Frauen im Judentum: Nie ein letztes Wort

Delphine Horvilleur ist Rabbinerin und Autorin – und in Frankreich ein Star. Sie schreibt über Frauen im Judentum, Antisemitismus und Humor.

Delphine Horvilleur mit Jacke und einem Blatt Papier in der Hand im Laufen

Delphine Horvilleur ist europaweit eine wichtige Stimme des liberalen Judentums Foto: Philippe Wojazer/reuters

Wer Delphine Horvilleur zum ersten Mal begegnet, wer sie zum Beispiel an diesem Freitagmorgen in schwarzem Mantel zu weiter gelber Hose und noch weiterem Schlapphut durch die Tür des Pariser Café de Flore rauschen und sich hektisch umschauen sieht, der denkt, sie sei Journalistin, Verlegerin, Anwältin oder Ähnliches. Begriffe wie Religion, Glauben und Rabbinismus kreuzen die Gedanken des Betrachters aber wahrscheinlich selten bis nie. Dabei ist die Fünfundvierzigjährige genau das: eine Rabbinerin, eine Frau des Glaubens.

Glauben, na ja, sagt sie, als sie im oberen Teil des Cafés auf beigen Lederbänken Platz nimmt und ihre nun doch ein bisschen rabbinerhaften braunen Korkenzieherlocken aus ihrem Hut befreit: „Der Begriff ist für mich schwierig. Ich weiß nie, was mein Gegenüber damit eigentlich genau meint.“ Natürlich glaube sie an etwas Transzendentales, meint sie, nur falle es ihr schwer, das weiter zu benennen.

Was Delphine Horvilleur allerdings sehr klar benennen kann, was sie schon immer beschäftigt und irgendwann, über den Umweg eines Medizinstudiums in Israel und einer Journalistenkarriere in Paris und New York zu diesem in Frankreich für Frauen noch immer höchst ungewöhnlichen Beruf (sie ist eine von drei Rabbinerinnen im ganzen Land) führte, ist ihr Glaube an die heiligen Texte.

Sie glaube sehr fest daran, dass diese, entgegen dem, was Fundamentalisten gern behaupten, nie ihr letztes Wort, nie eine endgültige Wahrheit gesprochen haben, sagt sie. Daran, dass, ganz im Gegenteil, jede Epoche, jede Generation sie durch eine neue Interpretation ergänzt und erweitert. Sie übernäht, wie sie gern sagt.

Madame le Rabbin

Der vor Kurzem verstorbene Philosoph George Steiner sagte einmal, jüdisch sein, das bedeute, mit einem Stift in der Hand ein Buch lesen und denken, dass man ein besseres schrei­ben kann. Und auch wenn Horvilleur das natürlich niemals so ausdrücken würde, trifft seine schelmische Beschreibung doch in gewisser Weise zu: Die Bücher, die sie neben ihrem Job als „Madame le Rabbin“ schreibt, sind nicht „besser“ als die heiligen Schriften, aus denen sie sich nähren, aber sie machen sie für die Allgemeinheit zugänglich. Auch für jene, die nie eine Synagoge betreten und vom Judentum nur eine begrenzte Kenntnis haben.

Die Fragen, die sie in ihren klugen, man will fast sagen, weisen Essays stellt, sind Fragen von heute. Sie beleuchten die Gegenwart: Es geht darin zum Beispiel um den Platz der Frau und der Weiblichkeit in der Religion („En tenue d’Ève. Féminin, pudeur et judaisme“), es geht um Identität und Zugehörigkeit („Comment les rabbins font les enfants“), um den Versuch eines interreligiösen Dialogs („Des mille et une facons d’être juif ou musulman“). Und zuletzt um die leider wieder aktuelle Frage des Antisemitismus.

Ihre „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“, die jetzt auf Deutsch erscheinen, suchen in fast psychoanalytischer Manier nach dem Ursprung des antisemitischen Hasses, der sich wie verdorbenes Erbgut weiterträgt: Hat es, wie der Babylonische Talmud mutmaßt, damit zu tun, dass die he­bräi­schen Urväter Abraham, Isaak und Jakob eine gewisse Timna, die dem Judentum beitreten wollte, zurückwiesen und diese ihren Groll über diese Ablehnung auf ihren Sohn Amalek, den ersten Antisemiten der Geschichte, übertrug?

Oder geht der Hass noch weiter zurück, zu Amaleks Großvater Esau, der seinem Zwillingsbruder Jakob seine Entwicklungskraft neidete? Ist es ein zivilisatorischer Kampf oder gar einer der Geschlechter?

Humor als Überlebensmittel

Horvilleur taucht für ihre Suche ganz tief in die rabbinischen Schriften ein. Wer davon bisher wenig kannte, der wird sich vielleicht wundern, dass Rabbiner seit jeher in allen Ecken der Bibel nach einer Antwort suchen, auf die unlösbare Frage: „Warum werden die Juden nicht gemocht?“ „Weil sie nicht nett (gentils) sind“, zitiert Delphine Horvilleur in ihrem Prolog ­Jacques Lacan. Sie lacht. Der Humor, der sogenannte jüdische, dem man in ihrem Essay permanent begegnet, sei ein essenzielles Überlebensmittel der Juden.

