Fünf Jahre Gezi-Bewegung: „Nichts wird, wie es einmal war“

Aus einer Demo im Istanbuler Gezi-Park wurde ein landesweiter Protest. Es gab Verletzte und Tote. Erdal Sarıkaya verlor dabei ein Auge.

Sarıkaya: „Würde sich dieser Tag wiederholen, wäre ich wieder dort.“ Foto: Selin Asker

Strahlende Sonne in Istanbul, der Gezi-Park ist voll mit Menschen. Sie sitzen auf Parkbänken oder auf dem Rasen und genießen das schöne Wetter. Die Bäume, um die es 2013 bei den Gezi-Protesten ging, stehen noch – und recken ihre Zweige gen Himmel. Erdal Sarıkaya betritt langsamen Schrittes den Park. Hin und wieder richtet er seine Brille – man merkt, dass ihm diese Bewegung fremd ist. „Früher konnte ich die Vögel am Himmel sehen“, sagt er und lächelt. Sarıkaya, 40 Jahre alt, ist Vater von zwei kleinen Kindern. Sein Sohn und seine Tochter wissen noch nicht, dass er sein rechtes Auge verloren hat. Und weil die Sehkraft im linken Auge beginnt, nachzulassen, trägt er eine Brille.

Die vergangenen Jahre waren nicht einfach für Sarıkaya, der seiner Frau und Familie sehr dankbar ist. „Wie ein Fels standen sie an meiner Seite. Ohne ihre Unterstützung hätte ich es nicht geschafft.“ Seinen Kindern will er von seinem Sehverlust erst erzählen, wenn sie alt genug sind. Es fällt ihm nicht leicht, über die Ereignisse zu sprechen. Die Erinnerungen lassen ihn zögern, doch dann fängt er sich und setzt an: „Würde sich dieser Tag wiederholen, wäre ich wieder dort.“

Tränengas in der Luft

Es passierte in der Nacht des 11. Juni 2013 – seit knapp zwei Wochen protestieren Menschen im Gezi-Park, zuerst gegen die Abholzung der Parkbäume, später gegen das bestehende politische System. Erdal Sarıkaya arbeitet zu dieser Zeit für eine private Sicherheitsfirma, die fußläufig vom Taksim-Platz entfernt ist. Er bekommt einen Anruf von seinem Vater: „Dein Bruder ist im Gezi-Park, wir können ihn nicht erreichen.“ Sarıkaya ist in Sorge und verlässt hastig seinen Arbeitsplatz. Er rennt zum Taksim-Platz. Als er sich dem Gezi-Park nähert, verschärft sich der Geruch von Tränengas in der Luft.

Zwischen Plastikgeschossen, Wasserwerfern und Gasbomben findet Sarıkaya seinen Bruder. Der Widerstand dauert an, er beschließt mit seinem Bruder, im Park zu bleiben. Je weiter die Nacht voranschreitet, desto härter greift die Polizei durch. Sarıkaya sieht Verletzte vor den Barrikaden und eilt zu ihnen, um zu helfen. Dann hört er nur noch einen schrillen Knall und schreit: „Ich wurde getroffen“.

Mit den unvergesslichen Bildern jähren sich in diesem Jahr die Gezi-Proteste zum fünften Mal. Alles begann damit, dass am 27. Mai 2013 Arbeitsmaschinen in den Park fuhren, um dort Bäume zu fällen. Umweltaktivisten protestierten im Park, die Polizei reagierte mit unverhältnismäßiger Gewalt, was wiederum dazu führte, dass sich nicht nur im Gezi-Park, sondern in der gesamten Türkei Menschen sich dem Protest anschlossen. In 80 Städten skandierten Aktivisten „Überall ist Taksim, überall ist Widerstand“.

„Ich war voller Blut“

Bei den landesweiten Demonstrationen starben insgesamt 12 Menschen, davon ein Polizist im Dienst. Fast 8.000 Menschen wurden verletzt. Dutzende Menschen verloren infolge von Verletzungen durch Tränengaspatronen oder Plastikgeschosse ihr Augenlicht. 28 Journalist*innen der nationalen und internationalen Presse wurden während ihrer Arbeit vor Ort verletzt. Fünf Jahre sind seitdem vergangen und der Taksim-Platz ist immer noch für Massenveranstaltungen gesperrt.

