Flüchtlingslager Moria in Griechenland: Zwischen Elend und Abschreckung

Nach dem Brand in Moria haben Organisationen viele Spenden gesammelt. Die Lage vor Ort ist aber weiter katastrophal.

Zwei Männer an einer Wasserleitung hinter Nato-Stacheldraht im Flüchtlingscamp Kara Tepe

Wasserstation im Flüchtlingscamp Kara Tepe auf Lesbos Foto: Panagiotis Balaskas/imago

BERLIN taz | Vor rund drei Monaten ist das wohl schlimmste Flüchtlingslager Europas abgebrannt: Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Millionen an Spenden und Steuergeldern sind seitdem mobilisiert worden, damit die 8.000 Flüchtlinge auf der Insel es künftig besser haben. Doch davon kann bislang keine Rede sein: Im hereinbrechenden Winter leben die Schutzsuchenden im neuen Camp in windschiefen Zelten, die immer wieder überflutet werden.

Das neue Lager Kara Tepe ist ein einstiger Schießübungsplatz des Militärs. Die Menschen dort schlafen auf Geröll. Da es keine Duschen gibt, müssten sich alle im Freien mit kaltem Wasser waschen, berichtet der afghanische Flüchtling Omid Alizadah. Auch Frauen und Kinder müssten für die Essenausgabe, zweimal am Tag, stundenlang anstehen.

Und die Spenden? Alizadah erzählt von einer „Handwaschstation“, die von einer Hilfsorganisation in Kara Tepe aufgebaut worden sei. Dort stehe ein Freiwilliger und fordere zum Händewaschen auf oder zeige, wie das gemacht wird.

Alizadahs Entrüstung ist am Telefon zu hören: „Wenn die Leute Wasser hätten, könnten sie das schon selbst!“ Er zählt auf, was dringend gebraucht wird: fließend Wasser, Strom, Medikamente. „Es wäre eine gute Zeit, hier Geld auszugeben“, sagt er.

Auch unter deutschem Vorsitz haben die EU-Staaten die Schlüsselelemente der Asylreform nicht entscheidend voranbringen können. Die Frage der Verteilung Schutzsuchender in Europa bleibt weiter ungelöst. Es gebe unterschiedliche Auffassungen, wie „im Konkreten Solidarität zwischen den europäischen Mitgliedstaaten vonstattengehen soll“, wenn ein Land überlastet sei, sagte der Parlamentarische Innenstaatssekretär Stephan Mayer (CSU) am Montag vor einer Videokonferenz der EU-Innenminister. Er vertrat Minister Horst Seehofer (CSU), der in Quarantäne ist. Doch bemühte sich Mayer um ein positives Fazit der deutschen Ratspräsidentschaft. Man sei deutlich weiter als vor sechs Monaten. Ergebnisse wollte er noch am Montag in einem Bericht vorlegen. Doch daraus gehe laut dpa klar hervor, dass in zentralen Punkten keine Lösung in Sicht ist. Dass die Kommission künftig einen Rückkehrkoordinator einsetzen will, ist für Mayer ein großer Fortschritt. (dpa)

Geld ist nicht das Hauptproblem

Geld sollte eigentlich da sein: Schon lange sammeln etliche Hilfsorganisationen für Geflüchtete auf den griechischen Inseln. Dann brannte das Camp Moria am 8. und 9. September ab, die Spendenbereitschaft stieg. Mit „Nothilfe erforderlich: Wir brauchen Sie, jetzt!“ rief etwa Movement on the Ground, eine niederländische Nichtregierungsorganisation (NGO), schon am zweiten Tag nach dem Brand zu weiteren Spenden auf.

Sie war nicht die einzige. Auch die EU kündigte weitere Hilfen für die Flüchtlinge in Griechenland anx. Doch die Insassen des neuen Camps auf Lesbos sagen, es sei dort jetzt schlimmer als zuvor in Moria. Wie geht das zusammen?

Die taz hat 18 auf Lesbos aktive Hilfsorganisationen gefragt, wie viele Spenden sie seit dem Brand gesammelt haben und wofür sie diese ausgeben konnten. Neun NGOs antworteten. Sie gaben an, seit dem Brand 5,8 Millionen Euro gesammelt zu haben. Vier Millionen Euro davon sollen bereits für Nothilfe, Notunterkünfte und konkrete Hilfsprojekte ausgegeben worden sein.

Im Lager fehlt es fast an allem

Doch den 8.000 Geflüchteten auf Lesbos fehlt es noch immer an fast allem. Das sagen mehrere voneinander unabhängige Quellen. „Ich bin auch der Meinung, dass das Geld nicht bei den Geflüchteten ankommt“, schreibt etwa Alice Kleinschmidt von der deutschen NGO Borderline Europe der taz.

Dabei wurde durchaus schon einiges geliefert: Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat nach eigenen Angaben etwa eintausend Familienzelte, rund fünfzig neue Toiletten, zehn vorgefertigte Lagerhallen und sechs Generatoren im neuen Camp auf Lesbos aufgestellt und dazu mehrere tausend Bettdecken, Schlafsäcke, Plastikmatten und Wasserkanister für Regenwasser verteilt.

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef hat auf Lesbos vor allem 1.800 sogenannte Wash & Dignity Kits verteilt, das sind Kisten mit Seifen, Waschmitteln, Wasserreinigern, Eimern, Unterwäsche und Menstruationsbinden. Außerdem kümmert Unicef sich momentan um 72 alleinerziehende Mütter, ihre 116 Kinder und 30 unbegleitete Kinder in einem Abschnitt des Lagers für Familien.