Oder wie die Autorin und Filmemacherin Marceline Loridan-Ivens sagte: „Sie werden uns das Leid, das sie uns angetan haben, niemals verzeihen.“ Horvilleur nickt

„Es ist ein Weg zur Resilienz“, meint sie, dieser psychologischen Fähigkeit Traumata zu überwinden und weiterzumachen, sich ans Leben zu haften, statt sich vom Schmerz überwältigen und in eine lähmende Opferrolle drängen zu lassen. Paradoxerweise ist die Fähigkeit in unseren Zeiten der Opferkonkurrenz ein „Grund“ für Hass und Neid: „Vor Kurzem hat eine Studie ergeben, dass 16 Prozent der Franzosen nie von der Schoah gehört haben. Und trotzdem heißt es immer wieder: Lasst uns endlich mit der Schoah in Ruhe, dauernd geht es nur darum!“

In ihrem Buch schreibt sie ironisch: „Die Juden wehren sich hartnäckig gegen den eigenen Untergang – und diese Ausdauer ist eine unerträgliche Frechheit. Ja, sogar ihr Leid ist unverwüstlich! Wenn sie, schwer getroffen, wieder aufstehen, rufen sie es ihrem Henker in Erinnerung und zwingen ihn, sie noch mehr dafür zu hassen, schwerer als er selbst gelitten zu haben.“

Oder wie die Autorin und Filmemacherin Marceline Loridan-Ivens sagte: „Sie werden uns das Leid, das sie uns angetan haben, niemals verzeihen.“ Horvilleur nickt. Marceline sei eine Inspiration gewesen, deshalb habe sie ihr dieses Buch widmen wollen. Ihr und ihrer Freundin, einem anderen „Mädchen von Birkenau“: Simone Veil.

Simone Veil, eine gute Fee

„Für mich ist Simone wie eine gute Fee, die sich über die Wiegen der Mädchen meiner Generation gebeugt hat.“ Tatsächlich wird Horvilleur just in jenem Jahr, in jenem Monat, im November 1974, geboren, in dem Veil ihre berühmte Rede für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs hält, die zwei Monate später in der „Loi Veil“ mündet.

Etwa zu dieser Zeit wird auch Veils Vergangenheit bekannt: Man erfährt, dass sie als Sechzehnjährige nach Auschwitz deportiert wurde, dass sie im Holocaust Mutter, Vater und Bruder verlor. Damals dachte man, mit dem Antisemitismus sei es nach der Schoah vorbei, und doch malten Abtreibungsgegner Veil schon damals, 1974, Hakenkreuze an die Haustür, so wie man sie 2019 im Zuge der Gelbwesten-Demos auf ihr Porträt sprühte. Hätte man damals schon stutzig werden müssen?

„Vielleicht.“ Der Moment, in dem Horvilleur verstand, dass auch ihre Generation den Hass kennen würde, war allerdings ein anderer: „1990, die Schändung des jüdischen Friedhofs von Carpentras. Ich saß mit meinem Vater im Auto, er drehte sich zu mir und sagte: Das ist das schlimmste Ereignis meiner Generation.“ Ab da habe sie geahnt, was sie heute weiß: „Der Antisemitismus wird nie ganz verschwinden, aber wir können lernen zu verstehen, was dahinter steckt.“

„Wenn sie hören, dass man schlecht über Juden spricht, horchen sie auf, man spricht von ihnen“, schrieb der Psychiater Frantz Fanon 1952. „Der Antisemitismus ist kein Problem der Juden, sondern der ganzen Gesellschaft“, wird Horvilleur nicht müde zu wiederholen.

Der Hass gegen Juden sei kein aus dem Nahen Osten importierter Konflikt, wie man es gern darstellt. Er ist nichts von außen Hereingetragenes, sondern das Symptom einer kranken Gesellschaft. Einer, die nicht mehr mit Vielheit umgehen kann, die sich nach etwas geschlossenem, vermeintlich Vollkommenem und Reinem sehnt und die Juden als Hindernis sieht.

Bangen um die Männlichkeit

Es ist auch das Zeichen einer Gesellschaft, die um ihre Männlichkeit bangt, immerhin wurden Juden von ihren Gegnern oft als „weiblich“ karikiert: „Angriffe auf die Juden sind eine Art Generalprobe für eine kommende, alle erfassende Gewaltexplosion“, erklärt sie. Wie sehr das stimmt, lässt sich in Frankreich, wo der Antisemitismus seit knapp zwanzig Jahren wächst, beispielhaft ablesen: 2006 wurde der Handyverkäufer Ilan Halimi von der sogenannten Gang des Barbares entführt und zu Tode gefoltert.

2012 drang Mohamed Merah in Toulouse in eine jüdische Schule ein und tötete einen Lehrer und drei Kinder. Drei Jahre später erlebte das Land mit den Attentaten auf Charlie Hebdo, den Hyper-Casher-Supermarkt von Vincennes, das Bataclan und Nizza eine Flutwelle der Gewalt.

Trotzdem hat man lange gebraucht, um zu verstehen, dass es um alle geht: „Ich habe mich oft gefragt, wie es sein konnte, dass wir nach den Morden von 2012 allein auf der Straße standen. Drei Kinder wurden in ihrem Schulhof erschossen: Warum haben nur Juden demonstriert?“

Was glaubt Sie, warum? Sie zuckt mit den Schultern: „Verdrängung.“ Spätestens seit März 2018, seit die 85-jährige Holocaust-Überlebende Mireille Knoll in Paris von ihrem Nachbarn ermordet und in ihrer Wohnung in Brand gesetzt wurde, ist die Verdrängung nicht mehr möglich.

Delphine Horvilleur ist im Zuge dieser späten Bewusstwerdung ein Sprachrohr geworden. Ein Dialogpartner, manche sagen, eine Art Rabbi-Superstar, was einigen missfällt: „In Zeiten wie diesen neigt man natürlich dazu, sich in der Gemeinschaft abzuschotten. Ich verstehe das. Oft war es nur eine kleine, fest verschlossene Tür, die den Juden das Leben rettete. Trotzdem glaube ich, dass wir die Türen heute öffnen müssen. Mit meinen Büchern versuche ich, das zu tun.“

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