Freiheit im Urlaub: Kackt nicht auf den Rasen!

Man sagt ja immer, es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. Tür auf und raus, lasst die Kinder mal machen. So läuft es im Sommerurlaub.

Ein Pferd zeigt seine Nüstern

„Jürni“ – hehe Foto: Sabine Brose/galoppfoto/imago images

Jürni. So nennt mich meine kleine Tochter jetzt. Nicht Papa, nicht Vati, nein, Jürni. Seit wir im Urlaub sind, geht das so. „Jürni, weißt du wie mein Pferd heißt?“ – „Äh, nein.“ – „Blitz Felice.“ – „Aha, hieß es gestern nicht noch Hanna?“ – „Ja, es heißt jetzt Hanna Blitz Felice.“

Im Gegensatz zum Pferd hab ich es mit der Namensgebung also noch gut getroffen. Trotzdem: Es stört mich. Nicht, dass sie mich mit Vornamen anspricht. Das finde ich in Ordnung. Ich hab meine Eltern auch beim Vornamen genannt. Was viele – wie ich später erfuhr – verstörend fanden. Aber so war es halt. Es kam einfach so. Mein Bruder, meine Schwestern, ich, alle haben das gemacht.

Aber: Jürni?!? Was ist das für ein Name für einen gestandenen Vater wie mich? Der seinen Urlaub damit verbringt, mit aller Kraft die Terrasse zu schleifen, zu streichen, Löcher zu bohren, Bretter zu sägen, Schränke und Treppen zu reparieren. Niemand sonst nennt mich Jürni. Ich bin nicht der Typ „Jürni“. Die, die mir nahe stehen (Ehefrau, Eltern, enge Freunde) nennen mich selbstverständlich „Kruse“. Na gut, Ehefrau und Eltern nicht. Meine Mutter nennt mich „Heinrich“, aber das ist ’ne andere Geschichte.

Aber für Tochter zwei bin ich jetzt Jürni. Sie muss sich das bei irgendwem aus der nahen Verwandtschaft abgehört haben. Mit denen sind oder besser waren wir hier im Ferienhaus. Und so lernen die beiden bei der einen Tante das und bei der anderen was anderes, und mit dem Cousin machen sie dieses und bei dieser Cousine jenes. Und sie klettern den Hügel hoch und gehen runter zum See und dort springt Tochter eins beim frühmorgendlichen Schwimmen um kurz nach 6 Uhr als Erste ins Wasser. Einfach so.

Lasst die Kinder mal machen

Todesmutig. Einmal den kleinen Zeh reingehalten, „uuh, kalt“ gesagt, mit den Schultern gezuckt, na ja, was soll’s – und mit einem Grätschsprung rein. Und wir Erwachsenen stehen auf dem Steg und denken immer noch nur: „uuh kalt“. Man sagt ja immer, es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen. Und ich glaube, dass das nicht nur auf die Menschen bezogen werden kann, sondern auch auf den Grad der Bewegungsfreiheit: Tür auf und raus, lasst die Kinder mal machen. So läuft es im Sommerurlaub.

Und ich habe das Gefühl, dass das gerade für unsere zweite Tochter mit ihren Gendefekten und dem daraus resultierenden schwachen Muskeltonus viele, viele Stunden Ergotherapie ersetzt. Sie kann hier mitten im Wald einfach machen. Alles. Denn bis auf die Regeln „Nicht alleine an den See“, „Die Kleine darf nicht ohne Schwimmflügel auf den Steg“ und „Kackt nicht auf den Rasen“ gibt es eigentlich keine Regeln.

Es ist der größtmögliche Kontrast zum Berliner Alltag. Für ein paar Wochen sollen die Kinder es möglichst so haben, wie sie es sich wünschen (auch weil es hier kaum Unterhaltungselektronik gibt, haha). Da muss ich mich dann auch „Jürni“ nennen lassen. Ist schon okay. Solange das sonst niemand macht.

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Ist heute: Redaktionsleiter bei Übermedien und freier Autor. War mal: Leiter des Ressorts tazzwei bei der taz. Davor: Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig studiert. Dazwischen: Gelernt an der Axel Springer Akademie in Berlin.

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