, und die Defensive hat während der bisherigen 15 Partien nur 12 Gegentreffer zugelassen. Außerdem gelingt es dem Trainerteam erstaunlich gut, die Belastung so zu dosieren, dass die Zahl der Verletzten erheblich geringer ist als in früheren Jahren. „Ich habe den Eindruck, dass wir als BVB ganz ordentlich aufgestellt und gut vorbereitet sind für das, was uns in den nächsten Wochen und Monaten erwartet“, sagt Cramer daher.
Noch hoffen die Dortmunder zwar, dass Nico Schlotterbeck seinen Vertrag verlängert, wahrscheinlicher ist aber, dass der Nationalspieler den nächsten Karriereschritt bei einem größeren Klub anstrebt. Diskutiert wird die Frage, ob es Optimierungspotenziale auf der Position des Sportdirektors Kehl gibt. Teile des Kaders wirken überteuert und seit der Verpflichtung von Jude Bellingham vor fünfeinhalb Jahren ist es nicht mehr gelungen, ein Talent mit Weltstarpotenzial an den BVB zu binden.
Das Geschäftsmodell mit sehr großen Transfergewinnen funktioniert derzeit in Frankfurt und Leverkusen besser als in Dortmund. Der BVB muss derzeit mächtig um die Rolle als deutsche Nummer zwei hinter den Münchnern kämpfen, auch deshalb ist die Momentaufnahme mit dem zweiten Tabellenplatz emotional von solch großer Bedeutung.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert