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Fotoarbeit von Lina CzernyVom Werk an der Hülle

Lina Czerny interessiert sich für Körper und deren Wandelbarkeit. Mit ihren Bildern zeigt sie, wie vielfältig unsere Vorstellungen von Schönheit sind.

Sie blickt direkt in die Kamera. Die Frau mit den türkisen Augen, die von langen, geschwungenen Wimpern umrahmt sind. Immer wieder bleibt man an diesen Augen hängen, wenn man sich die Fotoarbeit „I Am Not Like Me“ von Lina Czerny ansieht. Denn der Blick der Porträtierten ist uneindeutig. Einerseits wirkt er stark und selbstbewusst, andererseits geht eine gewisse Melancholie von ihm aus. Dies könnte einen Grund haben: Die Frau, die Czerny für ihre Abschlussarbeit an der Ostkreuzschule für Fotografie abgelichtet hat, wird aufgrund ihrer stark aufgespritzten Lippen nicht immer nett behandelt, habe sie ihr erzählt.

Es ist die Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes, die Czerny in ihrer Arbeit interessiert. Hat sie sich im vorangegangenen Projekt noch mit den naturgegebenen Eigenschaften von Haut beschäftigt, geht es ihr diesmal um das Herumwerkeln an der eigenen Hülle. Was, wenn mir meine Gesichtszüge oder mein Körper nicht gefallen, wie sie sind? Wie kann ich zu einer besseren, schöneren, stärkeren Version meiner selbst werden? Czernys Fotografien, die bei Schönheitswettbewerben, in OP-Sälen und bei Eins-zu-eins-Begegnungen entstanden sind, zeigen mal subtil, mal explizit, aus wie viel Arbeit und Disziplin die abgelichteten Körper geformt sind. Und ja, auch Schmerz wie bei der Brust-OP, die Czerny fotografisch begleitet hat. „Wenn man mitbekommt, wie brutal das Ganze abläuft, ist es schon krass, dass man so etwas freiwillig macht, um einem bestimmten Ideal zu entsprechen“, sagt Czerny. Vieles habe sie vor der Beschäftigung mit dem Thema auch gar nicht gewusst. Etwa, dass Bo­dy­buil­de­r zur Vorbereitung auf einen Contest erst etliche Liter Wasser trinken und dann damit aufhören, um die Muskeln besonders hervortreten zu lassen.

Ist wirklich immer alles nur „Selflove“, wie es das Tattoo auf dem Oberarm der Kandidatin von „Miss Deutschland“ suggeriert?

Schließlich bewegen wir uns in Sachen Schönheit im Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung und Prägung. Was wir für schön und erstrebenswert halten, hat nicht nur mit uns, sondern auch mit unserem Umfeld zu tun. Durch den gesellschaftlichen Wandel, Social Media und die Beautyindustrie entstehen immer neue Ideale, denen wir nachzueifern versuchen. Unsere Freiheit liegt vermutlich darin, zwischen den einzelnen Optionen auswählen oder uns ihnen ganz verweigern zu können. Oder sie nach unseren eigenen Vorstellungen umzusetzen, wie die Frau, die mit ihren Lippen aus der Masse heraussticht.

Beim Shooting sei ihr wichtig gewesen, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sagt Czerny. Dafür verzichtet sie auf grellen Blitz. Die Bilder strahlen eine gemäldeartige Ruhe aus. „Ich wollte den Fokus darauf legen, dass es etwas Schönes ist, wenn wir alle unterschiedlich aussehen“, sagt Czerny. Man blickt den Porträtierten ins Gesicht und denkt: Menschen sind so wandelbar. Respekt!

Lina Czernys Arbeit ist im Rahmen der Abschlussausstellung der Ostkreuzschule für Fotografie noch bis zum 5. Oktober im Cank in Berlin-Neukölln zu sehen. Ihr Fotobuch „I Am Not Like Me. Versions of Becoming“ erscheint demnächst im Kerber Verlag.

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