Sarıkaya erinnert sich noch genau an den Moment seiner Verletzung: „Ich war voller Blut. Dabei habe ich nicht einen Kieselstein nach einem Polizisten geworfen.“ Mit einem Rettungswagen wurde er in ein Krankenhaus gefahren, von dort in ein anderes, weil er im ersten wegen Überfüllung nicht angenommen wurde. Erst dort erfuhr er, dass er ein Auge verloren hatte. „Bevor ich in den Operationssaal gebracht wurde, schrie meine Mutter den Arzt an: ‚Ich habe genug gesehen, nehmen Sie mein Auge und geben Sie es meinem Sohn.‘ Ich kann ihren Klageruf bis heute nicht vergessen“, sagt er.

Im Juni wird er zum siebenten Mal operiert. Eine Folge der Augenverletzung sind Gleichgewichtsprobleme. „Die Zerstörung ist so groß, dass die Prothese nicht richtig passt. Das beeinträchtigt auch mein anderes Auge. Ich bin bis an mein Lebensende auf Medikamente angewiesen. Nur, um mein linkes Auge zu behalten“, so Sarıkaya.

Kampf um Gerechtigkeit

Seit fünf Jahren bemüht er sich vor Gericht um die Verurteilung des Polizisten, der ihn verletzt hat und laut einem Report des Kriminalbüros bekannt ist. Doch die Gerichte ziehen die Verhandlungen von Verletzten oder von Familien, deren Angehörige bei den Protesten verstorben sind, künstlich in die Länge. Am Ende fällen sie Urteile, die weder die Familien noch die Öffentlichkeit zufriedenstellen. Demonstrierende hingegen wurden in Fluggeschwindigkeit verurteilt. „Bin ich im Unrecht?“, fragt sich Sarıkaya.

Sechs Mal wurde seit dem Beginn von Sarıkayas Prozess der zuständige Staatsanwalt ausgetauscht. Mit der Begründung, dass ein „aktiver Prozess nicht möglich sei“, wandte er sich schließlich an das Verfassungsgericht. Aber auch diese Anfrage blieb bis jetzt ergebnislos. „Niemand kann den Polizisten den Prozess machen. Die Täter sollen unbekannt bleiben. Mit meiner Anfrage beim Verfassungsgericht wurde die Akte wenigstens nicht ad acta gelegt – der Prozess geht trotzdem nicht weiter. Im Recht zu sein, war noch nie so schwer“, sagt Sarıkaya. Trotz allem habe er das Ganze niemals bereut: „Hätte ich mein Auge in einem gewöhnlichen Streit verloren, wäre ich traurig. Es macht mich stolz, dass es nicht so war.“

Licht folgt auf Dunkelheit

Auf den fünften Jahrestag der Gezi-Proteste angesprochen, wird Sarıkaya emotional. Er deutet auf die Bäume und sagt: „Jeder Baum hier symbolisiert für uns einen Glauben, eine Sprache, eine Kultur und eine Lebensweisheit. Weder werden wir aufgeben, noch werden sie gewinnen. Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten. Alles Gute zum fünften Jahrestag.“

Gezi ist ein Ereignis, das tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen hat. Seitdem passierte viel: Präsidentschafts- und Parlamentswahlen und ein Referendum wurden abgehalten, ein Militärputsch scheiterte. Der Ausnahmezustand hält seit 2016 an. Menschen können wegen eines Beitrags in einem sozialen Netzwerk verhaftet werden. Nächsten Monat finden Präsidentschaftswahlen statt, alle Aufmerksamkeit gilt diesen Wahlen. Jeder Kandidat, der Erdoğan Konkurrenz machen könnte, genießt die Sympathie der Opposition. Wie es nach dem 24. Juni weitergeht, ist ungewiss. Doch in den Köpfen geistert ein Satz, der noch aus Zeiten von Gezi stammt: „Nichts wird, wie es einmal war.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Das finden Sie gut? Bereits 5 Euro monatlich helfen, taz.de auch weiterhin frei zugänglich zu halten. Für alle.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de