Frauen in der Bodybuilding-Szene

Unter den Starken die weiblichste

Muskeln bei Frauen sind jetzt angesagt. Sie präsentieren sie auf Bodybuilding-Wettbewerben und im Netz. Ist das ein Bruch mit Gendernormen? Nicht ganz.

Eine Frau steht in einem Gym vor einem Spiegel und schaut sich an

Wie ist das, den Körper durch hartes Training zu stählen? Monique Heckenthaler findet es super Foto: Sebastian Wells

Jede Muskelfaser ihres durchtrainierten Körpers ist angespannt. Monique Heckenthaler steht gerade, das rechte Bein leicht angewinkelt, die rechte Hand auf die Hüfte gestützt. Die Stränge ihrer Oberschenkelmuskeln treten hervor, die sechs Vierecke ihres Bauches, die Muskeln ihres Oberarms schimmern wegen der Bräunungscreme auf ihrer Haut. Ihr stark geschminktes Gesicht wirkt ebenso angespannt wie die Muskeln. Aber sie steht auch gerade vor mehreren hundert Menschen auf einer Bühne – und trägt nur einen hellblauen Glitzer-Bikini und High Heels.

Sie reckt den Arm in die Luft, schwingt dabei die Hüfte und zwinkert dem Publikum zu. Das applaudiert und pfeift, übertönt kurz den Eurodance-Track, der von der Bühne schallt. Dann dreht Monique Heckenthaler sich um. Ihr Tattoo ist zu sehen, eine Blumenranke, die sich über ihre Schultermuskeln ausbreitet. Kurz reckt sie den Hintern ein Stück vor, dann stellt sie sich zu vier anderen Frauen im Bikini, die auf der Bühne stehen – alles Kandidatinnen beim zweiten Internationalen Berlin Cup, einem Wettbewerb im Bodybuilding.

Zwölf Wochen intensives Training mit mehreren Besuchen im Fitnessstudio pro Tag und einer Diät streng nach Plan liegen hinter Heckenthaler. Die Athletin tritt in der Bikini-Klasse an – „die weiblichste“ Klasse, weil Frauen im Gegensatz zu der Figur- oder der Physique-Klasse dort zwar Muskeln haben, nicht aber ihre weibliche Statur verlieren sollen. Während es Frauenbodybuilding schon seit den siebziger Jahren gibt, wurde diese Klasse erst 2010 eingeführt, als Einstiegsklasse. Denn athletische Frauen gibt es immer mehr – auch außerhalb der Bodybuilding-Szene.

Auf YouTube geben Fitness-Bloggerinnen wie Sophia Thiel Tipps für den effektivsten Muskelaufbau. Ihr beliebtestes Video hat über drei Millionen Klicks. Auf Instagram sammeln sich unter Hashtags wie #fitgirl über 12 Millionen Beiträge. Sichtbare Bauchmuskeln sind angesagt – nicht mehr nur das berühmte Sixpack, sondern auch die „Ab Crack“, eine tiefe Spalte zwischen dem linken und dem rechten Muskelstrang. In der Erhebung „Frauenfitness Deutschland 2016“ gaben über 70 Prozent der Befragten an, dass es ihnen beim Training darum gehe, mehr Muskelmasse aufzubauen. Was steckt hinter dieser neuen Faszination?

Monique Heckenthaler, die vor zwei Jahren mit dem Bodybuilding begann, sagt, sie sei vor allem neugierig gewesen. „Ich bin auch vorher schon ins Fitnessstudio gegangen. Da kriegt man mit, dass es diesen Sport gibt“, erzählt sie. „Dann fing ich an, mich zu fragen, ob ich selbst auch in der Lage dazu wäre.“

Harter Plan

Es ist Dienstagabend, bis zum Berlin Cup sind es nur noch fünf Tage. Heckenthaler sitzt an ihrem Esstisch, vor ihr eine Schale Kekse, hinter ihr auf einer Kommode zwei Pokale. Links für den vierten Platz der Weltmeisterschaft in Slowenien, rechts für den dritten Platz bei der ostdeutschen Meisterschaft. Sie rahmen die Athletin ein. Im hinteren Teil des Zimmers läuft der Fernseher, ihre beiden Söhne sitzen davor, lachen über die Comicfigur Charlie Brown. Auf Heckenthalers rosafarbenem Hoodie steht „No pain, no gain“, „kein Schmerz, kein Gewinn“. „Ab dem Tag, an dem man sich entscheidet, das zu machen, gibt es einen Plan. Und an den Plan hält man sich.“ Den letzten Satz sagt sie lauter, lässt zwischen jedem Wort eine Pause, schlägt die Kante ihrer rechten in die Handfläche der linken Hand – als wolle sie sich die Worte einhämmern.

Der Plan ist hart. Gewichtheben, bis die Muskeln zittern, Ausdauereinheiten bis zur Erschöpfung. In manchen Phasen muss sie zweimal am Tag ins Fitnessstudio. Dazu eine Ernährungsumstellung: sechs Mahlzeiten täglich, viel Fleisch, viel Fisch. Jede wird bis aufs Gramm genau abgewogen. Das musste sie erst in ihren Alltag einbauen – Heckenthaler ist Mutter und arbeitet als Bürokauffrau. Sonntags stehen ihr Mann und sie oft in der Küche, schnippeln das Essen für die Woche. Das wird dann zubereitet und in Dosen gepackt. Die hat sie immer dabei, alle zweieinhalb Stunden muss sie etwas essen.

