Führender bei der Tour de France: Jung, mutig, schnell

Der slowenische Radprofi Tadej Pogacar trägt das Gelbe Trikot bei der Tour de France. Mit seiner Risikolust steht er für eine neue Generation.

Zwei Radsportler fahren eine Serpentinenstraße hinab

Schnell und in Gelb: Tadej Pogacar auf einer Pyrenäenstraße Foto: Stephane Mahe/Tour de France/rtr

Tadej Pogacar prägt diese Tour de France. Der junge Slowene verdankt dies aber nicht der erdrückenden Übermacht seines Teams UAE Team Emirates, sondern seiner individuellen Überlegenheit und seinem Mut zur Offensive. Brüder im Geiste fand er in den Tourdebütanten Mathieu van der Poel und Jonas Vingegaard.

Die Tour de France mag vorentschieden sein. Mit mehr als fünf Minuten Vorsprung geht Pogacar in die dritte Woche dieser Frankreichrundfahrt. Nicht einmal Chris Froome war so überlegen wie Pogacar jetzt. Nur Lance Armstrong hatte in den Nullerjahren einen ähnlichen Vorsprung. In den vergangenen Jahren aber war es immer knapper zugegangen: 2020 führte Primoz Roglic zu Beginn der letzten Tourwoche mit nur 40 Sekunden vor dem späteren Sieger Pogacar. 2019 lag Julian Alaphilippe mit 1:35 vor Geraint Thomas. Der spätere Sieger Egan Bernal folgte eine knappe halbe Minute später.

Aus dem Zahlenwerk auf Langeweile zu schließen, ist aber völlig fehl am Platz. Denn Pogacar holte seinen Vorsprung im Attackemodus heraus. In der Eiseskälte der Alpen, als vielen Profis allein beim Schalten die Finger einzufrieren drohten, fuhr er sich mit einer Soloattacke über mehr als 30 Kilometer warm. 3:20 Minuten Vorsprung hatte er am Ende. Lohn war das Gelbe Trikot, das ihm seitdem niemand streitig macht.

Seine Vormachtstellung unterstrich er am Folgetag mit einem kürzeren Soloritt zum Skiort Tignes. Seitdem musste er nur einen einzigen Gegenschlag einstecken: Am Mont Ventoux fuhr ihm Jonas Vingegaard davon. Der Däne, vor vier Jahren noch Teilzeitarbeiter in einer Fischfabrik, ließ auf dem Berg den Slowenen so stehen, wie der sonst die anderen stehen ließ. „Am Ventoux bin ich an mein Limit gekommen, ich musste sogar über mein Limit gehen“, gab Pogacar am zweiten Ruhetag der Tour zu.

Das war die eine Schlüsselszene dieser Tour, bislang. Sie zeigte: Pogacar ist durch mutige Attacken durchaus zu erschüttern. Die zweite Schlüsselszene spielte sich am Anfang der 8. Etappe ab, lange vor dem formidablen Angriff des Slowenen. Da sah man ihn in ein Gespräch mit Mathieu van der Poel vertieft.

Krönungsabsprache über das Gelbe Trikot

Der Niederländer, Enkel des in Frankreich ungemein beliebten Raymond Poulidor, trug da noch Gelb. Er hatte es mit einer famosen Doppelattacke auf der Mûr-de-Bretagne erobert und mit einem in letzter Minute angelieferten Satz aerodynamischer Laufräder im Zeitfahren sowie der Beteiligung an einer Massenflucht verteidigt. Van der Poel war die prägende Figur der ersten Tourwoche.

In diesem Gespräch zu Beginn der 8. Etappe soll van der Poel zu Pogacar gesagt haben: „Sollte ich heute das Gelbe Trikot verlieren, wäre es mir am liebsten, wenn du es bekämst.“ So erzählte es Pogacar jedenfalls später.

Es war eine Art Krönungsabsprache zwischen zweien, die den Angriff suchen, die das Spektakel wollen. Die Mentalität dieser beiden Leitfiguren hat sich auch auf das gesamte Peloton übertragen. Noch nie war es so schwer wie in diesem Jahr, in eine Fluchtgruppe zu kommen. „Ich trete Wattzahlen, mit denen ich früher das Peloton kaputt fuhr. Hier fahre ich einer Gruppe von 70 Mann in 100 Metern Abstand hinterher“, klagte Thomas de Gendt, Ausreißerkönig der letzten Jahre.

„Mit 36 Jahren kann man eben nicht mehr zulegen“, spottete Matt White, Teamchef von BikeExchange, aber der Australier sah ebenfalls ein generell höheres Niveau im Feld als noch im letzten Jahr. „Das liegt ganz klar an den vielen jungen Fahrern, die ins Feld kommen. Sie sind stark, gut ausgebildet und sie haben keinen Respekt“, meint er.

Die mangelnde Ehrfurcht habe einerseits erhöhtes Sturzrisiko zur Folge, betont White. Andererseits wird durch all die Jagden das Tempo extrem hoch. Mit einem Schnitt von mehr als 41 km/h wird sogar Kurs auf die Allzeitbestleistung des Siegers von 2005, Lance Armstrong, genommen. Der wurde später disqualifiziert, seine Zeit ist aber eine Benchmark.

Diese Nähe zu Armstrong sorgt für Skepsis. Als „Pogastrong“ bezeichnet schon der Dopinganalytiker Antoine Vayer den Slowenen. Dessen Performance auf der 8. Etappe bleibt im Vergleich mit den Leistungen zur Konkurrenz aber erklärbar. „Pogacar macht es anders als die Tourfavoriten früher“, analysiert White. „Die warteten lange, attackierten erst am letzten Berg. Pogacar greift aber schon am vorletzten Berg an. So kann er größere Abstände herausfahren. Er geht auch tiefer in den roten Bereich hinein, während die anderen sich noch Reserven aufsparen. Pogacar hat einfach Mut!“

Zu schlagen ist er wohl nur im eigenen Stil – ganz so, wie es Vingegaard am Mont Ventoux versuchte.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de