Freiburg gegen Maccabi Tel Aviv: Wer zu Gewalt schweigt, legitimiert sie
Zu Partien wie Maccabi Tel Aviv in der Europa League gegen Freiburg gibt es überregional kaum Kritik. Das ist gefährlich und mutlos.
I n der Freiburger Stadtgesellschaft, ähnlich wie in Stuttgart, hinterlässt die Partie in der Europa League gegen Maccabi Tel Aviv Spuren: ein kaum da gewesenes Polizeiaufgebot, ein Fanboykott wegen repressiver Maßnahmen, darunter Bannerverbote, eine Petition gegen Israel. Doch im Rest der Republik bleibt es um die Partien bemerkenswert still. Sie finden lediglich als Sicherheitsfrage statt, vor allem in Bezug auf Antisemitismus. Zu Israels Verbrechen gegen die Palästinenser:innen verweigern die Klubs zudem jeden Diskurs.
NGOs wie Amnesty International stufen Israels Vorgehen gegen Gaza im Nachgang des Hamas-Massakers vom 7. Oktober auch derzeit als Völkermord ein. Allein mindestens 400 Menschen, davon hundert Kinder, wurden laut Unicef seit dem Waffenstillstand getötet, die rechtswidrige Blockade hält an. Das ist keine Randnotiz. Deutschland hat eine juristische Pflicht, Völkermorde zu verhindern und diplomatischen Druck auszuüben. Die schon viel länger bestehenden Annexionen, Morde und Vertreibungen im Westjordanland gehen konsequent weiter, und systematische Folter gegen Palästinenser:innen ist gut dokumentiert.
Der deutsche Fußball aber schweigt nicht nur. Mit Bannerverboten außerhalb der Kurve, die klar gegen palästinasolidarische Statements gerichtet sind, sowie der Einladung des Bürgermeisters von Tel Aviv legitimiert und stützt er dieses System. Auch die sonst meinungsstarken lokalen Ultras haben zum Thema nichts zu sagen. Und als Maccabi-Fans gegen Stuttgart etwa „Tod den Arabern“ sangen, gab es in deutschen Medien kaum Nachhall. Was wäre zu Recht los gewesen, hätten hier Araber „Tod den Juden“ gesungen?
All das ist natürlich nicht überraschend. Dass Menschenrechte als performative Erzählung gegen rivalisierende Mächte oder für eigene Interessen dienen und bei Verbündeten herzlich egal sind, ist ausreichend analysiert. Auf den deutschen Staat oder die nationalen Verbände ist kein Verlass. Aber der Rest der Öffentlichkeit muss laut werden.
Protest vor Ort oft wirkmächtiger
Wie eine wirksame Strategie zu den Partien aussehen kann, ist eine komplexere Frage. Die palästinasolidarische Bewegung fordert gern einen Sportboykott gegen Israel. Dafür gibt es moralisch gute Argumente. Doch der Sport mit seinen Pyramidenstrukturen und teils milliardenschweren Weltkonzernen ist nicht der Kulturbetrieb – Boykotte sind strukturell kaum langfristig durchsetzbar, daher meist unwirksam und beinhalten oft problematische Kollektivstrafen. Außerdem müsste bei gleichen Maßstäben eine unpraktikable Menge an Ländern ausgeschlossen werden, denn anders, als mancher Palästinafreund suggeriert, gibt es schwere Menschenrechtsverbrechen nicht nur in Israel.
Protest vor Ort war in der Sportgeschichte oft ikonisch und wirkmächtig, während Abwesenheit schnell in Vergessenheit geriet. Gegenwehr kann beinhalten: Fanproteste, Spielerproteste, Druck durch Klubs, Gedenkminuten, Nicht-Einladung israelischer Politiker:innen, Spenden der Spieleinnahmen für Gaza wie in Norwegen. Klubs sollten sich nicht nur richtigerweise von Organisationen gegen Antisemitismus beraten lassen, sondern auch von palästinasolidarischen Organisationen sowie unabhängigen NGOs. Wer an die Kraft unabhängiger Sanktionsinstitutionen glaubt, mag sich für eine solche auch im Sport einsetzen. Nicht zuletzt gibt es viele Möglichkeiten finanzieller Sanktionen gegen Israels Sport.
All das drängt. Angesichts des globalen Rechtsrucks muss der Sport – ob beim Thema USA, Russland, Israel, Golf-Autokratien oder vor der eigenen Haustür – endlich kluge Strategien entwickeln, ohne sich in emotionalisierten Boykottdebatten zu verlieren. Das schulden wir nicht nur den Opfern. Gewalt macht auch etwas mit Täter:innen. Eine Gesellschaft, die bestimmte Gewalt nicht thematisiert, normalisiert sie. Und hochmilitarisierte Spiele mit eingeschränkter Meinungsäußerung sind eine gefährliche Vorlage für die Zukunft.
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