Freerider über Angst und Freude

„Ich bin schon gern in der Luft“

Turnen ist gefährlicher als Freeriding, sagt Felix Wiemers, der beides professionell betreibt. Angst bereitet ihm nur die Vorstellung, dass sein Extremsport olympisch wird.

Abwärts: Freeride hoch über Innsbruck. Bild: reuters

taz: Herr Wiemers, wenn man mit der Gondel zum Dachsteingletscher hochfährt, sieht man, obwohl der Berg ein extremes Gefälle hat, dort Skispuren. Wie kann man so eine Fahrt überleben?

Felix Wiemers: Derjenige, der da heruntergefahren ist, hat das sicher nicht zum ersten Mal gemacht. Es ist wie in jedem Sport. Man steigert den Schwierigkeitsgrad.

Aber irgendwann steht man doch ganz oben und blickt in die Schlucht. Geht einem da nicht die Muffe?

Angst sollte man nicht haben, aber Respekt. Aber es ist nicht so, dass wir oben stehen, uns abstoßen und dann schauen, was passiert. Das ist ja alles geplant. Wenn so ein Event stattfindet, ist am Tag vorher eine so genannte face inspection – eine genaue Besichtigung. Da stehen alle mit dem Fernglas da und schauen sich genau den Hang an.

Wie planbar ist das Risiko an einem Hang mit 65 Grad Gefälle?

Gerade bei den Contests ist es so, dass nicht gefahren wird, wenn Lawinengefahr besteht. Sicherheitsteams beobachten den Abhang über Wochen und machen Schneeproben. Außerdem haben die Fahrer ein Mitspracherecht.

Sie können ein Veto einlegen?

Ja, eine Fahrervertretung entscheidet mit. In dem Gremium sind Fahrer aus jeder Kategorie dabei.

Freeride World Tour: Der weltweit prestigeträchtigste Wettbewerb der Freerider wurde 2008 ins Leben gerufen. Alle Teilnehmer müssen Helm, Rückenprotektor sowie einen Rucksack mit der kompletten Lawinenrettungsausrüstung tragen, die aus einem Signalsendegerät, Schaufel und Sonde besteht.

Freeride World Tour 2015: 24. Januar: Chamonix-Mont-Blanc, Frankreich 31. Januar: Fieberbrunn Kitzbüheler Alpen, Österreich 14. Februar: Vallnord Arcalis, Andorra 14. März: Haines, Alaska 28. März: Verbier, Schweiz

Felix Wiemers: Der 26-Jährige ist dank einer Wildcard der einzige deutsche Teilnehmer der Freeride World Tour. Im Sommer geht der gebürtige Hesse für den KTV Obere Lahn in der Turn-Bundesliga an den Start.

Trotzdem kommt es zu schweren Unfällen. Bernd Schülke, ein deutscher Freerider der ersten Stunde, ist 2012 am Mont Blanc auf einer Privatfahrt tödlich verunglückt.

Vor allem wenn ich privat unterwegs bin und anspruchsvolle Hänge fahre, kann ich nicht zu 100 Prozent alle Gefahren abstellen. Aber das ist bei jedem Sport so.

Turnen, der Sport, den sie auch professionell betreiben, ist aber selten tödlich.

Aber querschnittsgelähmt sind einige. Die Zahlen sind da schlechter als beim Skifahren, würde ich behaupten.

Sind Sie ein Adrenalinjunkie?

Ich bin schon gern in der Luft. Das ist ein cooles Gefühl. Aber Adrenalinjunkie – das wäre übertrieben. Ich bin nicht so der Draufgänger.

Ihr Freeriding-Vorbild Shane McConkey hat seine Risikofreude mit dem Leben bezahlen müssen.

Er war einer der besten Skifahrer, die es je gab. Aber er hat es ein bisschen übertrieben.

Inwiefern?

Er ist mit Skiern abgefahren, von einer Klippe am Berg abgesprungen, um dann mit dem Wingsuit in der Luft zu gleiten. Aber eine Skibindung ist nicht aufgegangen. Er ist ins Trudeln gekommen und konnte den Fallschirm nicht mehr öffnen.

Haben Sie so etwas auch schon versucht?

Nein. Mit Skiern mich irgendwo runterzustürzen, um dann den Fallschirm zu ziehen? Nö, das würde ich nicht machen.

Weshalb ist ein Grenzgänger wie McConkey trotzdem Ihr Vorbild?

Er hat unseren Sport weitergebracht. Er hat mit den Rocker-Skiern, die nach vorn aufgebogen sind, angefangen. Die Skifirma hat sich anfangs geweigert, die Ski nach seinen Vorstellungen zu bauen. Er protestierte und ist einen extremen Hang in Alaska mit Wasserski gefahren, die genau diese Form hatten. Dann erst hat die Skifirma eingelenkt. Die Skier wurden ein großer Verkaufserfolg.

Die Freerider – was ist das für eine Szene?

Es gibt da sehr unterschiedliche Typen. Manche sondern sich gern ab, andere sind wiederum sehr gesellig. Wir sind häufig als große Gruppe unterwegs. Eine große Familie.

