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Frank Schäfer Die Rückkehr der Metal-Zwillinge

Die metallischen Achtziger erscheinen mir im Rückblick etwas arg überzeichnet. Klar, auf dem Sunset Strip, da mag auch schon mal ein Frotteeschlüpfer geflogen sein, wenn ein hübscher Jüngling mit einer Stratocaster vorm Bauch und einer sauren Dauerwelle auf dem Schädel das Whisky a Go Go in Wallung gebracht hatte. In einem selbstverwalteten Jugendzentrum in Salzgitter-Gitter passierte das nicht. Das sind Erfahrungswerte! Wer damals in der niedersächsischen Steppe mit Heavy Metal sein Glück zu machen suchte, traf immer dieselben sieben schwer erziehbaren, zu hundert Prozent männlichen Jugendlichen in Kutten. Man kannte sich bald.

Beim dritten oder vierten Konzert unserer Gurkentruppe im UJZ Peine fielen uns zum ersten Mal die Zwillinge auf. Zwei linkisch am Rand stehende, aber nach jedem Song artig durchknallende, Horns aufzeigende Schmachthaken mit ungesunder Gesichtsfarbe und semmelblonder Matte, die aber anders als die übrigen fünf Peiner Huckeduster mitgrölten, als unser Sänger den jahrhundertealten Schmähruf der Braunschweiger Nachbarschaft anstimmte. „Wer wär schon gern Peiner …? Keiner!“ Sie gehörten also nicht zu den Hiesigen, sondern reisten uns hinterher. Mir wurde auf einmal ganz anders. Das hier war die Walachei-Variante eines Fanclubs.

Tatsächlich sahen wir sie jetzt regelmäßig. Sie standen täppisch am Rand, frohlockten übertrieben in den Spielpausen, wie sich das für wahre Gläubige gehört, und wurden dafür im Anschluss von uns auf Händen getragen. Denn natürlich hofierten wir sie, nicht etwa umgekehrt, drängten ihnen Demos, Bandshirts und vor allem weitere wichtige Termine auf. „In drei Wochen im Jugendtreff Dungelbeck. Und bringt eure Kumpels mit!“ – „Hamwa nicht.“

Verlorenes Paar

So lief es viele Jahre, bis die Band dem guten Zureden von Familienangehörigen, Freunden und Musikkritikern endlich nachgab und sich auflöste. Wir verloren die Zwillinge aus den Augen und vergaßen fast, dass es zwei Menschen auf diesem Planeten gab, denen unsere Musik nicht völlig Latte war. Das ist mittlerweile vierzig Jahre her. Wir treffen uns immer noch regelmäßig und sorgen hin und wieder mit der Idee einer Reunion für Verstörung. Und die Kombattanten kommen auch gern zu meinen Metal-Lesungen, weil sie hier hören, dass ihr musikalisches Leben nicht völlig umsonst war. Sie glauben es beinahe schon.

Neulich erst wieder in der Landesmusikakademie in Wolfenbüttel. Die Band war vollzählig, aber bevor ich ans Mikro trat, zeigte Knüppel auf zwei versplisst blondmähnige Altmetaller, die in der hintersten Ecke saßen und verschämte Blicke herüberwarfen. Ihre Kutten waren in den letzten vier Dekaden hemmungslosen Bierverzehrs zu Bolero-Jäckchen geschrumpft. Sie hatten etwas Metzger-Rouge aufgelegt, die gesunde Gesichtsfarbe des forcierten Fleischfressers. Doch das alles konnte uns nicht täuschen.

„Die Zwillinge“, riefen wir unisono. Was dann folgte, war nun nicht wie im biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn – nein, es war doppelt so gut.

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