Das Internationale Rote Kreuz und der Rote Halbmond geben an, seit dem Brand in Moria dort 940.000 Euro ausgegeben zu haben. Finanziert wurden eine mobile Gesundheitsstation, Zelte, Winter- und Hygiene-Kits und ein Spezialteam, um für sauberes Wasser und Sanitäranlagen zu sorgen. Die anderen sechs Hilfsorganisationen, die der taz geantwortet haben, haben kleinere Spendenbeträge gesammelt und ausgegeben.

Der Griechische Flüchtlingsrat sammelte nach dem Feuer 35.000 Euro Spenden. Damit konnte die NGO ihr Team auf Lesbos mit eine:m Sozialarbeiter:in und eine:m Farsi-Übersetzer:in verstärken. Die Caritas Hellas gibt an, seit dem Brand 150.000 Euro Spenden bekommen zu haben. Damit habe sie auf Lesbos und Chios unter anderem tausend Schlafsäcke verteilt und 40 Chemietoiletten aufgestellt.

Flüchtling wundert sich, wo die Hilfsgelder verbleiben

Die 162 nationalen Verbände der Caritas arbeiten selbstständig, doch einige kooperieren für Projekte. So hat die Caritas International den griechischen Verband mit 75.000 Euro unterstützt und 450.000 Euro für ein Jahr für ein Projekt gegeben, das anerkannten Asylbewerber:innen auf Lesbos, Chios und in Athen hilft.

Die kleineren NGOs Lesvos Solidarity und Refugee4Refugees schrieben nur, keine Kapazitäten zur Beantwortung der Anfrage zu haben. Intersos wollte gar keine Angaben machen. Drop in the Ocean sowie Help International haben gar nicht auf die Fragen reagiert.

Von den Hilfen „kommt bei den Menschen bisher wenig an“, sagt Omid Alizadah. Er engagiert sich im Moria Corona Awareness Team, einer von Geflüchteten selbst organisierten Gruppe. Sie informiert über Face­book, gibt Erste-Hilfe-Kurse und Tipps, sich zu schützen. „Es wurden auch Masken gespendet, aber nur Wegwerfmasken“, sagt er. „Wir brauchen aber zehn Mal so viele und wiederverwendbare.“

Keine Transparenz und Kontrolle der Mittelverwendung

Sein Wunsch: Die Versorgungslücken vor Ort müssten erkannt und schnell geschlossen werden – eine Handwaschstation reiche nicht, der Winter ist schon da. Etwa 8.000 Geflüchtete leben heute auf Lesbos. Die eingesammelten vier Millionen entsprechen pro Kopf 500 Euro. Warum gibt es diese Diskrepanz zwischen Spendenhöhe und der Situation vor Ort?

Ein Teil der Antwort: Letztlich tragen die griechischen Behörden die Verantwortung für die Situation im Lager und nicht NGOs. Griechenland hat erhebliche Mittel für die Flüchtlingsversorgung aus Brüssel bekommen – lässt sich aber nicht in die Karten schauen. Das griechische Ministerium für Migration und Asyl, die für das Lager Kara Tepe zuständig ist, hat nicht auf die taz-Anfrage reagiert.

Efi Latsoudi ist Referentin der NGO Refugee Support Aegean, die von Pro Asyl aus Deutschland finanziert wird. Am Telefon klingt sie aufgebracht. Der Mangel in den Lagern sei offensichtlich, aber es fehlten Daten, sagt sie. Wohin Spenden genau fließen? Das sei nur sehr schwer zu beantworten.

Die 2016 mit dem Nansen-Preis des UNHCR ausgezeichnete Latsoudi betont, wie undurchsichtig die Lage ist: „Wer ermittelt den Bedarf, wer koordiniert? Es gibt keine Kontrollinstanz.“ Und das, vermutet sie, sei politisch gewollt. „Im Zentrum dieser Flüchtlingskrise gibt es eine Menge Korruption“, behauptet Latsoudi, nennt aber keine Details.

Athen will „attraktive“ Aufnahmebedingungen verhindern

Griechenland hat von der EU von 2015 bis heute 2,8 Milliarden Euro für die Flüchtlingsversorgung bekommen. Das ist im Verhältnis zur Zahl der Aufgenommenen mehr, als jedes andere Land der Welt pro Kopf bekommen hat. Gleichzeitig ist die größte Sorge der Regierung in Athen, die Aufnahmebedingungen könnten auf weitere Flüchtlinge anziehend wirken.

„Der Aufwand und die Steine, die den Organisationen in den Weg gelegt werden, werden weitgehend unterschätzt. Es ist ja auch kaum möglich, Zugang zum Camp zu bekommen, um die Menschen mit Essen zu versorgen“, sagt Erik Marquardt, ein Abgeordneter der Grünen im EU-Parlament. Er steckt hinter der Kampagne #LeaveNoOneBehind. Organisiert wird sie vom Verein Civilfleet-Support, in dessen Vorstand Marquardt ist.

„Nach dem Brand haben wir uns gefragt, wie wir vor Ort schnell Projekte planen können. Es war aber einige Zeit völlig unklar, wie lange das neue Zeltlager eigentlich steht und ob es Sinn macht, dort Strukturen aufzubauen“, sagt er. „Es reicht nicht, möglichst schnell Geld zu sammeln, es muss auch in funktionierende Projekte fließen“ – etwa in die ersehnten Duschen: „Wir werden nun warme Duschen in Containern für die Menschen aus dem neuen Moria auf Lesbos liefern und sie neben dem Camp aufbauen, da die Behörden immer noch keine eingerichtet haben.“

Die Krux: zu helfen, ohne den allgemeinen Zustand zu legitimieren. „Wir wollen uns nicht am Aufbau eines neuen Elendslagers beteiligen, sondern nachhaltige Verbesserungen erreichen“, sagt er.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de