Sie sind auch in der Turner-Bundesliga aktiv. Was ist bei den Freeridern anders?

Punkte und Platzierungen sind nicht so wichtig. Beim Freeriding freut man sich auch für den anderen, wenn der einen richtig coolen Run runterbringt. Der Konkurrenzgedanke ist nicht so krass wie im Turnen.

Sie haben sich da einer ungewöhnlichen Kombination verschrieben: Turnen und Extremskifahren. Wie kommt das zusammen?

Das Turnen ist eine super Voraussetzung fürs Freeriding. Für das Körpergefühl, die Koordination und die Fitness. Was die mentale Wettkampfstärke angeht, profitiert man auch.

Inwiefern?

Es fällt mir relativ leicht, wenn ich oben am Start bin und mich auf die nächsten 60 Sekunden konzentrieren muss. Das ist bei einer Boden- oder Barrenübung nicht anders.

Was war die Initialzündung, dass sie in Freerideszene reingekommen sind?

Ich bin schon immer viel Ski gefahren. Irgendwann habe ich im Funpark Slopestyle ausprobiert. Nach und nach bin ich mehr im Gelände gefahren und habe gedacht, ich könnte mehr Contests im Gelände fahren. Ich habe das ohne große Erwartungen probiert. Das ist sicher nicht so der Klassiker, dass ein Hesse kommt und sagt, ich fahre einen Freeride-Contest.

Hat man Sie überhaupt ernst genommen?

Am Anfang vielleicht nicht so. Aber ich habe mich nicht so schlecht geschlagen und langsam nach oben gearbeitet. Vorletztes Jahr war super, ich bin nur knapp an der Qualifikation gescheitert. Dann habe ich aber eine Wildcard für die Tour bekommen. Das war natürlich saucool.

Kann man davon leben?

Zurzeit schon. Ich kann mir nicht Riesenkohle aufs Konto schaufeln, aber davon leben.

In der Szene wird exzessiv gefilmt. Die spektakulären Bilder kursieren in der Szene, auf Youtube und sogar im Kino.

Ja, Filme und Bilder sind ganz wichtig. Es ist toll, wenn man hinterher ein Ergebnis in der Hand halten kann. Und von den Bildern lebt unser Sport. Den Livestream von unseren Events gucken ja auch unfassbar viele Leute.

Wie viele?

Ich kenne die genauen Zahlen nicht. Aber diejenigen, die die Bilder sehen, wollen auch einsteigen. Mittlerweile kann man zu jeder Skischule gehen und einen Freeride-Kurs belegen.

Das führt aber auch dazu, dass sich viele bei ihren Imitationsversuchen überschätzen? Unfälle haben bei touristischen Fahrern zugenommen, auch Todesfälle werden berichtet.

Das liegt nur an den absoluten Zahlen. Es sind halt mehr Skifahrer in den Bergen unterwegs. Im Verhältnis sind die Unfälle aber nicht angestiegen. Auf der Piste passieren sogar prozentual mehr Unfälle im Vergleich zu den Freeridern.

Wie elitär ist Freeriding? Sie sind öfter mit dem Hubschrauber unterwegs?

Eigentlich nur zum Filmen. Bei unseren Wettbewerben sind wir immer zu Fuß unterwegs. Und wenn man im Training wirklich was Extremes fährt, läuft man schon auch mal vier Stunden für eine Abfahrt von 60 Sekunden.

Was müsste getan werden, damit Ihr Sport populärer wird?

Ein Berg hier in Berlin wäre schon einmal nicht schlecht …

Realistischer wäre es, dass Sie die World Tour gewinnen.

Das wär natürlich auch nicht schlecht.

Was fehlt Ihnen noch, um mit den Stars der Szene mitzuhalten?

Bei den Sprüngen und den Tricks bin ich gut dabei. Meine Runs dagegen müssten flüssiger werden. Ich muss noch mit mehr Selbstbewusstsein da runterfahren.

Es gab schon Gedankenspiele, dass die Sportart olympisch werden könnte. Eine reizvolle Perspektive?

Bei den Slopestylern ist das in Sotschi passiert. Die kommen ja aus der gleichen Richtung wie wir. Zum einen ist das für den Sport gerade medial eine Riesenchance. Aber ich selber könnte mir das fürs Freeriden nicht vorstellen.

Warum nicht?

Wegen der freundschaftlichen Stimmung unter den Fahrern. Das macht unseren Sport aus. Es gibt sogar Freerider, die sagen, zu unserem Sport passen auch keine Contests. Ein Wettbewerb soll vor allem Spaß machen und der Leistungsgedanke nicht im Vordergrund stehen.

Sie finden die Entwicklung bei den Slopestylern also abschreckend?

Beim Slopestyle hat man gemerkt, dass sich – sobald es olympisch war – die Verbände eingemischt haben. Die Freiheiten waren nicht mehr da. Und einige sagen heute: Es war nicht unbedingt nur gut für unseren Sport.

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