Eine große Veränderung für ihren Alltag. Aber die ersten Ergebnisse spornten sie an, ließen sie trotz des riesigen Aufwands weitermachen. „Ich hab mich gefragt: ‚Ey, wo soll denn dieser Sixpack herkommen?‘ Also habe ich den Bauch trainiert, jeden Tag: die Übung, die Übung, die Übung. Und von vorn“, sagt sie. „Dann sieht man Erfolge und ist neu entflammt. Das ist einfach geil.“

Monique Heckenthaler

„Man sieht Erfolge und ist neu entflammt. Das ist einfach geil“

Zu sehen, wie sie ihren Körper selbst formen kann, faszinierte sie. Mehr noch die Willenskraft, die sie entwickelte. Heckenthalers fünfjähriger Sohn kommt zu ihr, klettert auf ihren Schoß und zeigt auf die Kekse. „Möchtest du so einen?“, fragt sie, reicht ihrem Sohn ein Plätzchen. Sie selbst kann sie nicht essen, in den letzten Tagen vor dem Wettbewerb sind keine Kohlenhydrate mehr erlaubt. „Ich hätte so Bock auf Eis“, sagt sie und nimmt einen Schluck von ihrem Protein-Drink.

Selbstdisziplin ist auch für dieses Schönheitsideal nötig, genau wie bei dem der mageren Frau. Aber die Symbolik ist eine schönere: Statt zu hungern, um „size zero“, also im wahrsten Sinne nicht da zu sein, nehmen Frauen nun mehr Platz ein, sind präsent, stark, kraftvoll. Um das Ideal zu erreichen, muss nicht vornehm verzichtet werden, sondern harte Arbeit ist nötig. Im muskulösen Körper der Frau wird der Wille zu Leistung und Disziplin sichtbar.

Das kann man negativ sehen: dass eine weitere Stufe der wahnhaften Leistungsgesellschaft erreicht ist. Selbstoptimierung als letzte kapitalistische Konsequenz. Oder positiv: dass Frauen ihre Stärke nach außen tragen. „Man wirkt ganz anders auf Menschen, wenn man sportlich ist. Man verändert die Körperhaltung und geht viel aufrechter durchs Leben“, sagt Heckenthaler. Sie setzt sich noch gerader hin, zieht die Schultern zurück. „In gewisser Weise trainiert man seinen Charakter mit.“ Sie sei vor dem Sport oft unsicher gewesen, habe nie gern vor Leuten gesprochen. Jetzt sei das kein Problem mehr. Was, wenn die Muskeln plötzlich weg wären? Die Athletin zieht die Augenbrauen hoch, schüttelt den Kopf. „Das wird’s nicht geben“, sagt sie knapp.

Einmal war sie schwach, nach der Schwangerschaft, als sie eine Entzündung im Rücken hatte. „Die Entzündung zu kurieren hat ewig gedauert, ich war gehandicapt als Person, konnte die Babys nicht tragen. Ich habe Hilfe gebraucht, hatte Schmerzen, konnte nicht Frau und Mutter sein. Ich war einfach krank“, sagt sie. Zum erstem Mal während des Gesprächs spricht sie leise, gestikuliert nicht mit den Händen. Dann setzt sie sich wieder gerade auf, schüttelt nochmals den Kopf, wiederholt: „Nein, das wird’s nicht geben.“

Ein anderer Blick

Für Monique Heckenthaler ist Muskelaufbau mehr als Sport. Er gehört zu ihrer Identität. Selbst wenn sie deswegen angefeindet wird. „Manchmal hört man schon, dass man zu viele Muskeln für ’ne Frau habe. Oder ‚boah, eklig‘ “, sagt sie. „Ich glaube, dass man mittlerweile weg ist von diesem ‚Germany’s next Topmodel‘-verhungert. Frauen wollen gesund sein, Muskeln haben. Aber nicht alle finden das toll.“ Denn obwohl es immer mehr trainierte Frauen gibt, gelten Muskeln noch immer primär als männlich. Das manifestiert sich nicht nur in Kommentaren, sondern auch in jener Bikini-Klasse, in der Heckenthaler antritt. Die Athletinnen müssen hier beweisen, dass sie trotz Muskeln Frauen sind. Als sei muskulös und weiblich ein Widerspruch. Die Kandidatinnen tragen bewusst lange Haare und Fingernägel, Lidschatten und viel Glitzer. Der Blick auf die Frau im Bodybuilding ist anders als der auf den Mann.

Es ist Sonntag, der Tag des Wettbewerbs. Monique Heckenthaler steht noch immer auf der Bühne, nutzt noch das letzte bisschen Aufmerksamkeit, um sich zu präsentieren. Sie blickt von einem Jurymitglied zum nächsten, lächelt, zwinkert. Noch weiß sie nicht, dass sie in wenigen Minuten einen weiteren Pokal in der Hand halten wird, den sie auf die Kommode ins Wohnzimmer stellen kann: den zum 3. Platz des zweiten Internationalen Berlin Cups.

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